Ab und zu findet man einen interessanten Beitrag zu Weihnachten in weltlichen Publikationen. So gab es im deutschen Magazin ‘Der Spiegel’ letzte Woche eine Kolumne von Margarete Stokowski zu deutschen Weihnachtsliedern. (https://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/deutsche-weihnachtslieder-verriss-von-margarete-stokowski-a-1301643.html)

Der Titel der Kolumne: ‘Deutsche Weihnachtslieder: O du schmerzliche. Einsam, hygienisch, morbide – so klingt Weihnachten in den Texten, die die Deutschen am liebsten unterm Baume singen. Ein Verriss.’

Meine erste Reaktion zu diesem Titel war: Wie bitte? Wie kommt die gute Frau denn darauf? Alle Jahre wieder, O du fröhliche, Vom Himmel hoch, da komm ich her – das sind doch alles unheimlich fröhliche Lieder mit Texten, die unbändige Freude über die Geburt Christi ausdrücken. Einsam? Hygienisch? Morbide?

Und so las ich die Kolumne und stellte fest, dass Frau Stokowski das ganze mit einer guten Prise Humor schreibt, mit einem Augenzwinkern – es ist im Grunde genommen eine Satire. Und sie spielt natürlich auf Vorurteile an, die man so über Deutsche hat. Schon zu Beginn ihres Artikels fasst sie zusammen, was, ihrer Meinung nach, in deutschen Weihnachtslidern ausgedrückt wird: ‘Das Leben ist darin prinzipiell hart, die Sache mit Jesus zwar ganz erfreulich, aber Leiden, Pflicht und Ordnung dürfen nicht vergessen werden.’

Und irgendwo hat sie auch recht, jedenfalls in Hinsicht auf einige Weihnachtslieder aus dem 19. Jh., die wirklich gute deutsche Werte auszudrücken scheinen: Ruhe, Ordnung und Reinlichkeit. ‘Stille Nacht’, ‘Leise rieselt der Schnee, still und starr ruht der See’, ‘Still, still, still, weil’s Kindlein schlafen will’ – wir wollen ja nur keinen Aufstand machen! Im Deutschen gibt’s keinen ‘Little Drummer Boy’.

Und dann die Sache mit der Ordnung und Reinlichkeit: nicht nur im Lied ‘Morgen, Kinder, wird’s was geben’ wird von einer glänzenden Stube, die wie ein geputzter Kronensaal aussieht, berichtet, nein, auch im Lied ‘Ihr Kinderlein kommet’, geht es um Reinlichkeit: “O seht in der Krippe im nächtlichen Stall, / seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl / in reinlichen Windeln das himmlische Kind / viel schöner und holder als Engel es sind.” Das Christkind darf natürlich keine vollen Windeln haben. Ich muss zugeben, dass ich diese Betrachtungen noch ganz amüsant finde. Da ist was dran.

Aber dann wurde ich nachdenklich, als ich ihre Kommentare zu den Weihnachtsliedern las, die sie, wenn auch mit einer gewissen Ironie, als ‘morbide’ bezeichnet.

Stokowski schreibt zum Beispiel, dass selbst in einem fröhlichen Lied wie ‘O du fröhliche’ etwas Unheimliches apokalyptischen Ausmasses lauert: Welt ging verloren, Christ ward geboren. Da können wir uns anscheinend nicht nur freuen, sondern müssen daran erinnert werden, dass die Welt schlecht ist.

Nun muss ich sagen, dass Stokowski, wenn sie das Evangelische Gesangbuch aufgeschlagen hätte, noch viel mehr zu diesem Thema hätte finden können: in Strophe 5 von ‘O Kinderlein kommet’ – eine Strophe, die wir gerne auslassen – heisst es zum Beispiel: ‘O betet: Du liebes, du göttliches Kind, was leidest du alles für unsere Sünd! Ach hier in der Krippe schon Armut und Not, am Kreuze dort gar noch den bitteren Tod.’ Das ist schon heftig!

Es gibt in unserem Gesangbuch kaum ein Weihnachtslied, das nicht von Sünde, Schuld und Leid spricht – da können Sie gerne mal durchblättern. Und da könnten wir mit Stokowski zurecht fragen: Muss das denn sein? Macht das nicht die Stimmung kaputt?

Das hängt davon ab, was wir unter ‘Weihnachtsstimmung’ verstehen. Wenn es nur um Friede, Freude, Eierkuchen gehen soll, heile Welt am Heiligenabend, dann sind Liedzeilen, die von Schuld, Leid oder gar Tod sprechen, schon verstörend – oder einfach nur störend.

Aber bei Weihnachten geht es um mehr als eben nur Friede, Freude, Eierkuchen. Und das weiss auch Stokowski. Sie schreibt gleich zu Beginn ihrer Kolumne: ‘Was gefeiert wird, ist, dass Jesus geboren ist. Seine Ankunft bei den Menschen, der Beginn von etwas Großem: Freude, Hoffnung, Rettung.’ Freude. Hoffnung. Rettung.

Und all das reflektieren die Weihnachtslieder, die Stokowski als ‘morbide’ bezeichnet – all die Weihnachtslieder, die eben nicht nur zuckersüβ von der Geburt Christi singen, sondern eher wie fröhliche Protestssongs klingen: wir wissen, dass in der Welt so einiges im Argen liegt. Aber wir freuen und trotzdem und singen mit fröhlichem Trotz, denn Christus ist uns geboren! Es gibt Hoffnung!

Und weil es diese Hoffnung gibt, leben wir auch in sie hinein – da akzeptieren wir eben nicht, dass die Welt schlecht ist, sondern tun etwas, um das Leben für andere besser zu machen. Wir werden so die fleischgewordene Hoffnung für die Welt.

In der altbekannten Weihnachtsgeschichte hören wir von eben dieser Hoffnung. Die gaukelt uns eben nicht vor, dass die Welt wunderbar und in Ordnung ist. Da haben wir ein junges Paar, das, fern von zuhause, eben zusehen muss, wie es klarkommt und ihr Kind unter den widrigsten Umständen in die Welt bringt. Die Hirten symbolisieren die, die am Rand der Gesellschaft stehen, die, die nicht integrierbar sind. Herzlose und kalkulierende weltliche Mächte haben das Sagen. Das kennen wir alles, das gibt’s auch heute noch.

Die Weihnachtsgeschichte reflektiert die Menschheitsgeschichte, eine Geschichte, in der es schon immer Unterdrückung und Leid gegeben hat. Aber es hat auch immer Hoffnung gegeben. Im Kind in der Krippe, im Gott, der zu uns kommt und mit uns geht, wird diese Hoffnung Fleisch.

Ja, Welt ging verloren, doch Christ ward geboren – darum freue, freue dich, du Christenheit!

 

 

 

 

 

 

 

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