Vor genau 200 Jahren wurde zum allerersten Mal ein Lied gesungen, das seitdem zu einem Weihnachtsklassiker geworden ist: Stille Nacht, Heilige Nacht. Da gibt es so einige Legenden, die die Entstehungsgeschichte dieses Liedes umranken; was wir mit Sicherheit sagen könne, ist, dass der junge Priester Joseph Mohr die Worte zu ‘Stille Nacht’ wahrscheinlich um 1816 herum schrieb und dann, als er nach Oberndorf in Ősterreich kam, den dortigen Kirchenmusiker, Franz-Xaver Gruber, bat, diese Worte zu vertonen.

Der Rest ist Geschichte. Dieses einfache und wunderschöne Lied, das zunächst von vielleicht 50 Leuten in der kleinen Kapelle in Oberndorf gehört wurde, verbreitete sich erst in ganz Ősterreich, und dann in der ganzen Welt. ‘Stille Nacht’ ist wahrscheinlich das beliebteste Weihnachtslied überhaupt. Es wurde in ca. 140 Sprachen übersetzt. Wenn Sie heute irgendwo auf der Welt in einen Heiligabendgottesdienst gegangen wären, hätten Sie dieses Lied auch höchstwahrscheinlich gehört: ‘Sille Nacht, heilige Nacht’ – ‘Silent Night, Holy Night’ – ‘Noche de paz, noche de amor’ – ‘Douce nuit, sainte nuit’.

Menschen vieler verschiedener Kulturen werden von diesem Lied, diesen Worten angesprochen. In diesem Lied geht es um Dinge, die alle Menschen verstehen: Da ist das Wunder der Geburt, das ehrfürchtige Staunen, wenn wir ein Neugeborenes sehen, die Sehnsucht nach Stille und Frieden in einer Welt, die eben nicht so still und friedlich ist – ganz im Gegenteil. Man kann schon sagen, dass ‘Stille Nacht’ einen universalen Nerven berührt.

Vor fast genau 100 Jahren endete einer der schrecklichsten Kriege, den die Menschheit je erlebt hat: der erste Weltkrieg. Nun will ich nicht auf die ganzen Schrecknisse dieses Krieges eingehen, schlieβlich ist Heiligabend. Aber da passierte etwas während dieses Krieges, das seitdem al sein Wunder bezeichnet worden ist: Der Weihnachtsfrieden von 1914.

Der Krieg hatte erst ein paar Monate zuvor begonnen, im Hochsommer, und alle Kriegsparteien waren sich sicher, dass dieser Krieg schnell gewonnen werden könnte. Viele Soldaten waren zuversichtlich, dass sie Weihnachten wieder zuhause sein würden.

Doch dieser Krieg entwickelte sich schnell zu einem zermürbenden Krieg in Schützengräben. Viele, die begsitert an die Front gezogen waren, um für ihr Vaterland zu kämpfen, waren bereits zum Jahresende ernüchtert und kampfesmüde. 

Papst Benedikt XV. und der Pariser Erzbischof beschworen die Führer der kriegerischen Nationen, zu Weihnachten einen Waffenstillstand einzulegen; doch besagte Führer dachten da gar nicht dran, sondern wollten, dass die Kämpfe ununterbrochen weitergeführt werden.

Doch dann passierte das Wunder: überall an der Front, im Westen wie im Osten, widersetzten sich die Soldaten und auch einige der Offiziere diesem Befehl – und das war nicht abgesprochen, das passierte ganz spontan an verschiedenen Orten. Soldaten legten ihre Waffen am Heilgabend nieder.

Es gibt einige Berichte, was an jenem Heilgabend im Jahre 1914 geschah. An der Westfront rollten sächsische Soldaten ein Fass Bier über die Kampfeslinien, als Weihnachtsgeschenk für den britischen Gegner. Die Briten revanchierten sich, indem sie traditionelle Christmas Puddings mit den Deutschen teilten.

Da gibt es Geschichten, dass an jenem Abend Verbrüderungen stattfanden; Männer, die eigentlich verfeindet sein sollten, zeigten einander Bilder ihrer Familien und Geliebten. An verschiedenen Orten fanden spontane Fuβballspiele statt. Die Soldaten teilten ihre Rationen miteinander und gaben einander Geschenke. Und es ist bezeugt, dass teilweise auch gemeinsame Messen und Gottesdienste gehalten wurden. Und da wurde dann auch das Weihnachtslied gesungen, das eine universal Sehnsucht ausdrückt: Stille Nacht, Heilige Nacht – in verschiedenen Sprachen, doch verstanden haben es alle.

Die ernüchterten und kampfesmüden Soldaten erinnerten sich am Heiligabend daran, dass sie alle letztlich nur Menschen sind und diese Menschlichkeit miteinander teilen. Sie erinnerten sich daran, dass Gott als Mensch in die Welt kam, um an der Menschlichkeit aller teilzuhaben. Und sie erinnerten sich an die Engelsbotschaft: Friede auf Erden und allen Menschen ein Wohlgefallen. Sie erfuhren etwas, das universal ist: die Sehnsucht nach Beziehungen, die Sehnsucht nach dem Zuhause und nach der Heimat, die Sehnsucht nach Frieden – die Sehnsucht danach, dass Gott auf die Erde kommt, damit alle Menschheit mit Gott und miteinander versöhnt werde.

Einer der überlebenden britischen Soldaten, ein Mann namens Murdoch Wood, sagte 1930 vor dem britischen Parlament aus, dass die Männer auf beiden Seiten der Front am Heiligabend bereit waren, diesen sinnlosen Krieg zu beenden. Doch die, die in diesem Krieg die Fäden zogen, dachten gar nicht daran.

Und so ging das Kämpfen weiter. Doch gibt es Stimmen aus dem Krieg, die sagen, dass sich die Stimmung nach dem Weihnachtsfrieden 1914 verändert hatte. Wie kann man jemanden hassen, mit dem man zusammen gelacht, geweint, gegessen und Gottesdienst gefeiert hatte? Wie kann man einen Mitmenschen hassen, mit dem man soviele Erfahrungen und Sehnsüchte teilt?

Im drauffolgenden Jahr planten die Soldaten, erneut einen Waffenstillstand zum Heiligabend und zu Weihnachten einzulegen. Doch die jeweiligen Führer fürchteten um die Kriegsmoral und gaben den ausdrücklichen Befehl, die Kämpfe weiterzuführen, und zwar unter Androhung militärischer Disziplin, sollte sich jemand diesem Befehl widersetzen.

Obwohl es hier kein Happy End gibt, ist der Weihnachtsfrieden von 1914 doch ein Ereignis, das uns Mut uns Hoffnung macht. Dieses Ereignis erinnert uns daran – vor allem in den ungewissen und spannungsgeladenen Zeiten, in denen wir leben – worum es bei Weihnachten geht: eine frohe Botschaft für alles Volk, für alle Menschen. Ich betone: für alle Menschen. Es geht um die groβe Vision Gottes, die die Sehnsüchte der Menschen weiderspiegelt: Friede auf Erden und den Menschen – allen Menschen – ein Wohlgefallen.

Gott wird Mensch und zeigt uns dadurch, was es eigentlich heiβt, Mensch zu sein – und einander mit Menschlichkeit zu behandeln. Gott erinnert uns daran, dass, obwohl wir Menschen uns oft als Gegner oder Feinde betrachten und der Graben zwischen Menschen unüberbrückbar zu sein scheint, wir doch die Menschlichkeit miteinander gemein haben. Wir alle haben Gefühle und machen Erfahrungen, die universal sind.

Wir alle teilen eine Sehnsucht, die universal ist: in einer Welt zu leben, in der wir mit Gott und miteinander versöhnt sind. In einer Welt zu leben, in der es gerecht zugeht. In einer Welt zu leben, in der es nicht um Hautfarbe oder Volkszugehörigkeit oder Geschlecht oder sozialen Stand geht, sondern in der wir uns von Mensch zu Mensch respektieren. Wir teilen die Sehnsucht, in einer Welt zu leben, wire Gott sie in der heiligen Nacht verheiβt: eine Welt, in der Frieden für alle herrscht.

 

 

 

 

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