Friede sei mit euch!
Als ich 14 Jahre war reiste ich das erste Mal nach Hamburg, ohne meine Eltern. Mein Bruder und ich
nahmen am Bundeswettbewerb Jugend Musiziert teil und verbrachten ein langes Wochenende an
der Elbe. Wir wohnten gleich bei den Landungsbrücken in einer Jugendherberge, ganz in der Nähe
vom Michel, Hamburgs Wahrzeichen, bevor es die Elbphilharmonie gab.
Am Sonntag gingen wir in den Michel. Um den Eintritt zu sparen, in den Gottesdienst. Ich erinnere
mich nicht mehr an die Musik oder die Predigt. Aber der Friedensgruß ist mir bis heute im Gedächtnis
geblieben. Wir waren ziemlich perplex, als die Menschen um uns herum plötzlich anfingen,
herumzulaufen und einander freundlich zu grüßen.
Normalerweise reden und singen wir im Gottesdienst doch immer nur davon, dass wir gerade
Gemeinschfta und Vergebung und Liebe erleben und wie schön das ist und dass wir uns jetzt ganz
nah sind. Aber gucken uns dabei nicht in die Augen. Diesmal war es anders.
Fremde kamen auf uns zu, grüßten uns und sagten „Friede sei mit dir“. Der erste, der sich umdrehte
und uns die Hand entgegen streckte, war ein etwa 50-jähriger Mann. Wahrscheinlich war er genauso
überrascht wie wir. Denn wie oft sieht man schon Jugendliche freiwillig und allein in einer
Kirchenbank sitzen am Sonntagmorgen? Und ich hatte das Gefühl, tatsächlich Teil dieser Gemeinde zu
sein, der ich gerade erst begegnet war.
Bislang war ich leider nie Mitglied in einer Gemeinde, die den Friedensgruß auf diese Weise
praktiziert während des Gottesdienstes. Beim Lesen des Evangeliums merkte ich, dass mir das fehlt.
Und dass ich es jedes Mal genieße in anderen Kirchen. Klar kann man es miesmachen und behaupten:
„Das sind doch nur noch mehr Worte im Gottesdienst, oftmals leere Worte. Die Leute sagen „Friede
sei mit dir“, aber meinen es gar nicht so. Und außerdem mag ich nicht mit fremden Menschen Hände
schütteln.“
Ich glaube an die Macht der Worte. Weil ich mir nicht vorstellen kann, dass jemand sagt „Friede sei
mit dir“, ohne auch nur den Hauch einer Bedeutung zu erahnen. Nachdem du einem Fremden die
Hand geschüttelt hast, ihm in die Augen gesehen und Frieden gewünscht hast, ist er kein Fremder
mehr. Denn ihr beide seid nun Verbündete für den Frieden. Deshalb endet bei uns jeder Gottesdienst
mit den Worten: „Gehet hin im Frieden des Herrn.“
Die heutigen Lesungen sind voller Friedensbilder. Im Psalm wird der Weltfriede beschrieben: voller
Licht, Lob und Gesundheit leben die Völker. Wir haben von Paulus erster Reise nach Europa gehört
und der ersten europäischen Gemeindegründung in Philippi. Indem Paulus Lydia und ihre Familie
taufte.
Eine Frau als erste europäische Christin. Paulus erlebte ihre großzügige Gasreundschaft. Ein erster
Schritt zum Frieden.
Johannes wiederum hat eine Vision von der Zukunft. Das himmlische Jerusalem braucht keinen
Tempel mehr, „denn der Herr, der allmächge Gott, ist ihr Tempel, er und das Lamm.“ Die Tore der
Stadt „werden nicht verschlossen am Tage; denn da wird keine Nacht sein.“ Der Himmel ist ein Ort
voller Licht und Freude. Ohne Grenzen.
Weltfrieden – das ist der Wunsch, den so gut wie alle Menschen hegen.
Beim Kirchenkaffee letzte Woche sagte jemand: „Es gab immer Kriege und wird immer welche geben.
Streit ist so menschlich.“ Ja, Streit und Krieg sind menschlich nach dem Sündenfall. Seitdem
versuchen wir zu sein wie Gott, fordern Gott und einander heraus, bekämpfen Gott und den
Nächsten.

Wir folgen der cleveren Schlange, die uns sagt, was wir zu tun und zu lassen haben. Wir fragen:
„Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“ Und die Schlange
antwortet: „Du, meine Liebste, du bist die Schönste. Aber die Frau dahinten, siehst du sie, ja die, die
ist noch tausendmal schöner als du.“
Also guck ich mich um und sehe all die wunderschönen und wunderbaren Gotteskinder um mich
herum. Doch anstatt sie zu lieben und zu bewundern, anstatt sie kennenzulernen, beneide ich sie,
fürchte ich mich gar vor ihnen, verteufle ich sie. Ich will nicht eines unter vielen Gotteskindern sein.
Ich will besonders sein.
„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“
Jesus, unser Gott, der nicht aussah wie Gott, gibt uns seinen Frieden, der nicht wie Frieden aussieht.
Jesus ergab sich und starb. In den alten Zeiten kämpe Gott für sein Volk, besiegte die Ägypter, ließ
ihre Soldaten und Pferde jämmerlich ertrinken.
In Jesus hörte Gott mit dem Kämpfen gegen andere Menschen auf. Anstatt anderen zu schaden,
schadete er sich selbst. Seine Waffen waren Worte, Liebe, Vergebung. Selbst gegenüber seinen
Henkern.
Wie also schaffen wir es, bis an unser Lebensende in Frieden zu leben? Ohne ständig in den Spiegel zu zu
schauen um sicherzugehen, dass ich noch das beste, tollste, schönste Kind Gottes bin?
„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.
Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“
Was ist das Gegenteil von Frieden? ANGST! Nicht Krieg, nicht Streit, sondern Angst.
Wenn meine Kinder Angst haben, wollen sie Mama und Papa ganz nah sein. Nachts krabbeln sie dann
zu uns ins Bett, kuscheln sich eng an uns, verstecken ihre Gesichter unter der Decke. Dann trösten wir
sie, versichern ihnen, dass wir da sind und sie beschützen. Wir stellen uns ihrer Angst gemeinsam.
Du hattest einen Albtraum? Erzähl mir davon. Was ist passiert? Wovor genau hattest du Angst?
Warum war das fürchterlich? Indem meine Kinder die Gefahren und Ängste benennen, hören sie
langsam auf zu weinen. Ihre Stimmen beruhigen sich. Wir umarmen uns, reden. Der Schreck ist
vorbei.
Wenn ich Angst habe, sehe ich überall Feinde. Meine Mama ist zu weit weg, um mich in ihren Armen
trösten zu lassen. Und außerdem bin ich erwachsen, ich brauch das nicht mehr. Stattdessen reagiere
ich so, wie Menschen eben reagieren auf Angst. Entweder versuche ich, alles zu verdrängen und
verstecke mich also seelisch. Oder ich kämpfe. Selten bekämpfe ich dabei meine Ängste, sondern
vielmehr die Menschen, vor denen ich Angst habe.
Ein jüngstes Beispiel. An der Schule meiner Tochter bin ich im Elternbeirat engagiert. Ich möchte mich
einbringen, das Schulsystem verstehen und alles dafür tun, damit es meinen Kindern in ihrer Schule
richtig gut geht. Und ich bin neu hier, suche also auch nach neuen Freunden. Ich dachte, der
Elternbeirat sei ein guter Ort, ähnlich ckende Leute zu treffen in meinem Alter.
Nach einigen Monaten hatten wir wieder einmal ein Treffen. Nichts besonderes, ganz normal. Aber
ich fühlte mich ausgeschlossen. Es fiel mir schwer, den Gesprächsfaden aufzunehmen. Ich fühlte mich
nicht gehört oder ernst genommen.
Auf dem Heimweg war ich unglaublich wütend und schimpfte ununterbrochen vor mich hin, während
ich den Berg herunter radelte. Es flossen sogar ein paar Tränchen. Voller Selbstmitleid und Wut auf
diese anderen, dummen, uninteressanten, ignoranten Eltern dachte ich: „Ach, ich sollte aufhören im
Beirat. Dafür ist mir meine Zeit zu schade.“ Ich musste nur noch überlegen, ob ich einen leisen
Abgang wähle oder eine letzte Szene veranstalte. Bei der ich ihnen an den Kopf werfen würde, wie
schlecht sie mich behandelt haben, um sie dann mit schlechtem Gewissen zurückzulassen.
Rachegedanken können so befreiend sein.
Zu Hause erzählte ich meinem Mann von dem Abend. Aber es fiel ihm sichtlich schwer, mir zu folgen
in meinen Emotionen. Ich musste es ihm immer wieder erklären. Bis ich merkte: „Ups, die anderen
haben eigentlich gar nichts falsch gemacht.
Okay, ich wurde ausgelassen beim Unterzeichnen einer Karte. Aber das war ein Versehen, denn ich
war noch beim Essen und die anderen wollten mich höflicherweise nicht unterbrechen. Ja, meine
Ideen wurden nicht so sehr geschätzt, wie ich es mir gewünscht hätte. Aber sie waren auch nicht so
genial, wie ich dachte.“
Was mich so verärgert hatte, war eigentlich etwas ganz anderes. Es war meine Angst, nicht
dazuzugehören. Weil ich nicht aus Kalifornien komme. Es war meine Angst, kein echtes Zuhause in
Berkeley zu finden mit guten Freunden. Es war meine Angst, nicht anzukommen und dazuzugehören.
Diese Angst hatte mein Herz hart gemacht und verschossen.
Letzten Sonntag sprach ich davon, dass wahre Liebe blind ist. Wahre Liebe will nur das Beste im
Menschen sehen, entschuldigt Schwächen und vergibt Fehler. Angst ist auch blind. Angst sieht das
Schlimmste im Menschen, denkt sich Schwächen aus, sucht nach alten Hüten und stülpt sie dann
allen über.
Letzte Woche sah ich einen TED-talk über Angst. Marc Scarcelli nannte ein eindrückliches Beispiel. Er
zeigte das Bild eines Amerikaners, der ein Schild hochhielt. Darauf stand: „Alles, was ich über den
Islam wissen muss, habe ich am 9/11 gelernt.“ Ich bin mir sicher, dass viele Menschen im ganzen Land
seine Meinung teilen.
Er erzählte dann, dass sein Großvater aus Italien in die USA kam. Zu einer Zeit, in der die Amerikaner
erstens vor Italienern im Allgemeinen Angst hatten, denn die waren ja bekanntlich alle Mafiosi. Und
zweitens vor Katholiken im Besonderen, denn die planten schließlich die päpstliche Weltrevolution
und wollten die Demokratie komplett abschaffen.
Und einige von ihnen haben in den USA zu Zeiten gelebt, in denen es verstörend auf andere wirkte,
selbst deutsch zu sein und Deutsch zu sprechen. Während der zwei Weltkriege war unsere Gemeinde
die einzige weit und breit, die weiterhin deutsche Gottesdienste anbot. Alle anderen wechselten ins
Englische.
Denn die Menschen verallgemeinerten und schlussfolgerten: „Weil Deutschland die Welt mit Krieg
zerstört, sind logischerweise alle Deutschen böse, sie sind allesamt Rassisten und Mörder.“ Welch
blinder Vorwurf!
Genauso, wie die wenigsten Italiener Mafiosi waren, der Papst keine Weltherrschaft anstrebte und
letztlich wenige islamissche Extremisten verheerende Attentate planen und verüben. Aber viele
Menschen machen sich eben nicht die Mühe, Menschen anderer Länder, Kulturen und Religionen
wirklich kennenzulernen. Sie machen sich aus wenigen Informationen ein ungefähres Bild,
verallgemeinern es, fertig ist die Angst vor allem Fremden.
Weil es eben fremd bleibt. Weil es anstrengend ist, Neues kennenzulernen. Weil Veränderungen Kraft
kosten. Weil Menschen Angst vor Veränderungen haben.
Anfang des 20. Jahrhunderts emigrierten so viele Deutsche nach Amerika, dass sie in San Francisco
25% der Bevölkerung ausmachten. Alteingesessene Amerikaner bekamen Angst. Würden sie eines
Tages nicht mehr einkaufen können, ohne Deutsch sprechen zu müssen. Würde das Deutsche das
Englische verdrängen? Die Amerikaner hatten Angst, ihre Identität zu verlieren.
Ich glaube, dass das die drei Dinge sind, vor denen Menschen am meisten Angst haben: davor, zu
vergessen, wer sie sind. Davor, nirgendwo dazuzugehören. Und davor, dass sie die Welt nicht mehr
kennen und verstehen, weil sich alles verändert.
Das sind universale Ängste, die wir mit allen Immigranten dieser Welt teilen. Und auch mit allen
Menschen, die ihr Heimatland oder auch nur ihre Heimatstadt nie verlassen haben.
„Euer Herz erschrecke nicht und fürchte sich nicht.“ Wie soll das gehen? Indem Jesus uns versprach:
„Den Frieden lasse ich euch, meinen Frieden gebe ich euch. Nicht gebe ich euch, wie die Welt gibt.“
Jesu Frieden ist der Frieden, Gott zu kennen. Denn vor jemandem, den ich kenne, brauche ich keine
irrationale Angst zu haben. Gott wollte uns so unbedingt kennenlernen, dass er einer von uns wurde,
Mensch wurde.
Jesu Frieden ist der Frieden, mich selbst zu kennen. So sehr ich auch nach meiner Identität suche und
mich frage „Wer bin ich wirklich?“, so sehr ich versuche, meine Herkunft, Gegenwart und Zukunft zu
erforschen. Zuerst und zuletzt bin ich Gottes Kind. Ja, ich liebe meine Heimat und meine
Muttersprache, ich liebe Abenteuer und Lindt-Schokolade, ich übernehme Verantwortung für die
Vergangenheit meines Volkes und die Zukunft meiner Kinder. Aber das Wichtigste ist: ich bin Gottes
Kind. Egal, wo ich lebe und was ich fürchte und wie vielen Leuten das gefällt, was ich sage.
Jesu Frieden ist der Frieden der Veränderung. Go ist Mensch geworden. Was für einen größerer
Wechsel könnte es je geben? Gott starb am Kreuz. Was könnte mich jemals mehr verstören? Gott hat
die Welt auf den Kopf gestellt und sich ihr vollkommen ergeben. Er hat das Böse entwaffnet, indem er
starb. Jesus hat die Art und Weise, wie Gott uns ansieht, verändert. Er vergibt uns unsere Schuld, weil
er aus erster Hand weiß, wie unglaublich schwierig es ist, Mensch zu sein.
Jesu Frieden ist der Frieden zu wissen, wo ich hingehöre. Gottes Haus ist mein Haus. Gottes Volk ist
mein Volk. Gottes Schöpfung ist meine Welt. Da gehöre ich hin, egal woher ich komme und wo ich
gerade lebe.
Einer von Ihnen sagte letzte Woche: „Wir müssen rigoroser sein als Christen. Wir müssen unseren
Glauben so fest vertreten wie die Juden und Muslime.“ Absolut. Ich bin ganz Ihrer Meinung. Lasst uns
rigorose Christen sein, die einander lieben, den Frieden suchen und Gott loben.
Jesu Frieden ist der Frieden, der uns mutig aufstehen lässt gegen all unsere Ängste. Darin müssen wir
standhaft sein als Christen. Standhafte Christen, die den rigoros friedlichen Weg Jesu gehen.
„Friede sei mit dir“ ist unsere Art zu sagen: „Ich liebe dich.“
Deshalb: Fürchte dich nicht. Friede sei mit dir! Amen.

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