Es war das Jahr 1985. Ich war 15 und nahm an meinem allerersten Kirchentag teil, der damals in Düsseldorf stattfand. Eine kurze Erklärung für all jene, die nicht so genau wissen, was der Kirchentag ist: dieser findet alle zwei Jahre statt und dauert 5 Tage. Mehr als 100.000 Christen und Christinnen, jung und alt, und viele von ihnen Protestanten, kommen da zusammen. Der Kirchentag findet immer in einer anderen Stadt oder Region statt. Dieses Jahr zum Beispiel fand er in Dortmund statt.

Im Laufe der 5 Tage gibt es eine Anzahl von Gottesdiensten, Bibelarbeiten, Konzerten und Podiumsdiskussionen – und vieles mehr. Und da diese quasi überall stattfinden, sind Kirchentagsbesucher immer auf Achse, von einem Event zum anderen. Őffentliche Verkehrsmittel sind vollgestopft wie die BART während der Rush Hour.

Kirchentagsbusucher sind auch recht einfach zu identifizieren: mit dem Schal, der dieses Jahr gerade angesagt ist, um die Schultern, Birkenstocks oder anderen bequemen Schuhen, Rucksack auf dem Buckel, das Programmbuch und Stadtplan in der Hand. So sah ich auch 1985 aus.

War hier jemand mal auf dem Kirchentag? Dann wissen Sie, wovon ich rede.

Damals, 1985, war ich ganz überwältigt von der Kirchentagserfahrung. Soviele Christen, soviele junge Leute, das war schon toll! Und wir verkündigten unseren Glauben durch unsere allgegenwärtige Präsenz und die fröhlichen Lieder, die wir überall sangen, selbst in Bussen und Bahnen. Gemeinsam sind wir stark!

Am Ende des dritten Tages war ich schon ziemlich erschöpft. Meine Füβe taten mir weh, trotz der Birkenstock Sandalen. Ich war den ganzen Tag mit meinem Freund herumgelatscht, hatte mich in überfüllt Busse gezwängt, ich hatte geduldig in langen Schlangen an den Veranstaltungsorten gewartet. Das Adrenalin, das mich am Laufen gehalten hatte, war nun erschöpft.

Mein Freund und ich beschlossen, in unser Nachtquartier zurückzugfahren, das in einem Nachbarort lag. Also machten wir uns zum Hauptbahnhof auf. Nun wissen diejenigen unter Ihnen, die in den 70er und 80er Jahren in Deutschland waren, wie es häufig um solch einen Hauptbahnhof herum aussah; nicht besonders vertrauenserweckend. Um Hauptbahnhöfe harum gab es oft das Rotlichtviertel, Kinos, in die man unter 18 nicht reindurfte, Spielhallen und heruntergekommene Kneipen. Und so sah’s 1985 in Düsseldorf aus.

Ich fühlte mich ziemlich unwohl in jener Gegend, und es half nicht, dass es gerade dunkel wurde, als wir dort herumliefen. Ich fühlte mich absout fehl am Platze. Das war dann doch ganz anders als die Veranstaltungsorte des Kirchentages, in denen ich von Massen an Gleichgesinnten umgeben war und die warme Welle der Sicherheit und Geborgenheit spürte – Orte, an denen alles so happy war.

Diese Blase der Geborgenheit war nun geplatzt. Und ich wollte nur so schnell wir möglich raus aus dem doch etwas unheimlichen Bahnhofsviertel.

Und dann sagte mein Freund: ‘Ich habe Durst.’

Natürlich gibt es in Deutschland keine öffentlichen Wasserfontänen, so wie hier, und die Deutschen haben ja eh nicht die Angewohnheit, Leitungswasser zu trinken. Die einzige Möglichkeit, etwas zu trinken zu bekommen, war in einer dieser schmuddeligen Kneipen. Und mein Feund steuerte dann auch auf eine dieser Kneipen zu.

‘Das kann doch nicht dein Ernst sein?!’ rief ich. ‘Oh doch,’ erwiderte er, ‘ich bin müde, ich muss mich hinsetzen, und ich habe Durst. Nun hab dich nicht so, komm schon!’

Okay! Wir gingen also in die Kneipe. Ich fühlte, wie mir die Röte ins Gesicht stieg, ich bemühte mich, nur auf den Boden zu schauen, und als wir dann in einer Ecke sassen, die Cola oder Fanta oder was es auch war, vor uns, rutschte ich nur unruhig auf meinem Sitz hin und her. Nun nahm sich mein Freund Zeit. Also hatte ich die Gelegenheit, mir die anderen Kunden verstohlen aus den Augenwinkeln zu betrachten. Die waren eben nicht wie wir. Sie saβen alleine da, umnebelt vom Zigarettenrauch, versunken in den Anblick des Biers und des Schnapses vor ihnen. Ich fühlte mich da absolut fehl am Platz. Ich wollte nur raus. Und endlich, endlich hatte mein Freund mit seiner Cola ausgetrunken. Gut, lass uns bezahlen, und dann nichts wie weg von hier!

Aber da gab es eine kleine Komplikation. Als wir beim Wirt unsere Rechnung bezahlen wollten, wies der nur in eine Ecke und sagte: ‘Der Herr hat schon für euch bezahlt.’

Mein Blick wanderte automatisch in die Ecke, in die der Wirt bezeigt hatte: da saβ ein Typ, der hier wohl Stammkunde war. Ein rotes, aufgedunsenes Gesicht, zwar im Anzug, aber ein biβchen verkommen, glasige Augen, über sein Glas gebeugt.

Ich geriet ein biβchen in Panik: was jetzt? Ist das eine Anmache? Aber mein Freund war schon auf dem Weg in die Ecke, wo der Mann saβ. Ich also hinterher. Und dann tat mein Freund, was man eben in solch einer Situation macht: er dankte dem Mann für seine Groβzügigkeit. Und ich murmelte ebenfalls: ‘Danke.’

Können wir jetzt gehen? Aber dann sah der Mann von seinem Glas auf und sah mir direkt ins Gesicht.

‘Ihr seid doch welche von diesen Christen…’

Es war halb eine Frage, halb eine Feststellung.

Und ich dachte nur: Mist, so, wie wir aussehen, ist das wohl ganz offensichtlich. Was will der Typ wohl von uns?

Aber dann sagte dieser Mann etwas, was mir – offensichtlich – bis heute nicht aus dem Kopf gegangen ist. ‘Ich glaube an euch. Wenn ihr nicht etwas ändern könnt – wer dann?’

Wenn ihr nicht etwas ändern könnt – wer dann?

Ich muss sagen, ich fühlte mich ertappt. Gottes heiliger Geist gab mir einen ganz gehörigen Schubs an jenem Abend in dieser schäbigen Umgebung, und nicht an einem der Orte, an dem ich von hunderten anderer fröhlicher Christen und Christinnen umgeben war – einem Schubs in die Wirklichkeit einer christlichen Existenz.

Und es war beunruhigend:  der Mann mit den glasigen Augen hatte eine klare Vision, und ich war ein Teil dieser Vision. Es war beunruhigend zu erkennen dass, obwohl ich mich so fehl am Platze fühlte, Gott mich dazu beruft, auch zu den Orten zu gehen, die mir unangehnehm sind: dunkle, schäbige, unordentliche und kaputte Orte. 

Und ich muss sagen: die Last der Vision und der Hoffnung dieses Manne, welche die Hoffnung all jener repräsentiert, die sich in dieser Welt verloren fühlen, all jener, die leiden – die Last dieser Hoffnung habe ich als schwer empfunden. Ich weiss, ich bin nicht der Erretter oder Erlöser dieser Welt – und das ist keiner unter uns, Gott sei Dank!  – doch sind wir der Leib Christi in der heutigen Welt.

Wir sind doch welche von diesen Christen…Wir tragen Christi Namen. Wir sind Christi Erben. Doch die Erbschaft ist zweischneidig: ja, wir sind Erben des Himmelreichs. Doch mit diesem Erbe kommt auch eine Verantwortung: wir haben die Verantwortung, den würdig und treu zu vertreten, dessen Namen wir tragen. Ihr seid das Licht der Welt, ihr seid das Salz der Erde, spricht Christus. Kein Wenn und Aber. Keine Ausreden.

Und Jesus setzt dem im heutigen Evangelium noch einen drauf. Wir hören, dass es da eine grosse Menge gibt, die Jesus folgt. Und ich kann mir vorstellen, dass dies eine groβartige Erfahrung gewesen sein muss: sich in den wunderbaren Taten Jesu zu sonnen, von so vielen gleichgesinnten Menschen umgeben zu sein, die Sicherheit und Geborgenheit in der Gruppe zu spüren.

Doch Jesus vermasselt ihnen das gute Gefühl mit sehr nüchternen Worten: mir zu folgen ist nicht immer angenehm oder bequem. Mir zu folgen bedeutet nicht nur, sich unter Gleichgesinnten sicher und wohl zu fühlen. Mir zu folgen heiβt nicht nur, einen Vorgeschmack auf das Himmelreich zu bekommen.

Wenn ihr mir folgen wollt, dann müβt ihr auch dahin gehen, wohin ich gehe: zu den dunklen, schäbigen, unordentliche und kaputten Orten. Dorthin, wohin eigentlich niemand gerne gehen möchte. Mein Weg führt zum Kreuz. Und auch ihr müβt euer Kreuz tragen.

Nachfolge hat seinen Preis, und da ist womöglich hoch: vielleicht müβt ihr mit eueren Beziehungen bezahlen, oder mit den Dingen, in die ihr investiert seid: Geld, Besitz, Popularität, Stolz, und Einfluss. Seid ihr bereit, diesen Preis zu bezahlen?

Damals, an jenem Abend im Jahre 1985 in der schäbigen Kneipe, hörte ich diese Frage ganz klar und deutlich. Nun sprach Jesus nicht direkt zu mir, aber durch den Mund eines unerwarteten Engels, eines überraschenden Botschafter Gottes. ‘Ihr seid doch welche von diesen Christen…’

Und immer, wenn ich diese Frage – diese Feststellung – im Hinterkopf höre, dann werde ich nicht nur an den Teil erinnert, der mich nervös macht: dass ich dazu berufen bin, dorthin zu folgen, wo Jesus ging und geht. Dass ich dazu berufen bin, innerhalb meiner beschränkten Möglichkeiten die Gegenwart Christi in einer Welt zu sein, die oft dunkel, schäbig, unordentlich und kaputt ist.  Licht und Salz zu sein, ob ich es nun will oder nicht.

Aber diese Frage erinnert mich auch daran, dass ich, dass Sie ein besonderes Geschenk erhalten haben: den Namen Christi zu tragen. Christus ist mein Bruder, Christus ist unser aller Bruder. Ich bin ein Kind Gottes, und Sie auch – Erben des Himmelreichs, in dem alle dereinst miteinander versönht werden, in dem alle mit der Liebe und Gnade Gottes überschüttet werden, und alles, was kaputt ist, heil gemacht wird.

IHR seid doch welche von diesen Christen…?

 

Bild von Alexandre Gordeau via unsplash.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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