Als ich in der achten Klasse auf dem Gymnasium in Deutschland war – das war in den 80er Jahren -, zeigte uns unser Religionslehrer einen Ausschnitt aus einer U.S. amerikanischen christlichen Fernsehsendung. Diese Sendung hiess ‘The PTL Club’ – PTL steht für ‘Praise the Lord’, ‘Lobet den Herrn’, aber sie ist besser unter dem Namen ‘The Jim and Tammy Show’ bekannt.

Jim und Tammy, das sind Fernsehverkündiger Jim Bakker und seine damalige Frau, Tammy Faye Bakker, und ihre Show war eines der beliebtesten christlichen Programme in den 80ern hier in den USA. Kennt hier jemand die Show?

Dies war mein erster Eindruck von amerikanischer Religion und Spiritualität. Und das war so ganz anders als das, was ich in Deutschland erlebt hatte. Ich wuchs in einer doch eher nüchternen und schlichten lutherischen Kirche auf, wie wohl die meisten unter uns. Die Jim und Tammy Show hingegen war – naja, eben eine Show, hochproduziert, mit Bühne uns Scheinwerfen und dem ganzen Drum und Dran. Auch die Hauptakteure sahen eher wie Fernsehstars aus und nicht wie Pastoren, mit Makeup, fein frisiert und mit tadelloser und teurer Kleidung.

In dem Ausschnitt aus dieser Show, den uns unserer Religonslehrer zeigte, singt Tammy Faye ein Lied, begleitet von einer Band und mehreren Backup-Sängern. Und es ist eine fröhliche Melodie: ‘We’re blest, we’re blessed, we’re blest, we are blest; we got shelter, clothing and strength, we are blest! We’re blest, we’re blest, we’re blest, we are blest; we don’t deserve it, but yes, we are blest, we don’t deserve it, but yes, we are blest.’ (dieser Ausschnitt kann über den folgenden Link angeschaut werden: bggggggvghthttps://www.youtube.com/watch?v=Bccc4L4fQdI)

Ich erspare Ihnen jetzt mal das ganze Lied. Lassen Sie mich aber zusammenfassen, worum es in diesem Lied geht: We’re blest, wir sind gesegnet, weil wir alles haben, was wir brauchen, und weil es uns gutgeht, darum sollten wir uns nicht beklagen.

Nun habe ich da ein paar theologische Bedenken, aber ich würde das noch durchgehen lassen – es ist eben ein Lied über Dankbarkeit, warum auch nicht?

Aber dann gibt es in diesem Lied eine Strophe, die mich damals im Religionsunterricht schon verstört hatte und die ich auch wieder sehr verstörend fand, als ich mir das Lied in Vorbereitung auf diese Predigt noch einmal anhörte.

In dieser Strophe besingt Tammy Faye Beispiele von Unglück, das manche Menschen befällt, und es wird da sehr dramatisch: da gibt es Flugzeugabstürze mit Toten, Kranke, die keine Heilung finden, das hungrige Kind, das zudem noch von seinen Eltern verlassen wurde. Nun hätte ich erwartet, dass die Strophe etwa so weitergeführt wird: und da wir ja so gesegnet sind, sollten wir denen beistehen und helfen, die solches Unglück erfahren.

Aber nein, die Strophe geht so weiter: ‘Well, it comes to my mind we better stop and think about how we’ve been blest and blest and blest.’ – ‘Nun, es kommt mir in den Sinn, dass wir besser innehalten und darüber nachdenken, wie sehr wir gesegnet, gesegnet, gesegnet sind. We’re blest, we’re blest, we’re blest…’

Dieses Lied beschreibt also 2 Dinge, die ich theologisch bedenklich finde: zum einen, dass es eben die gibt, die gesegnet sind, und dann die, die es eben nicht sind – und die haben dann eben Pech gehabt, es wird schon seinen Grund haben, warum Gott sie nicht gesegnet hat.

Zum anderen wird hier ein Segen als etwas verstanden, das unser individuelles Leben bequemer und angenhemer macht – etwas, das sich in materiellen Dingen messen läβt.

Und ich erinnere mich daran, wie mich das damals als Teenager schon unheimlich gestört hat. Das haben wir aber nicht im Konfirmandenunterricht gelernt! Luther hat das nie gesagt – und Jesus übrigens auch nicht, und ich komme gleich noch einmal darauf zurück.

Aber so wurde ich in eine recht typische U.S. amerikanische Form der Spiritualität und Religiösität eingeführt, einen Glauben, in dem es eigentlich nur um das individuelle Wohlbefinden geht – es geht um meinen Herrn und Erlöser, mein persönliches Verhältnis zu Gott, und Gottes Huld und Segen lassen sich dann darin messen, wie gut es mir persönlich geht. Und so wird der American Dream, der amerikanische Traum, irgendwie als Gottes Traum interpretiert.

Uns seit ich vor gut 20 Jahren in die USA gezogen bin, ist mir diese doch recht egoistische Interpretation von Christentum immer wieder begegnet. Und, wenn Sie mich fragen, dann erklärt diese Auffassung von Christentum auch, wie die USA zu dem werden konnte, was sie heute ist.

Warum erzähle ich Ihnen aber das alles? Nun, in unserem heutigen Evangeliumstext hören wir die Worte Jesu: ‘Selig seid ihr, wenn…’ Aber was bedeutet das Wort selig? Manchmal wird das vielseitige griechische Wort, das wir hier haben, ‘makarios’, als ‘gesegnet’ übersetzt – so zum Beispiel um Englischen, ‘blessed are you’. Aber wenn Sie in ein Wörterbuch schauen, dann ist da auch eine der Bedeutungen von ‘selig’ gesegnet, vor allem im religiösen Bereich. Ob nun selig oder gesegnet – da geht es um die Zuwendung Gottes, die uns erfüllt und in einen Zustand des Glücks versetzt.

Und darum geht es im biblischen Sinne bei einem Segen: Gottes Zuwendung, Gottes Bestätigung, Gottes Gegenwart, die uns heil und glücklich macht. Im ersten Schöpfungsbericht, den wir in der Bibel haben, geht es bereits um Gottes Segen: und Gott segnete alles, was er erschaffen hatte. Auch die ersten Menschen werden gesegnet. Gott ist zufrieden mit dem Erschaffenen, Gott bestätigt wohlwollend, was er erschaffen hat. Und siehe, es war sehr gut.

Und im weiteren Verlauf der Bibel lessen wir, in Geschichten von Noah über Abraham und Jakob bis hin zu den Propheten, wie sich Gottes Segen erweist, Gott spricht: der Weg wird schwer und lang sein, aber ich bin bei dir. Du stehst in meiner Huld, um dieses schöne altmodische Wort zu benutzen.

Ein Segen ist also Gottes Zuspruch: ich bin bei dir, durch Dick und Dünn. And dir habe ich Wohlgefallen. Ja, Gottes Segen kann zu Reichtum und Wohlbefinden hier auf Erden führen – schliesslich will Gott das Beste für alle Kreatur – doch ist Wohlstand nicht notwendig eine Folge von Gottes Segen. Und selbst sich Gottes Segen in materiellen Dingen ausdrückt, so ist da auch immer Verantwortung mir verbunden: die Verantwortung, das zu teilen, was wir von Gott empfangen haben.

Was viel wichtiger ist: Gottes Segen bedeutet Erfüllung – Erfüllung in der Beziehung zu Gott und unseren Nächsten. Und dies führt zu dem, was im Alten Testament ‘Schalom’ genannt wird: Frieden, Heil für alle, Harmonie. Dies ist der wahre Segen, ein Segen, der kollektiv ist. Darum geht es im Leben, und nicht um die Ansammlung von Wohlstand und Dingen, die unser persönliches Leben angenehmer machen.

Und der Friede Gottes für alle Kreatur, Gottes Schalom, kann um keinen Preis erkauft werden. Ganz im Gegenteil: wenn wir zuviel Zeugs haben, wenn unser Leben mit materiellen Dingen erfüllt ist und vielleicht auch überfüllt ist, dann sind wir häufig von unseren Beziehungen zu Gott und Mitmenschen abgelenkt.

Und dies bringt uns zur heutigen Lesung aus dem Lukasevangelium. ‘Selig seid ihr Armen, denn das Reich Gottes ist euer. Selig seid ihr, die ihr jetzt hunger; denn ihr sollt satt werden. Selig seid ihr, die ihr jetzt weint; denn ihr werdet lachen. Selig seid ihr, wenn euch die Menschen hassen und euch ausstossen und schmähen und verwerfen euren Namen als böse um des Menschensohnes willen. Freut euch an jenem Tage und tanzt; denn siehe, euer Lohn ist gross im Himmel.’

Hier haben wir also Jesu Zuspruch an die, die am Rande der Gesellschaft stehen, and die, die itgendwie durch die Maschen menschlicher Gesellschaft fallen: die Armen, die Hungrigen, die Niedergeschlagenen, die, die abegelehnt werden. Jesus spricht zu ihnen: ‘Du bist Gott wichtig, Gott liebt dich, Gott ist mit dir.’

Jesus selbst ist der fleischgewordene Segen Gottes, denn er geht ganz bewusst auf die Kranken, die Schwachen, die Machtlosen und die Sünder zu und gibt ihnen Heilung und Heil. Er selbst erinnert die Schwachen daran, dass sie unendlich viel in den Augen Gottes wert sind, und zwar dadurch, dass er sie in die Gemeinschaft mit Gott und die Gemeinschaft der Heiligen beruft. Freuet euch, denn ihr seid gesegnet, ihr seid selig – Gott ist mit euch.

Und so, wie Jesus Christus der fleischgewordene Segen für alle ist, so sind wir als der Leib Christi hier und heute dazu berufen, ein fleischgewordener Segen füreinander und für all jene, die Segen nötig haben, zu sein – indem wir helfen und heilen. Gottes Segen gibt es dort in aller Fülle, wo wir ihn teilen.

Und wäre es nicht schön, wenn ich an dieser Stelle einfach mit dieser Predigt aufhören und ‘Amen’ sagen könnte?

Aber Lukas, im Gegensatz zu Matthäus, macht es uns nicht so leicht. In den Seligpreisungen, die wir bei Lukas finden, spricht Jesus auch von der Kehrseite des Segens: ‘Weh euch Reichen! Denn ihr habt euren Trost schon gehabt. Weh euch, wenn ihr satt seid! Denn ihr werdet hungern. Weh euch, die ihr jetzt lacht! Denn ihr werdet weinen und klagen. Weh euch, wenn euch jedermann wohlredet! Denn das gleiche haben ihre Väter den falschen Propheten getan.’

Ironischerweise werden all die Dinge, die so oft als Ausdruck von Gottes Segen verstanden werden, all die Dinge, die Tammy Faye in ihrem Lied so fröhlich als Segen besingt, als ein Grund zum Weh – ein Grund zur Klage und zur Not, beschrieben – das Gegenteil von Schalom.

Das führt natürlich zu der Frage, welche Worte uns denn gelten. Wir haben ja eigentlich alles: ein Dach über dem Kopf, Kleidung, und auch Stärke zu einem gewissen Grade; dazu all die Dinge, die wir eigentlich nicht wirklich brauchen, die aber unser Leben soviel angenehmer machen. Sind wir gesegnet, sind wir selig? Oder ruft Jesus uns ein ‘Wehe’ zu?

Nun, als gute Lutheraner können wir sagen: beides trifft auf uns zu. Schliesslich, so Luther, sind wir sowohl südig als auch geheiligt.

Wir sind auf jeden Fall im biblischen Sinne gesegnet: Gott hat uns vom Mutterleibe an bestätigt und uns in unserer Taufe auf ewig bei unserem Namen berufen. Wir sind Gottes, und Gott ist mit uns. Gott hat uns mit Gemeinschaft gesegnet: Gemeinschaft mit Gott und unseren Nächsten.

Und wir sind ärmer und hungriger, als es vielleicht zunächst den Anschein hat: arm an Frieden, arm an Beziehungen; wir hungern nach Gottes Liebe und wahrer Gemeinschaft. Wir alle brauchen Gott und die Beziehung zu Gott und unseren Mitmenschen. All dies gibt unserem Leben Sinn und macht es wahrhaft reich. Wir brauchen Schalom. Und der fehlt derzeit doch sehr, in diesem Lande und der ganzen Welt.

Aber dann bin ich auch überzeugt, dass uns auch das ‘Wehe’ gilt. Und dieses ‘Wehe’ ist eine Warnung: seid vorsichtig, dass ihr euer Leben nicht mit zuvielen Dingen anfüllt, die euch vom Wesentlichen ablenken; denn was wird am euch am Ende bleiben, wenn euch all der materielle Kram genommen wird?

Jesus erinnert uns daran, dass uns Eigennutz und Selbstgerechtigkeit zur Falle werden können – und das sehen wir ja auch am Zustand unserer Welt; da geht’s derzeit stark bergab. Wehe uns, wenn wir unsere Nächsten und ihre Bedürfnisse übersehen und ignorieren. Wehe uns, wenn wir denken, dass wir besser oder würdiger als andere sind. Gottes Segen ist ein Geschenk, und wir sollen damit gewissenhaft umgehen.

Wir dürfen niemals vergessen, dass wir das, was wir haben, teilen müssen. Wir dürfen nicht vergessen, das sir gesegnet sind, um auch anderen ein Segen zu sein. Wir dürfen nicht vergessen, dass wir nur die Fülle des Lebens haben, wenn alle diese Fülle erfahren. Gottes Traum, ist eben nicht der amerikanische Traum, sondern eine Vision, in der alle Kreatur Gottes Schalom, Frieden und Heil, erfährt. Dies ist das Reich Gottes. Und es unser, wenn wir diesem Reich entegenleben.

Dann sind wir gesegnet, dann erfahren wir Seligkeit. Selig seid ihr – und möge Gott euch segnen, von nun an bis in Ewigkeit.

 

 

 

 

 

 

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