‘Nicht ein Stein wird auf dem anderen bleiben – alles wird zerstört werden.’

Heute ist ein besonderer Gedenktag in Deutschland: Volkstrauertag, ein Tag nationaler Trauer. Hier in den USA kann dieser Tag mit Memorial Day verglichen werden.

Dieser Gedenktag wurde nach den Schrecken des 1. Weltkrieges eingeführt – er wurde an verschiedenen Tagen begangen, bevor dann nach dem 2. Weltkrieg der 3. Sonntag im November bestimmt wurde. Der 1. Weltkrieg wurde oft als der Krieg, der alle Kriege beendet, bezeichnet – ‘the war to end all wars’. Und dieser Krieg endete vor fast genau 100 Jahren – am 11. November 1918.

Es war ein schrecklicher Krieg: ungefähr 9 Millionen Soldaten und 7 Millionen Zivilisten starben als Folge der Kriegshandlungen. Darüber hinaus starben 50-100 Millionen Menschen an weitläufigeren Folgen der Kriegsbedingungen: da gab es Genozide, Völkermorde, wie der an den Armeniern. Und dann gab es da auch die tödliche globale Grippewelle im Jahr 1918.

Während des 1. Weltkrieges wurde wahrlich kein Stein auf dem anderen in Kampfbegieten gelassen. Das Leben von abermillionen von Menschen wurde zerstört: durch den Verlust von Familienmitgliedern, den Verlust von körperlicher oder seelischer Gesundheit, den Verlust von Haus oder gar Heimat.

Der erste Weltkrieg hatte für die Menschen, die ihn durchleben mussten, schon apokalyptische Ausmasse mit Zeichen in den Himmeln und Katastophen und unsäglichem Leiden – all jene Dinge, von denen wir z.B. in der heutigen Lesung vom Buch Daniel und dem heutigen Evangelium hören.

Die Erfahrung von Leiden,  Zerstörung, Verlust und Tod waren so tief, so traumatisch, dass Menschen aller Nationen, die an diesem Krieg beteiligt waren, verzweifelt hofften, dass dies wirklich der allerletzte Krieg sein würde – dass solch ein Horror sich nich mehr wiederholen würde. Dass nun endlich ewiger Friede herrschen würde.

Es dauerte nur lächerliche 21 Jahre, bis Deutschland einen neuen und sogar noch zerstörerischen Krieg begann. Es scheint doch so, als würde sich die Geschichte immer wiederholen…

In der Bibel finden wir sogenannte ‘apokalyptische Literatur’ in bestimmten Zeitabständen. Es gibt da Abschnitte oder auch ganze Bücher, die den Endzeiten gewidmet sind – Zeiten, die Aufruhr, Zerstörung und unvorstellbares Leiden bringen, doch letzlich zur Ankunft des Reiches Gottes of Erden, der Versöhnung aller Menschen und Nationen, die Erlösung der Gläubigen, und ewigen Frieden bringen wird.

Nun stimmen solche apokalyptischen Passagen oder Bücher mit verheerenden Geschehnissen in der Geschichte des Volkes Israels überein – es es gab viele solcher veheerenden Ereignisse, da Israel seit jeher einen strategisch sehr wichtigen Landstrich auf der Landbrücke zwischen Europa, Afrika und Asien bewohnte. Assyrier, Babylonier, Ägypter, Griechen und Römer sind nur einige der Reiche, die dieses winzige Königreich im Laufe der Geschichte besetzten und dort eine Vorherrschaft aufbauten – und der unterworfenen Bevölkerung unvorstellbares Leid zufügten. Und, wie wir alle wissen, ist dieser Landstrich immer noch eines der heikelsten Gebiete der Welt.

Immer wieder wurde kein Stein auf dem anderen in den Königriechen von Israel und Juda gelassen. Und immer, wenn das passierte, dachten die Menschen: nun ist es soweit. Dies ist die Endzeit. Der Messias wird nun kommen. Gott wird mit Macht eingreifen. Gott wird das Friedensreich bringen. Denn wie sehr sollen wir noch leiden? Wieviel schlimmer kann es kommen als das, was wir gerade durchmachen?

Es gibt ein Buch im Neuen Testament, das apokalyptisch ist – und dies ist das Buch der Offenbarung, das letzte Buch unserer Bibel.

Ich habe über dieses Buch ja schon vor zwei Sonntagen gepredigt, also noch einmal als Zusammenfassung: in diesem Buch geht es im eine Vision der Endzeit, mit Aufruhr und Katastrophen, die dann in der Schöpfung eines neuen Himmels und einer neuen Erde ihren Höhepunkt findet – und in jener neuen Kreatur wohnt Gott unter den Menschen, und es herrscht ewiger Frieden.

Nun wird das Evangelium, das wir heute gehört haben, von Fachleuten ‘die kleine Apokalypse’ genannt. Hier redet Jesus von der Endzeit – nicht ganz so ausführlich und phantasievoll wie die Offenbarung – doch beschreibt auch Jesus hier eine Zeit der Erlösung und Versöhnung nach einer Zeit des Chaos und des Leidens. Es ist kein Wunder, dass die frühe christliche Gemeinde diesen Worten Aufmerksamkeit lauschte – sie, genauso wie die Juden, wurden hart von der Zerstörung Jerusalems und des mächtigen Tempels, des Mittelpunkts ihres geistlichen Lebens, durch die Römer im Jahre 70 getroffen.

Doch in der apokalyptischen Literatur gibt es immer die Vision eines Neubeginns und der Hoffnung. Die Zerstörung, Gewalt und den Tod, den Menschen hier auf Erden erleben, ist nicht das Ende. Apokalyptische Literatur ist im Grunde genommen ein Peptalk, wie man hier so schön sagt, eine Ermutigung: haltet durch! Es werden bessere Zeiten kommen. Gott hat das letzte Wort. Das Leben in aller Fülle hat das letzte Wort.

Der 11. November ist nicht nur der Tag, an dem einer der zerstörerischten Kriege hier auf Erden endete. Der 11. November ist seit vielen Jahrhunderten auch als Martinstag gefeiert worden.

Eine beliebte Tradition zum Martinstag, die auch immer noch in vielen Teilen Deutschlands und von deutschen Auswanderern hier gepflegt wird, ist der Laternenlauf der Kinder. Kinder, die Hoffnungsträger für die Zukunft, tragen bunte Laternen in die Dunkelheit hinaus und singen dabei Lieder über den heiligen Martin und das Licht, das in der Dunkelheit leuchtet.

Als Kind nahm ich immer begeistert an diesen Umzügen teil. Und ich muss zugeben, dass mir auch heute noch die Tränen kommen, wenn ich eine Schar von Kindern mit ihren Lichtern vorbeiziehen sehe, Leuchtfeuer der Hoffnung in einer oft dunklen Welt.

Wer aber war eigentlich der heilige Martin, oder genauer gesagt: der heilige Martin von Tours? Im 4. Jahrhundert diente Martin als Soldat in der römischen Armee, die in Gallien, also dem heutigen Frankreich, stationiert war. Sein Name, Martin, hat auch einen Bezug zu seinem Beruf als Soldat: Martin kommt von ‘Mars’, dem Gott des Krieges.

Einer berühmten Legende zufolge begegnete Martin eines Tages einem fast nackten Bettler an einem bitterkalten Tage. Voller Mitleid zog sich Martin seinen Mantel von den Schultern und schnitt ihn mit seinem Schwert inzwei. Eine der Hälften gab er dann dem Bettler.

In derselben Nacht erschien Christus ihm dann in einem Traum: er trug die Hälfte des Mantels, den Martin dem Bettler gegben hatte, und sprach zu den Engeln: Dies ist Martin, der Soldat, der mich gekleidet hat.’

Dies war Martins Bekehrungserlebnis. Von nun an diente er nicht mehr Mars, dem Gott des Krieges, sondern Christus, dem Gott des Lebens und des Friedens. Er wurde sogar Bischof der Stadt Tours und ist bis heute der Schutzheilige aller Soldaten und der Schutzheilige Frankreichs.

(Und nur als Nebenbemerkung: das lateinische Wort für Mantel ist ‘cappa’ – wir kennen ja auch das Wort ‘Cape’. Martins halber Mantel wurde als ‘capella’, ‘Mäntelchen’, bezeichnet. Der Raum, in dem diese Reliquie, das ‘capella’, aufbewahrt wurde, wurde dann auch als ‘capella’ bezeichnet. Und so wurden dann irgendwann alle Seitenräume einer Kirche oder Kathedrale benannt: ‘capella’, Kapelle.)

Der heilige Martin ist ein grossartiges Beispiel dafür, das sein Leben von Gott wirklich auf den Kopf gestellt und gewandelt werden kann. Martin wurde vom Krieger zum Friedensstifter und Friedenshüter – er wurde zu einer neuen Kreatur durch Gottes Gnade und Liebe.

Es ist kein Zufall, dass das Ende des 1. Weltkrieges offiziell am 11. November, dem Martinstag, stattfand – ganz genau am 11. Tag des 11. Monats zur 11. Stunde. Dieser Tag wurde ganz bewusst von den Kriegsgegnern gewählt, um einen radikalen Neuanfang nach vier Jahren des unvorstellbaren Grauens und der Zerstörung, einer Zeit, in der nicht ein Stein auf dem anderen gelassen wurde, zu wagen – ein Neuanfang, wie ihn auch der heilige Martin erlebt hatte. Das Ganze hatte also eine tiefe symbolische Bedeutung.

Dadurch, dass dieser Krieg am Martinstag beendet wurde, wurde die Hoffnung ausgedrückt, dass nun nach dieser apokalyptischen Erfahrung nun endlich eine Zeit des Friedens herrschen würde.

Nun wissen wir alle, dass der Waffenschluss am Martinstag nicht dazu führte, dass alle Kriege nun zuende waren. Noch heute werden wir Zeugen unsäglichen Leidens – in diesem Lande und auf der ganzen Welt. Es gibt Fanatismus, Ignoranz und Hass. Menschen fügen sich Leid zu und töten einander im Namen von Religion, Heimatland oder Ideologie. Auch heute erfahren wir noch das Elend, von dem Jesus im heutigen Evangelium spricht.

Aber dies ist nicht alles. Wir können zuversichtlich sein, dass dereinst Gerechtigkeit, Liebe und Frieden herrschen werden. Menschen werden mit Gott und miteinander versöhnt sein.

Es gibt Hoffnung. Das Licht scheint in der Finsternis – am Martinstag, wenn Kinder das Licht und die Hoffnung in die Welt tragen – und an allen Tagen, an dem wir unser Licht, von Gott in uns entfacht, leuchten lassen.

 

Foto von Veeterzy via unsplash.com

 

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