Es passiert immer um diese Jahreszeit: da stimmt irgendwas nicht für mich. Emotional und spirituell bin ich ganz woanders als die Welt um mich herum.

Unser Kirchenkalender ist ganz deutlich: es ist noch nicht Weihnachten. Nein, bis dahin sind’s noch ein paar Wochen. Wir befinden uns jetzt in einer Jahreszeit, in der wir als Christen dazu aufgerufen sind, uns mit etwas ganz anderem zu befassen und auseinanderzusetzen: dem Ende. Dies ist das Ende des Kirchenjahres, und das heisst auch, dass wir dazu ermutigt werden, uns auch mit unserem Ende auseinanderzusetzen: dem Tod.

Nun wird der letzte Sonntag des Kirchenjahres in Deutschland als ‘Ewigkeitssonntag’ begangen; im Volksmund ist dieser Tag eher als ‘Totensonntag’ bekannt. Dieser Tag der Toten ist nicht so wie der ‚Dia de Muertos‘ in Mexico, mit bunten Farben und Frӧhlichkeit und all den Elementen, die uns vielleicht eher makaber vorkommen – nein, in Deutschland begehen wir den Tag den Toten sehr ernst und traurig. Und das Wetter hilft oft noch dabei: erinnern Sie sich noch an all die grauen und trüben Novembertage?

Mein Vikariat in Deutschland absolvierte ich in einer Dorfgemeinde im Oldenburger Land. Wie so üblich, war diese Dorfkirche von einem Friedhof umgeben. Ich erinnere mich daran, wie eindrucksvoll der Ewigkeitssonntag in jener Gemeinde war – nach dem Gottesdienst zog die Gemeinde geschlossen in den Friedhof hinaus. Und wӓhrend der Nieselregen auf uns herniedertropfte, wurden dann die Namen der Verstorbenen des letzten Jahres verlesen. Nach jedem Namen schlug dann die Kirchenglocke mit dumpfem Schlag an. Und das dauerte recht lange – dutzende von Leuten waren in jenem Jahr verstorben. Das ist schon eine besondere Art, sich an die Toten zu erinnern – aber auch, unsere Sterblichkeit zu bedenken.

Alles hat seine Zeit, so steht es im Buch der Prediger. Geboren werden hat seine Zeit, sterben hat seine Zeit. Weinen hat seine Zeit, Lachen hat seine Zeit. Trauer hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit. Unzӓhlige Generationen vor uns sind durch solche Zeiten bewuβt gegangen. Bis vor ein paar Generationen wurden der Trauer und dem Weinen bewuβt Zeit und Raum gegeben.

Als ich noch ein Kind war, da trugen die Leute noch ein ganzes Jahr lang schwarz, wenn ein nahes Familienmitglied verstorben war. Erinnern Sie sich noch daran? Dies war ein offenes Zeichen der Trauer – und auch ein Signal an die Umwelt: “Bitte, seid behutsam mit mir. Es geht mir nicht gut, ich bin traurig, jemand ist von mir gerissen worden, und ich muss mich erst an dieses Leben ohne meinen Mann, mein Kind, meine Mutter, meinen Bruder gewӧhnen.’ Dies ӓnderte sich bereits, als ich dann heranwuchs. Als mein Opa starb, debattierten meine Oma und meine Mutter, ob es nicht reicht, sechs Monate lang schwarz zu tragen. Ein ganzes Jahr schien ihnen bereits zu lang. Wer macht das schon noch? Und heute tragen die Leute hierzulande noch nicht einmal unbedingt schwarz auf einer Beerdigung.

Ich bin der Meinung, dass wir uns als Gesellschaft einer wichtigen Zeit selbst beraubt haben: der Zeit, zu trauern und zu weinen. Wir haben uns der Zeit beraubt, ehrlich mit uns selbst und anderen darüber zu sein, wie wir uns wirklich fühlen, wenn wir jemanden verlieren. Wir haben uns der Zeit beraubt, ehrlich über unser eigenes Ende nachzudenken. Und seien wir doch einmal ehrlich: der Tod zerstӧrt, macht kaputt.

Nun finde ich es interessant, dass nicht nur die sekulare Gesellschaft um uns herum alle Gedanken an den Tod zu vermeiden – etwas, das wir gerade jetzt erfahren, wenn Weihnachten bereits am Tag nach Thanksgiving beginnt, für manche sogar noch früher. Da gibt es die, die an Gott glauben, da gibt es Kirchen, die den Tod als etwas betrachten, was recht leicht zu nehmen ist, etwas, über das man mӧglicht schnell hinweggeht – denn kommt es nicht auf die Auferweckung der Toten an, die dann in alle Ewigkeit in Gott ruhen? Ist somit der Tod nicht etwas Gutes?

Diese Auffassung spiegelt sich dann in Worten wie: ‘Ach, es ist ja am besten für ihn oder sie, denn nun ist er oder sie bei Gott’.  Und ist Ihnen einmal aufgefallen, dass es heutzutage kaum noch Beerdigungen oder Trauerfeirn in diesem Lande gibt, sondern anstatt dessen eine ‚celebration of life‘, ein Feiern des Lebens? Sogar als Christen, deren Glaube sich ganz um Christi Tod am Kreuz dreht, versuchen wir doch, den Ernst und die grausame Wahrheit über den Tod zu vermeiden – als ob Trauer ein Zeichen eines schwachen Glaubens wӓre.

Doch selbst Jesus weinte, als sein Freund Lazarus starb. Und Martin Luther, der einen unwankbaren Glauben an Gottes Gnade und die Auferstehung der Toten hatte, trauerte sehr und wurde gar depressiv, als seine Tochter Magdalena im Alter von nur 12 Jahren starb.

Auch wenn wir die Hoffnung auf ein ewiges Leben haben dürfen, so ist der Tod doch ein Fluch, wie die Bibel sagt; der Tod ist der Feind des Lebens und der Feind Gottes. Ja, uns scheint der Tod manchmal als ein Segen zu erscheinen, wenn wir mitmachen müssen, wenn jemand hier auf Erden unsӓglich leidet. Doch beraubt der Tod uns, er hinterlӓβt eine Wunde, die sich nur schwer schlieβt, er tut uns weh. Und auch wenn die Wunde endlich heilt, so bleibt doch zeitlebens eine Narbe.

Heute ist der Tag, an dem wir daran denken dürfen und unserer Trauer Raum geben dürfen. Heute ist der Tag, an dem wir traurig sein dürfen, vielleicht soger wütend, wenn wir an die denken, die uns durch den Tod genommen wurden. Heute ist der Tag, an die zu denken, die im vergangenen Jahr aus unserer Mitte gerissen wurden. Heute ist der Tag, uns an all jene zu erinnern, die in diesem Lande und in der Welt tagtӓglich dem Tod zum Opfer fallen, oft unter schrecklichen und sinnlosen Umstӓnden: Waffengewalt, Hungersnӧte, Krieg und Naturkatastrophen, so wie dem Camp Feuer in Nordkalifornien.

Dies ist ein Zeit, uns damit auseinanderzusetzen, dass das Leben zerbrechlich ist, und dass wir alle endlich sind. Denn alles hat seine Zeit, und für uns als Christen ist diese Zeit jetzt.

Dies ist das Ende. Aber, wie wir auch alle wissen, birgt jedes Ende einen neuen Anfang.

Nӓchsten Sonntag feiern wir den Beginn eines neuen Kirchenjahres mit der Adventszeit – und dies ist eine besondere Zeit, eine Zeit, die schwanger ist mit Hoffnung und Erwartung, da wir jeden Sonntag eine Kerze mehr auf dem Adventskranz entzünden. Advent ist eine Zeit des Übergangs – eines Übergangs von Tod, Trauer Weinen – zur Geburt eines Kindes in einer Krippe, zu einem neuen Leben, über das wir uns freuen kӧnnen.

Auf Tod folgt Leben – dies ist, woran wir glauben. Der Tod, so entsetzlich und zerstӧrerisch er auch sein mag, hat nicht das letzte Wort.

Die Welt um uns herum mag einfach über die Zeit hinwegspringen, die mit dem Ende aller Dinge und dem Tod zu tun hat, und nahtlos von Halloween zur Fӧhlichkeit und Hektik der Weihnachtszeit übergehen; aber ich mag diese nachdenkliche Zeit des Jahres nicht missen. Für mich sind es gerade Zeiten wie diese und die Adventszeit, die Weihnachten um so frӧhlicher und bedeutungsvoller machen.

Alles hat seine Zeit – und jede Zeit hat ihren Grund. Doch in allen Zeiten unseres Lebens kӧnnen wir uns gewiβ sein, dass weder Tod noch Leben, noch alle Mӓchte im Himmel und auf Erden oder sonst irgendetwas in dieser Welt und von der Liebe Gottes in Jesus Christus trennen kӧnnen.

 

Foto von Jeremy Wong via unsplash.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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