Mein Mann Fred und ich machten im letzten Frühjahr einen ‘Road Trip’, der uns zu einigen Nationalparks im amerkanischen Südwesten führte. Unter anderem besuchten wir auch Bryce Canyon. Es ist wirklich atemberaubend schön dort.

Nun ist Fred nicht nur an Landschaft interessiert, sondern auch an der Kultur der amerikanischen Ureinwohner oder ‘Indianer’, wie wir gerne sagen, und da findet er Petroglyphen besonders interessant, also Zeichnungen oder Einritzungen, mit denen die Ureinwohner Felsen oder Felswände verzierten.

Fred hatte irgendwie herausgefunden, dass es auch Petroglyphen in Bryce Canyon gibt. Das wird so nicht weiter bekanntgemacht – da Petroglyphen oft von irgendwelchen hirnlosen Wandalen zerstört werden, versucht man, viele dieser Standorte mit Petroglyphen geheim zu halten.

Aber, wie gesagt, Fred hatte da etwas über das Internet gefunden. Und da gab’s dann auch eine ominöse und recht komplizerte Beschreibung, wie man zu diesen Petroglyphen gelangt.

Und so begaben wir uns auf die Suche. Wir parkten das Auto an einem bestimmten Meilenstein, kletterten den Abhang hinunter, krochen dann unter der Strassenbrücke hindurch und wanderten dann in einem engen und steilen Canyon ein trockenes Bachbett entlang.

Alldieweil fing es an, stark zu regnen. Wir waren vorbereitet, wir hatten den Wetterbericht gelesen, wir hatten Regenklamotten and, also alles kein Problem. Nach ungefähr einem Kilometer waren wir am Ende des Canyons angekommen. Man konnte so ein bisschen die Felsen hochklettern, aber da war Endstation. Und wir hatten die Petroglyphen noch nicht gefunden.

Dort, wo der Canyon aufhörte, hatte sich durch den Regen ein spontaner Wasserfall gebildet, der die Felswand hinuntersprudelte. Und am Boden des Canyons hatte sich ein kleiner Pool gebildet.

Fred kletterte noch etwas weiter, auf der Suche nach den Petroglyphen. Ich wartete und schaute gedankenverloren dem Wasserfall zu. Bis es mich auf einmal traf: Ja, wo geht das ganze Wasser eigentlich hin, das hier in den Canyon fliesst? Ich schaute mir den Pool an und stellte fest, dass das Wasser begann, das Bachbett zu füllen, langsam, aber sicher.

Und mir kam das Wort ‘Flashfloods’ in den Sinn, also Sturzflut. Und, ja, eigentlich jeder Nationalpark warnt davor. Jedes Jahr kommen mehrere Menschen durch diese unerwarteten Sturzfluten um.

Ich rief also nach Fred, und als er dann endlich auftauchte (und, nein, er hatte die Petroglyphen immer noch nicht gefunden), drängte ich ihn: “Wir müssen hier raus, schnell, das sieht nach einer Sturzflut aus!”

Widerwillig folgte mir Fred, als ich wieder runter in den Canyon kletterte. Und wir bekamen auch nasse Füsse, aber glücklicherweise war das Bachbett weitesgehend noch trocken. Wir gingen also schnurstracks wieder zurück; ab und zu schauten wir über die Schulter und konnten sehen, dass das Wasser uns folgte.

Dann entdeckte Fred einen Pfad, den wir auf dem Hinweg nicht gesehen hatten. Ob das der Weg zu den Petroglyphen ist? Fred also kundschaftete diesen Pfad aus, während ich erst einmal zurückblieb und nervös auf die steigenden Wasser starrte. Ja, er hatte die Petroglyphen gefunden, gleich um die Ecke!

Ich sah mir das dann auch an, ja, prima, die Petroglyphen sind wirklich toll, gut, mach noch ein Foto, aber dann nichts wie weg!

Von wegen! Fred musste noch ein Foto aus diesem Winkel machen, und dann aus jenem Winkel, und als ich drohte, ihn alleinzulassen, kam er widerwillig mit. Und das Wasser hatte fast zu uns aufgeschlossen. Wir also schnell wieder zurück, durch die Unterführung durch, dann die Felswand hoch, zum Auto. Als wir dort standen und auf das Bachbett runterschauten, sahen wir, wie eine massive Wasserwand durch die Unterführung, die wir eben noch durchquert hatten, schoss und das Bachbett füllte. Das war knapp!

Dieses Erlebnis erinnerte mich – erinnerte uns – daran, dass Wasser gefährlich sein kann. Ja, Wasser ist Leben, doch hat es auch das Potential, zu töten.

Sie kennen vielleicht das schwarzweisse Symbol für ‘Yin und Yang’ aus alter chinesischer Philosophie, das ausdrückt, das nichts nur schlecht oder nur gut ist – dass es in allen Dingen einen gewissen Dualismus gibt. Das trifft difinitiv auf Wasser zu – lebensspendend und erfrischend, aber auch mit der Macht, zu zerstören.

Wir treffen diese Ambivalenz auch in den Wassern der Taufe an. In unserer Tauftradition benutzen wir ja nur ein paar handvoll Wasser und so mögen wir denken, dass die Taufe harmlos ist – wir waschen die Sünde so ein bisschen ab. Doch Taufe sah nicht immer so zahm aus – und Sie wissen vielleicht auch, dass in einigen christlichen Traditionen auch heute noch die Immersionstaufe praktiziert wird, d.h., durch Untertauchen – häufig in einem Fluss, See, oder auch im Meer. Das ist eine ganz andere Erfahrung.

Als Johannes Menschen im Jordan taufte, so tröpfelte er höchstwahrscheinlich nicht nur ein bisschen Wasser aus einer Muschel auf sie, so, wie es einige Gemälde darstellen. Nein, höchstwahrscheinlich tauchte er sie voll unter – im Übrigen sricht ja auch das heutige Evangelium davon, dass Jesus aus den Wassern wieder hervorkam. Und das muss für viele beängstigend gewesen sein – viele Menschen konnten damals nicht schwimmen, und es gehört schon ordentlich Vertrauen dazu, sich in den bewegten Wassern des Jordans untertauchen zu lassen und sein Leben in die Hände dieses wild ausssehenden Täufers zu legen – und sein Leben damit in die Hände Gottes zu legen. Da ging es um mehr als nur das sanfte Abwaschen von Sünde – diese Taufe war das momentane Eintauchen in den Tod und die Wiederauferstehung in ein neues Leben.

Viele haben sich gefragt, warum Jesus sich hat taufen lassen – er war schliesslich ohne Sünde und brauchte also das Abwaschen von Sünde gar nicht. Aber wenn wir die Taufe als Symbol von Tod und Auferstehung verstehen, dann macht sein Taufe Sinn. Schliesslich war Jesus ca. 30 Jahre lang ein unbedeutenden Zimmermann im galiläischen Hinterland. Und Jesu Taufe kann so auch an das, was noch kommen wird, interpretiert werden.

Durch Jesu Taufe wird sein altes Leben zerstört; die Himmel öffnen sich, Gott erscheint in der Gestalt einer Taube, und erklärt Jesus zu seinem geliebten Sohn. Und das führt Jesus auf einen radikalen neuen Weg: er beginnt seine Mission, die ihn zu den Armen, den Kranken, den Vernachlässigten und den Selbstgerechten führt, kurzum, zu allen, die irgendwie verloren sind – und letzlich zum Kreuz. Radikaler geht’s nicht.

Unsere Taufe heute hat auch noch diesen radikalen Effekt. Hier erleben wir das Yin und Yang des Wassers: erfrischend und lebensspendend, aber auch gleichzeitig zerstörerisch. Martin Luther sprach ganz drastisch von der Taufe: in ihr wird der alte, sündige Adam ersäuft, so dass wir mit Christus auferstehen und in ihm leben mögen.

Liedermacherin Sam Phillips beschreibt diese Ambivalenz der Taufe in ihrem Lied ,Below Surface’ – Unter der Oberfläche. Sie singt: ‘Water rising up against my door – I’ve been waiting for Noah’s God to destroy my world so I can find life. I’m below surface.’ – Wasser steigt vor meiner Tür – ich habe darauf gewartet, dass Noahs Gott meine Welt zerstört, so dass ich Leben finde.

Wir denken in der Regel, dass Zerstörung etwas Negatives ist. Feuer, wie sie immer noch in Australien brennen, oder Fluten, die alles hinwegreissen, sind schlimm. Doch auch hier gibt es Yin und Yang. Manchmal ist Zerstörung gut. Denken Sie einmal an die Vernichtung von Krebszellen oder anderer Keime, die uns krank machen. Manchmal muss es Vernichtung geben, damit es Leben, neues Leben, geben kann. Und das gilt auch für die Taufe.

Es mag uns schwerfallen, zu verstehen, was vernichtet werden muss, wenn wir ein Baby oder ein Kleinkind taufen – das hatte ja überhaupt noch keine Gelgenheit, Sünden zu begehen. Das Ganze hat mit dem Konzept der Erbsünde zu tun, also der Idee, dass Sünde irgendwie von Generation zu Generation weitervererbt wird. Lassen wir diese Idee einmal beiseite.

Irgendwie macht es mehr Sinn, an die Zerstörung eines alten, sündigen Lebens zu denken, wenn ein Mensch später im Leben getauft wird. Doch in jedem Fall ist die Taufe nicht das Ende – es geht weiter. Es war Martin Luthers Angewohnheit, sich jeden Morgen nach dem Aufwachen zu erinnern: ‘Ich bin getauft. Ich bin getauft’ – und sich auch gleichzeitig daran zu erinnern, dass das Alte und nicht so Gute getrost in Gottes gnädige Händen gelegt werden kann, und dass es jeden Tag mit Gott eine neue Chance gibt. Jeden neuen Tag erleben wir so eine Auferstehung.

Darum gibt es in katholischen – und übrigens auch in vielen lutherischen Kirchen in diesem Land – Weihwasserbecken am Eingang jeder Kirche – eben um uns daran zu erinnern, dass wir getauft sind und Gott uns am jedem Tag einen Neubeginn gibt.

Und darum plane ich gerne einmal im Jahr einen Gottesdienst, in dem wir uns an unsere Taufe erinnern. Denn wir alle machen Fehler. Wir alle tun Dinge, auf die wir alles andere als stolz sind, Dinge, die an uns nagen, weil wir schuldbewusst sind. Die frohe Botschaft ist: all dies können wir Gott anvertrauen, unsere Schuld bekennen und neu anfangen.

Lassen Sie uns nun also danksagen für die Wasser der Taufe – die Wasser, die Sünde, Schuld und Tod zerstören – die Wasser, die uns erneuern, erfrischen und uns ein neues und ewiges Leben geben.

 

 

 

 

 

 

This post is also available in: Englisch