Vor kurzem erfuhr ich von einer faszinierenden Begebenheit, von der ich zuvor noch nie gehört hatte.

Es war im Jahr 1922, also noch nicht einmal vor 100 Jahren. And der Universität von Toronto gab es eine Krankenhausstation, in der Kinder lagen, die an diabetischer Ketoazidose litten und sich im Koma befanden, an Todes Schwelle.

Ketoazidose ist ein lebensbedrohlicher Zustand. Wenn jemand unter Ketoazidose leidet, so zersetzt der Körper Fette viel zu schnell. Die Leber wandelt diese Fette dann in Brennstoffe um, der Ketone genannt werden, und Ketone übersäuern das Blut.

Und warum zersetzt der Körper Fette viel zu schnell? Weil die Bauchspeicheldrüse nicht genügend Insulin produziert. Und ich weiss darüber so ein bisschen Bescheid, weil mein Mann unter Diabetes, Typ 1, leidet.

Das also ist die medizinische Erklärung für Diabetes, und Ärzte fanden bereits im 19. Jahrhundert heraus, was die Ursache für Diabetes ist – nur konnte man kaum etwas dagegen tun.

Auch im Jahr 1922 gab es noch kein Mittel, um Menschen mit Diabetes zu helfen. Ärzte konnten lediglich eine rigorose Diät verschreiben, bei der nicht mehr als 500 Kalorien am Tag eingenommen werden durften. Menschen, die es schafften, diese Diät durchzuhalten, starben dann oft an Unterernährung oder den Folgen von Mangelernährung. Kurz und gut: Diabetes war ein Todesurteil.

Aber nun zurück auf die Krankenstation der Universität von Toronto. Stellen sie sich einmal vor: ein ganzer Saal mit Eltern, die am Bett ihres Kindes auf den sicheren Tod warten.

Doch dann betrat eine Gruppe Wissenschaftler, unter der Leitung von Frederick Banting und seines Assistenten Charles Best, die Station. Sie hatten es endlich, nach unzähligen Experimenten, geschafft, Insulin zu isolieren und zu reinigen, so dass es injiziert werden konnte. Und so gingen sie von Bett zu Bett und spritzten die komatosen Kinder mit diesem neuen Extrakt.

Erst schien nichts zu passieren. Aber als sie dem letzten Kind die Spritze setzten, rührte sich das erste Kind. Nach und nach wachten dann alle Kinder aus ihrem Koma auf.

Können  sie sich vorstellen, was dies für die Eltern bedeutete, die auf den sicheren Tod ihres Kindes gewartet hatten? Es muss wie ein Wunder gewesen sein. Ein Saal, in dem Tod und Bedrückung geherrscht hatten, wurde nun zum Ort der Freude und der Hoffnung. Diese Kinder waren dem Tod entrissen und wieder ins Leben gebracht worden.

Ja, es war wie ein Wunder. Und denken sie nur einmal daran, welche Wunder auch heute noch durch die Medizin geschehen. Wieviele Menschen überlebt haben – und auch immer noch überleben – weil es erstaunliche Medikamente, Operationen und andere Behandlungen gibt, die Leben retten.

Heute sind viele hier, die von L H Abschied nehmen. Und sie alle wissen davon, dass L vor einigen Jahren wie von Wunderhand einen schweren Autounfall überlebte, dank einer ausgezeichneten medizinischen Versorgung – und dank ihres Lebenswillens. Und sie überlebte nicht nur, sondern lebte ihr Leben voller Lebenslust und Energie. Dies war ein besonderes Geschenk. Und, ja, es war wie ein Wunder.

Nun sind solche medizinischen Wunder nicht ganz mit den Wundern in der Bibel zu vergleichen. Die Wiederbelebung der Kinder in Toronto oder auch das Überleben Ls kann nicht hundertprozentig mit der Auferweckung der Tochter des Synagogenvorstehers verglichen werden. Doch gibt es da doch Parallellen – dem Tod wurde in allen Fällen ein Schnäppchen geschlagen. Halt, noch nicht!

Und ich kann mir vorstellen, dass die Eltern des Kindes zu Zeiten Jesu als auch die Eltern der Kinder, die ca. 2000 Jahre später an Diabetes litten, etwas ganz ähnliches empfanden, als sie sahen, dass ihre Kinder wiederbelebt wurden. Und auch sie, die sie Lotte kannten und nicht damit rechneten, dass sie überleben würde: Erleichterung. Erstaunen, vielleicht soger Unglauben. Vielleicht ein bisschen Angst. Freude. Dankbarkeit.

Und wer kann solch eine frohe Botschaft, dass das Leben den Tod überwunden hat, schon für sich behalten? Natürlich muss das weitererzählt werden!

Wo es Tod und Verzweiflung gegeben hatte, gab es nun Hoffnung. Wo es Tod gegeben hatte, gab es nun Leben.

Nun wissen wir aber alle, dass wir trotz aller medizinischer Wunder dann alle doch irgendwann sterben müssen. Menschen sterben – manchmal alt und lebenssatt, wie die Bibel so schön sagt, manchmal viel zu früh, sei es durch Krankheit, einen Unfall oder Gewalt. Damit müssen wir leben, und damit müssen wir umgehen. Und das ist schwer. Wenn jemand, der uns nahesteht, stirbt – wenn jemand, den wir lieben, stirbt, dann fühlt es sich so an, als würde auch ein Teil von uns sterben. Jemand, der unsersetzlich ist, wird uns genommen.

Und auch, wenn die Welt um uns herum versucht, irgendwo Sinn im Tod zu suchen – ach, es war eben seine oder ihre Zeit, oder die besten sterben jung, oder er oder sie ist nicht umsonst gestorben – so ist der Tod am Ende doch immer sinnlos. Der Tod ist grausam, und er tut weh. Christus wäre nicht am Kreuz gestorben und hätte den Tod nicht durch seine Auferstehung überwunden, wenn der Tod irgendwie etwas Gutes wäre.

Und natürlich sollen wir trauern, wir sollten weinen und vielleicht sogar wehklagen, wenn ein geliebter Mensch stirbt.

Sogar Jesus weinte, al ser vom Tod seines Freundes Lazarus erfuhr. Sogar Jesus litt, als er sterben musste. Gott weiss, dass Tod und Sterben schwer sind.

Aber – aber – hat der Tod nicht das letzte Wort. Das Evangelium, das wir heute gehört haben, ist ein Beispiel der Macht Christi, der Macht Gottes, den Tod zu überwinden. Das Evangelium gibt uns einen Vorgeschmack auf das, was noch kommt – es zeigt uns, wie wir dereinst alle von Christus erweckt werdne, und gibt uns so Hoffnung und Zuversicht.

Die Wunder, die wir um uns herum tagtäglich erfahren, machen uns Hoffnung darauf, dass das Leben so eine Art hat, sich stur durchzusetzen und gegen den Tod anzukämpfen. Da gibt es etwas nach der traurigen und zerstörerischen Realität des Todes. Gott verheisst uns ewiges Leben.

Und dies ist eine Verheissung, wie sie auch L gilt, deren Tod wir heute besonders betrauern – und allen anderen, deren Todes wir heute besonders gedenken.

Und so hören wir die tröstlichen Worte aus dem Buch der Offenbarung: Es wird einen neuen Himmel und eine neue Erde geben, denn die alte ist vergangen. Und es wird ein Reich sein, in dem Gott alle Tränen von unseren Augen abwischen wird, ein Reich, in dem es weder Tod noch Leiden noch Trauer noch Weinen mehr geben wird.

Ja, wir leben noch in einer Welt, in der wir vom Tod umgeben sind. Aber es gibt Hoffnung. Die Hoffnung, dass Lotte und alle anderen, um die wir heute trauern, in Gottes Reich willkommen geheissen sind und nun ein Leben in Gottes Gegenwart erfahren. Die Hoffnung, dass wir alle, wenn wir sterben, in ein neues Leben erweckt werden.

Und so kommen wir heute mit unseren Tränen. Wir kommen mit unserem Leid. Das ist gut und recht. Wir müssen unsere Trauer nicht vor Gott, der weiss, wie es ist, zu weinen und zu trauern, verstecken.

Und Gott umfängt uns in unserem Schmerz, wie eine Mutter, hält uns und wischt unsere Tränen mit einer zärtlichen Hand ab.

Dies ist ein Gott, der uns berührt, der uns nahe ist und an unserem Leid teilhat. Und dies ist der Gott, der uns verspricht: Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende.

Ich bin für euch und mit euch gestorben, so dass ihr das ewige Leben gewinnt.

 

Foto von Jill Dimond via unsplash.com

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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