Martin hat ein Ränzel vor sich und steht unentschlossen da. Katharina bringt ihm ein paar Socken und ein Fӓβchen.

Katharina: Nu, was stehst du denn da, mein lieber Mann? Auf, auf, das Ränzel will geschürt sein! Bald kommt der Wagen, und dann muβt du bereit sein. Man wartet auf dich in Leipzig, mein gelehrter und berühmter Herr Doktor!

Martin packt die Socken lustlos in das Ränzel. Er blickt das Fӓβchen wehmütig an.

Martin: Ach, dein gutes Bier, liebe Käthe! Nur allzu schnell wird es ausgetrunken sein, und dann muβ ich mich mit minderwertigem Gesöff begnügen! (Seufzt.)

Katharina: Was ist den mit dir los, Martin? Bist du krank?

Martin (seufzt): Ach, schon jetzt bin ich krank vor Heimweh!

Katharina: Und dabei hast du noch nicht einen Fuβ vor die Tür gesetzt! (schüttelt den Kopf und will gehen, doch Martin fasst sie beim Arm)

Martin: Kӓthe, wirst du mich denn gar nicht vermissen, deinen Herrn Doktor?

Katharina (spielerisch): Ein Maul weniger zu stopfen, und dazu noch das gröβte.

Martin schaut verletzt drein. Katharina wird versöhnlicher.

Katharina: Du weiβt, wie sehr ich dich vermisse, wenn du fort muβt. Selbst, wenn es in diesem Haus immer viel Leben und Trubel gibt und mich auf Trab hӓlt, so fehlst du mir doch, wenn du eine deiner Disputationen oder Predigten irgendwo anders hӓltst. Aber das ist der Preis, den ich als die Lutherin zahlen muβ.

Martin: Kӓthe, Kӓthe, wenn mir jemand vor unserer Hochzeit gesagt hӓtte, wie sehr ich an dir hӓngen würde, so hӓtte ich ihn ausgelacht. War ich doch immer ein Eigenbrötler. Aber je lӓnger ich mit dir zusammenlebe, desto mehr finde ich, daβ ich ohne dich nichts tun kann. Du, die Kinder – das ist jetzt mein Leben.

 

Katharina: Doktor Martin, frevle nicht! Hast du nicht noch vor ein paar Jahren gedichtet: „Nehmen sie den Leib,
Gut, Ehr, Kind und Weib:
Laß fahren dahin, sie habens kein’ Gewinn,
das Reich muß uns doch bleiben“? Ist nicht Christus dein Leben? Solltest du nicht an ihm mehr hangen als an mir?

Martin: Ach, Frau Doktorin, predige du nur! Natürlich ist Christus der Weinstock, und ich bin eine Rebe – aber nur eine von vielen! Durch gute und göttliche Fügung sind unserer beiden Reben miteinander verwachsen und ineinander verschlungen. Ja, Christus ist der, der uns wachsen lӓβt und hӓlt, und ohne ihn können wir nichts tun – doch gibt er uns Menschen an die Seite, die uns gleichsam wie Ranken stützen. Und du, Kӓthe, bist mir die wichtigste Ranke geworden.

Katharina: Und was ist mit unseren Kindern? Deinen treuen Freunden, die mit dir und deiner Reformation durch Dick und Dünn gehen?

Martin: Kӓthe, natürlich weiβ ich, daβ niemand alleine durch’s Leben geht, sondern Gott uns viele an die Seite stellt. Und ist dies nicht ein wunderbares Bild, daβ wir eben alle Reben an dem einen Weinstock sind? Gott weiβ, daβ eine einzelne Rebe am Stock zu schwer wӓre und zu Boden sinken müβte, wo sie verfault. Gott schenkt uns die Gemeinschaft, so daβ wir voneinander nehmen und einander geben. Der Starke kann soviel geben, und der Schwache wird unterstützt. So soll es sein, und so ist es richtig.

Katharina (kuschelt sich an): Und ich danke dem Herrgott, daβ er deine Rebe und meine Rebe so ineinander verschlungen hat, daβ wir ohne einander nichts tun können. (Lauscht und löst sich.) Ich höre den Wagen. Ich werde jede Minute auf dich warten, die du fort bist. Und mich auf unser Wiedersehen freuen. Schlieβlich kann uns nicht wirklich etwas trennen, da wir doch an demselben Weinstock kleben. Auf, mein Liebster, du muβt dich sputen! Hast du deine Socken?

Martin: Ja, mein Herr Kӓthe!

Katharina: Das Bier?

Martin: Wie könnte ich dein Bier vergessen?

Katharina (hӓlt inne): Martin, mir kommt da gerade ein recht merkwürdiger Gedanke: Meinst du, daβ sich in 500 Jahren die Menschen daran erinnern werden, daβ sie zur Ehre Gottes und zum Dienst aneinander geschaffen sind? Daβ sie sich gegenseitig stützen und helfen, so wie sich die Reben am Weinstock einander stützen?

Martin: Ach, Katharina, wer weiβ, was morgen sein wird! Doch laβ uns beten, daβ die Welt nicht in Selbstsucht versinkt und alle nur auf ihren eigenen Nabel starren – oder sonstwohin starren, wo sie ihren Mitmenschen nicht ins Gesicht schauen müssen.

Katharina:  Recht hast du. So komm, verabschiede dich von den Kindern. Und möge Gott deine Reise segnen.

Martin: Amen! (Martin greift Rӓnzel. Hand in Hand verlassen die beiden die ‚Bühne‘.)

 

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