Seit 23 Jahren schicken mir gute Freundinnen aus Deutschland immer einen Adventskalender der ganz besonderen Art: ‘Der Andere Advent’, der für jeden Tag in der Advents- und Weihnachtszeit einen Text, ein Bild, einen Impuls bietet. Manche von Euch und Ihnen kennen diesen Kalender vielleicht.

Dieses Jahr hat es mir eine Reflektion in diesem Kalender besonders angetan: Eine Reflektion, die den Titel ‘Ehre sei Gott in der Tiefe’ trägt. Hier berichtet der Autor über seinen Besuch in den Wieliczka Salzminen in Südpolen. Diese Salzminen stehen seit 1978 auf der Liste des UNESCO Weltkulturerbes, und das aus gutem Grund: diese Minen sind voll von Kunstwerken, gefertigt aus Salzgestein. Es gibt in den Wieliczka Minen allein vier christliche Kapellen, liebevoll aus aus den Schächten gehauen . Die Kapelle, die der heiligen Kinga, der Schutzpatronin aller Salzberwerksleute, gewidmet ist, ist die gröβte und schönste dieser Kapellen, gut 100 m tief im Schacht gelegen.

Was die Sankt Kinga Kapelle – und auch die anderen Kapellen – so besonders macht, ist, daβ sie von Bergleuten geschaffen wurden. Bergleuten, die jeden Tag ihrer normalen Arbeit nachgingen, die hart und auch gefährlich war – und die dann, nach getaner Arbeit, diese Kunstwerke schufen, Stück für Stück, oft in mühsamer Handarbeit. Es hat allein 67 Jahre gedauert, um die St. Kinga Kapelle fertigzustellen, unter der Leitung von drei verschiedenen künstlerisch begabten Bergmännern.  

Was mich an dieser Geschichte besonders berührt, ist, daβ es da all diese hochbegabten Menschen gab, die all diese Pracht in der Dunkelheit schufen – doch weil sie zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Ort in eine bestimmte soziale Klasse geboren wurden, muβten sie sich ihren Lebensunterhalt als einfache Arbeiter in den Salzminen verdienen.

Viele dieser Bergleute waren da an einem Ort, wo sie höchstwahrscheinlich nicht sein wollten – sei es im ganz wörtlichen Sinn, tagein tagaus in den dunklen, feuchten und gefährlichen Schächten, aber dann auch im übertragenen Sinne. Wieviele dieser Bergleute mussten diese Arbeit notgedrungen tun und hätten wohl am liebsten etwas anderes in und mit ihrem Leben gemacht – doch gab es da für sie keine Alternativen? Wieviele dieser Bergleute fühlten sich, als wären sie von Dunkelheit umgeben – ganz wörtlich, aber dann auch durch ihre Lebensbedingungen?

And einem Ort, in einer Situation zu sein, wo wir nicht sein wollen – das fasst so ziemlich meine Erfahrungen und die Erfahrung vieler, die die Pandemie der letzten Monate durchlebt haben, zusammen.

Dies fasst zusammen, wie wir uns heute fühlen. Wir sollen nicht reisen, um mit Familie zu feiern. Ich weiss, dass für so manche ihre geplante Reise nach Deutschland, nach Ősterreich, in die Schweiz zu den Feiertagen ins Wasser gefallen ist. Wir können nicht mit der selben Unbeschwertheit wie sonst feiern. We können  heute nicht IN die Kirche gehen. Wir können nicht zusammen die beliebten Weihnachtslieder schmettern. Das ist, auf gut Deutsch gesagt, doof.

Jetzt, in diesem Moment, wäre ich viel lieber woanders: mit Euch und Ihnen zusammen, physisch nahe beieinander, in einer Kirche, die nach Tannengrün duftet, umgeben von dem heiligen Chaos, das Kinder in die Kirche bringen, im Schein hunderter von Kerzen, getragen vom gemeinsamen Anheben unserer Stimmen im Gesang. Anstatt sitzte ich hier in meinem Wohnzimmer, starre in eine Kamera und rede in ein Mikrofon, und muss mir Eure und Ihre Gesichter vorstellen.

Aber ist es Euch und Ihnen jemals aufgefallen, dass die Weihnachtsgeschichte, die wir alle Jahre wieder hören, von zwei Menschen spricht, die da sind, wo sie nicht sein wollen?

‘Und es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt sich schätzen liesse…’. Viele von uns kennen diese Zeilen auswendig. Und diese Gebot des römischen Kaisers veranlasst Joseph, sich mit seiner hochschwangeren Verlobten Maria auf den langen Weg von Nazareth nach Bethlehem, dem Stammort seiner Famile, zu machen, eine Fussreise, die mindestens 4 Tage dauert.

Maria würde wahrscheilich ihr erstes Kind viel lieber im Kreis der Frauen ihrer Familie, der weisen und heilkundigen Frauen ihres Ortes zur Welt bringen – Frauen, die sie liebevoll umfangen, halten, trösten und anspornen würden.

Es gibt akademische Streigespräche darüber, ob Maria denn nun wirklich ihr Kind in einem Stall zur Welt brachte, allein mit Josef, Ochs und Esel als Gesellschaft. Doch eins ist sicher: Maria ist weit weg von zuhause, an einem Ort, an dem die nicht sein will, in einer Situation, in der sie nicht sein will. Ihr Sohn wird nicht so empfangen und wilkommen geheissen, wie es in Marias Haus, in Marias Familie geschehen wäre.

Doch irgendwie, irgendwie wird dieser Ort zu einem heiligen Ort, die unerwünschte Situation zu einer heiligen Situation. Engel singen, und verblüffte Hirten sind unter den ersten, die dieses Kind willkommen heissen. Bergleute schaffen in den Tiefen eines Salzbergwerks heiligen Grund, 100 m im UNTERgrund. Wir kommen trotz allem zusammen, zwar auf diese merkwürdige Art und Weise, alle an verschiedenen Orten an verschiedenen Bildschirmen, um Gottesdienst zu feiern und über das Geheimnis dieser heiligen Nacht zu reflektieren – und wir beweisen, dass selbst der virtuelle Raum heilig sein kann.

Die da im Dunkeln wandeln sehen, und teilen, wahrhaftig ein helles Licht!

Die Orte, an denen wir lieber nicht wären, werden zu Orten, an denen Gott sein will – mit uns, unter uns – sei es ein dunkler und feuchter Ort unter der Erdoberfläche, eine Pandemie, die auf so vielen Ebeben soviel Schlimmes anrichtet – oder eine Krippe in Bethelehem, eine unheile Welt, die sich nach Heil und Erlösung sehnt.

Gott kommt zu uns – als ein Kind voller Verheissung und Möglichekeiten. In Kunst und Musik und in der Natur. Durch Menschen, die ihr Mitgefühl zeigen. Gott kommt und rührt uns an und schafft heiligen Grund, in uns und um uns herum – selbst in den schlimmsten, dunkelsten und schwersten Situationen unseres Lebens.

Das ist etwas, woran wir uns festhalten können in dieser Zeit, in der wir uns häufig so orientierungslos und verloren fühlen. Gott ist da, alle Jahre wieder, an jedem Tag, und wird Fleisch in unserer Mitte. Ehre sei Gott in der Tiefe!

 

 

 

 

 

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