Was  heißt das für Sie: Heim? Was bedeutet es für Sie, ein Heim zu haben? Für viele bedeutet ‚Heim‘ eine Unterkunft, Gemütlichkeit, Privatsphäre, Schutz, ein Gebäude. Und all das ist wichtig. Aber dann gibt es noch andere Elemente, die ein Heim ausmachen, so wie die Menschen, mit denen wir zusammenleben. Heute begehen wir den Muttertag, und so denken vielleicht einige unter Ihnen an Ihre Mutter, wenn Sie an Ihr Heim denken, und an all das, was sie tat, um für die Familie zu sorgen und ihre Kinder zu beschützen. Ich weiß nicht, ob Sie solch eine Mutter hatten oder auch noch haben, die sich so um ihre Familie kümmerte, aber ich hoffe sehr, daß dies der Fall ist.

Darüber hinaus ist es vielleicht ein Haustier oder zwei, das für Sie ein Heim ausmacht. Fotos von und Andenken an die Menschen, die wir liebhaben. Ein Heim könnte wohl am besten zusammengefaßt werden als der Ort, wo wir fühlen, daß wir hingehören, ein Ort, an dem wir angenommen werden, ein Ort, an dem wir uns sicher fühlen, als wenn wir uns in einer festen Burg befänden.

Uns somit ist ein Heim nicht nur unbedingt das Haus, in dem wir wohnen, nein, wir könne ein Heim im übertragenen Sinne finden. In der Kirche z.B., oder in anderen Gruppen oder Kreisen, in denen wir uns dazugehörig fühlen. Wir könne ein Heim an recht verschiedenen Orten und in verschiedenen Situationen finden. Und wir alle haben ein Heim in dieser Glaubensgemeinschaft gefunden, häufig sehr weitab von der Heimat. Und ist dies nicht ein Segen?

Doch dann finden wir nicht nur ein Heim in der Gemeinschaft Christi und der Gläubigen, und in dieser Gemeinschaft der Gläubigen: nein, es ist auch unsere Aufgabe, ein Heim für andere zu schaffen und zu bauen. Einen Ort, an dem Menschen fühlen, daß sie hingehören. Einen Ort, an dem Menschen ganz unterschiedlicher Hintergründe und von allen möglichen Lebenswegen ein Heim finden – den Gott macht da keine Unterschiede, sondern lädt alle ein.

Die Kirche ist mehr als nur ein Gebäude, ein Haus; damit die Kirche zu einem Heim wird, muß in ihr und durch sie wahre Akzeptanz und Vergebung geübt werden, da müssen all jene willkommen geheißen werden, die sich verloren fühlen und die meinen, daß es für sie kein Heim gibt, daß sie irgendwo nicht dazugehören.

Da gibt es so einige unter Ihnen, die während des Krieges oder nach dem Krieg flüchten mußten. Ich habe so einige Geschichten darüber gehört, daß es bei der Flucht nicht nur um den Verlust eines Hauses geht, sondern auch um den Verkust der Heimat, des Ortes, an dem man sich zugehörig fühlt. Und daß es häufig auch sehr schwer ist, in einer neuen Umgebung Fuß zu fassen. Das Vertraute ist nicht mehr. Meine Großmutter war ein Nachkriegsflüchting aus Schlesien; sie erzählte mir so manche Geschichte, wie schwer es ihr in der Stadt gemacht wurde, in der sie letzlich unterkam und die dann meine Heimatstadt werden sollte: Delmenhorst. Die Ansässigen öffneten ihre Heime all denen, die als Flüchtlinge ankamen, nur widerwillig, und auch nur, weil sie es mußten. Und selbst meine Mutter, die dann in Delmenhorst geboren wurde, bekam als Kind noch das Stigma, ein Flüchtlingskind zu sein, zu spüren. Da gab es Ablehnung und Benachteiligung.

Kein Wunder, daß die schlesischen Flüchtlinge sich zusammentaten und eine neue Kommune in der Stadt bildeten. Kein Wunder, daß sie an ihren Traditionen, and ihrem Dialekt und an kulinarischen Spezialitäten festhielten – den all dies erinnerte sie an die Heimat, die sie verloren hatten. Und ich frage mich, ob es da nicht auch eine gewisse Parallelle zu all den Flüchtlingen gibt, die heute aus anderen Teilen der Welt flüchten müssen und nach Europa kommen. Integration isr zweiseitig, und wenn Neuankömmlinge Ablehnung im Gastland erfahren, so sollte man sich nicht wundern, wenn diese Menschen sich eben eher in ihren gewohnten Gruppen bewegen und an ihren traditionen festhalten, anstelle sich anzupassen.

Ich denke, wir wissen alle, wie wichtig es ist, anderen ein Heim zu bieten, sei es in unseren privaten Kreisen, in der Gesellschaft, oder auch der Kirche. Denn ohne ein Heim und ohne das Gefühl, irgendwo hinzugehören, gehen Menschen verloren. Wir alle wissen etwas über physische Obdachlosigkeit, doch emotionale oder spirituelle Obdachlosigkeit ist genauso schlimm.

Wir müssen über das Gebäude hinaussehen und hinausreichen; wir müssen diesen Ort, dieses Gebäude, das uns ein Heim ist, auch mal hinter uns lassen, und ein Haus aus lebendigen Steinen werden, wie Petrus in der zweiten Lesung schrieb, die wir heute gehört haben – ein Haus aus lebendigen Steinen, das Obdach bietet und eine liebevolle Gegenwart für all jene ist, die Gott brauchen, die uns brauchen. Wir sind die Kirche. Wir alle. Wir sind jene lebendigen und atmenden und fühlenden Steine, über die Petrus redet. Ich weiß nicht, wie es Ihnen damit geht, aber ich denke, daß dies ein ein eindrucksvolles Bild ist. Wohin immer wir auch gehen, wann immer wir eine Gemeinschaft aus diesen lebendigen Steinen  bauen, da haust Gott – da ist Gott zu finden.

Im heutigen Evangelium geht es darum, was es heißt, daheim zu sein. Und der Zusammenhang, in dem diese Lesung steht, ist schon heftig. Jesus spricht ein Wort des Trostes und der Gnade zu seinen Jüngern. Diese sind verwirrt und traurig, denn Jesus hat ihnen gerade angekündigt, daß er sterben muß. Die Jünger haben nun Angst, daß sie Jesus, ihren geliebten Meister, verlieren werden, und auch, daß ihre Gemeinschaft, die ihnen ein Heim geboten hat, auseinanderbrechen wird. Und Jesus verspricht ihnen, daß sie nie ohne ein Heim, daß sie nie obdachlos im übertragenen Sinne sein werden. Gott wird ihnen ein Heim bieten – wir übersetzen den Begriff im heutigen Evangelium gerne als ‚Haus‘, ‚in meines Vaters Haus sind viele Wohnungen‘, doch das originale griechische Wort, das wir hier finden, kann entweder das Haus, das Gebäude, sein –  oder auch der Haushalt, oder die Familie. Heute sagen wir ja immer noch manchmal, daß Jesus aus dem Hause Davids war, also aus der Familie; und die britische Königsfamilie ist das Haus Windsor. Es geht also um viel mehr als ein Gebäude, sondern um den Haushalt, die Gemeinschaft. Und in diesem Haushalt gibt es eine bunte Vielfalt – ich mag dieses Bild! Da gibt es Platz für alle. Was Jesus also seinen Jüngern sagt, ist, daß Gott ihr Heim sein wird und wir alle Teil Gottes Haushaltes und Gottes Familie sind, und zwar von nun an bis in Ewigkeit.

Unsere Herzen brauchen sich nicht zu erschrecken, weil wir geliebt Kinder Gottes sind, Teil des Haushaltes und der Familie Gottes , und daß Christus uns alle heimführen wird, zum Vater, zur Mutterglucke, die uns alle unter ihre Flügel nimmt.

Nun denken wir oft, daß wir unser himmlisches Elternhaus irgendwann in der Zukunft erreichen werden. Vielleicht am Tag des Jüngsten Gerichts, vielleicht, wenn wir sterben und diese Erde verlassen. Es kommt nicht von ungefähr, daß wir das heutige Evangelium häufig bei Beerdigungsfeiern hören, als ein Wort des Trostes für all jene, die trauern. Wir kehren zum Vater heim, der uns eine Stätte bereitet. Und natürlich ist dieser Trost wichtig und schön. Gott kümmert sich um uns, und zwar in Ewigkeit. Da wird e simmer einen Platz geben , der für uns bereitet ist.

Doch dann haben wir auch Gottes Haus, Gottes Haushalt, der aus lebendigen Steinen hier und jetzt erbaut ist. Jesus verspricht seinen Jüngern nicht lediglich eine Heimstatt im Himmel, wenn sie dereinst sterben, doch erinnert sie auch daran, daß Gott bereits hier auf Erden einen haushalt für sie vorbereitet hat, eben indem Gott hier und heute Menschen in die Gemeinschaft Christi beruft. Und wir müssen uns auch bewußt sein, daß dies ganz wichtig für die Gemeinde war, an die Johannes das Evangelium schrieb – diese Gemeinde war im Prozess, sich von der jüdischen Synagoge abzuspalten; die Juden schmissen sie quasi raus. Die junge christliche Gemeinde war also nun obdachlos. Doch Johannes gab ihnen Mut durch Jesu Worte: ihr werdet immer eine Heimstatt in Gott haben, und ihr werdet immer Mitglieder der Familie Gottes sein. Ihr habt Gott. Ihr habt das Versprechen. Ihr habt einander. Euer Herz erschrecke nicht!

Nun weiß ich, daß sich die Herzen so mancher hier doch etwas erschrecken, wenn sie an die Zukunft denken. Es kommen halt nicht mehr soviele Menschen in den Gottesdienst hier wie vor ein paar Jahrzehnten, zumindest nicht auf allsonntäglicher Basis. Und wir werden älter.

Und manche mögen sich fragen, was wohl aus diesem Gotteshaus, diesem Haus, dieser Gemeinschaft werden wird. Wird die deutschsprachige Gemeindearbeit noch in 5, 10 oder 15 Jahren von Belang sein? Ich kann da nur sagen: dieses Gotteshaus, diese Gemeinschaft hat im Laufe der 122jährigen Geschichte viele Menschen kommen und gehen sehen, und ich glaube, daß da noch Saft in der Zitrone steckt. Man muß ja nur einmal am Heiligabend oder an Ostern oder zu unseren besonderen Veranstaltungen kommen, um das zu sehen. Und selbst wenn dieses Gotteshaus einmal seine Türen schließen müßte, so wird doch die Kirche an sich weiterbestehen. Gott ist immer noch in dieser Welt am Werke, vielleicht halt nur in etwas anderer Art und Weise und an anderen Orten. Also gibt es keinen Grund, unsere Herzen erschrecken zu lassen.

Aber ich möchte doch Sie, die Familie hier in der Matthäusgemeinde, dazu ermutigen, jenseits dieser Mauern zu schauen und ein spirituelles Heim für all jene zu schaffen und zu bereiten, die sich in dieser Welt verloren fühlen. Für all jene, die meinen, sie gehörten nirgendwo hin. Für alle jene, die das Gefühl haben, daß selbst in der Kirche für sie kein Platz ist. Wir alle brauchen ein Daheim. Und es gibt viele in unserem Umfeld, die sich danach sehnen, ein Heim und eine Familie zu finden. Die, die daran zweifeln mögen, daß Christus wahrhaftig für sie einen Platz, ein Haus, einen Haushalt bereitet hat.

Ich ermutige Sie dazu, auch weiterhin dieses Heim, daß sie gefunden haben und in dem Sie aufgenommen worden sind, mit anderen zu teilen, auch, wenn deren Lebensstil oder ihr Aussehen von dem Ihren abweicht, auch, wenn sie Kinder in den Gottesdienst bringen, die eben auch mal etwas lauter werden.

Wir brauchen nicht zu befürchten, daß es für uns nicht genug Platz gibt, wenn wir andere reinlassen – schließlich hat Gott dieses Haus gebaut und einen riesigen Haushalt geschaffen, mit unzähligen Wohnungen. Gott hat für uns alle ein Heim bereitet. Ein Heim, das uns beschützt, so wie eine feste Burg, wenn wir uns bedroht oder verloren fühlen. Ein Heim, das aus lebendigen, atmenden Steinen erbaut ist, Menschen, die uns zu Christus werden, da wir ihnen zu Christus werden. 

 

 

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