Ich habe eine Frage an Sie: Wer mag Wein? Oder vielleicht doch lieber Traubensaft?
Viele unter Ihnen kommen ja ursprüngich aus Weinanbaugebieten in Deutschland.
Und dann sind wir hier in der San Francisco Bay Area doch auch sehr verwöhnt. Hier werden so manche der besten Weine nicht nur im Lande, sondern in der gesamten Welt angebaut. Napa und Sonoma Valley sind wohl die bekanntesten Weinanbaugebiete hier, aber dann gibt es noch weitere erstklassige Weinregionen: Livermore, das Sacramento Delta und Lodi im Central Valley.
All diese Regionen sind ideal für den Anbau von Weinen höchster Qualitӓt: sie bieten gute Böden, ein Klima mit heissen Sommertagen und kühlen Sommernӓchten, und Zugang zu Wasser – Wein ist eine sehr durstige Pflanze. 99% aller Trauben, die in den USA wachsen, werden hier in Kalifornien angebaut.
Nun hat es seinen Grund, warum Kalifornien nicht nur viele Trauben und vielen Wein produziert, sondern auch Weine hervorragender Qualitӓt. Es gibt da ein Geheimnis. Wissen Sie, was es ist? Wir finden dieses Geheimnis in der heutigen Lesung aus dem Johannesevangelium: es ist, was die Lutherbibel ‘Reinigung’ nennt, die stӓndige Beschneidung des Rebe. Es gibt ca. 325.000 Arbeiter in den Weinfeldern hier in Kalifornien, und einer der Gründe, warum man so viele Arbeiter braucht, ist die Tatsache, dass die Reben stӓndige Pflege brauchen.
Und nun habe ich eine Frage für alle hier, die gӓrtnern: warum beschneidet man Pflanzen? Um wilde und unschöne Triebe loszuwerden, und der Pflanze dabei zu helfen, all ihre Energie und Resourcen in den Teil der Pflanze zu stecken, auf den es ankommt – die Blüte oder deie Frucht.
In einem Weingut ist das nicht anders. Ich habe etwas nachgeforscht und habe darüber viel mehr Respekt für Weinbauern gewonnen: wenn ein neuer Weinstock gepflanzt wird, dann bringt dieser Weinstock erst einmal 3-5 Jahre lang keine gute Frucht. Ja, da kann es wӓhrend dieser Zeit schon mal Trauben geben, doch diese werden abgschnitten – ‚gereinigt‘ und weggeworfen. Warum? Weil der Weinstock erst einmal all seine Energie in das Wachstum der Wurzeln stecken soll, aber nicht in eine Frucht von sowieso minderer Qualitӓt. Ein Weinstock muss erst einmal starke Wurzeln entwickeln, bevor er eine genieβbare Frucht hervorbringen kann.
Wenn dann ein Weinstock gute Frucht hervorbringt, was, meinen Sie, ist dann die wichtigste Pflege, die er bracht? Sie haben es sich wohl schon gedacht: Reinigung, Beschneidung. Wӓhrend des Wachstumszyklus und vor der Ernte wird ein Weinstock bis zu zwanzigmal beschnitten. Zum einen sollen die Blӓtter nicht die Trauben zudecken, denn die brauchen schlieβlich das Sonnenlicht zum Reifen – zum anderen werden aber auch wieder all die Trauben abgeschnitten und weggeworfen, die sich nicht so gut entwickeln wie andere. Denn die nehmen den gesünderen und stӓrkeren Trauben an Ernergie und Resourcen weg, die jene brauchen, um eine saftige, komplexe Frucht zu entwickeln. Also wird Quantitӓt der Qualitӓt geopfert.
Und warum erzӓhle ich Ihnen dies alles? Nun, ich denke, dass all diese Information uns ein besseres Verstӓndnis der heutigen Lesung aus dem Johannesevangelium gibt. Hier nimmt Jesus ebendieses Bild vom Weinstock auf. Ich bin der Weinstock – ihr seid die Reben, so sagt er.
Nun gab es zu Jesu Zeiten und auch bereits davor viele kultivierte Weinberge und –güter in Galilӓa und Judӓa. Der Boden und das Klima sind dort denen hier in Kalifornien sehr ӓhnlich, und Wein war und ist noch heute sehr wichtig als Teil der Kultur im Mittelmeerraum. Die Menschen zu Jesu Zeiten verstanden etwas von Wein, und sie wuβten auch, dass ein Weinstock viel Pflege braucht – so, wie das auch heute noch die Weinbauern hier in Kalifornien wissen.
Lassen Sie uns also nun über Wachstum im Glauben, das Früchttragen und Beschneidung nachdenken. Im heutigen Evangelium betont Jesus, dass wir als Reben mit dem Weinstock verbunden sind. Jesus Christus ist unsere Wurzel und das, was uns hӓlt und erhӓlt. Ich weiss nicht, wie es Ihnen geht, aber ich finde diesen Gedanken sehr tröstlich. Christus hӓlt und erhӓlt mich in seiner Liebe und Gnade. Und weil Christus stark und lebensspendend ist, voll der Gnade und der Liebe, so haben Sie und ich auch das Potential, diese Stӓrke, Lebenskraft, Liebe und Gnade auch weiterzuleiten. All dies kommt von Christus und fliesst durch uns hindurch.
Und es hat seinen Grund, warum ich ‘uns’ sage: es ist nie nur eine Rebe mit dem Weinstock verbunden, nein, da gibt es viele. Es geht nicht nur um meine persönliche Beziehung zu meinem Herrn und Heiland, nicht nur um mein persönliches Heil. Als Glӓubige und als die, die Christus nachfolgen, sind wir in die Gemeinschaft berufen. Zusammen bringen wir Frucht – und helfen einander, Lasten zu tragen.
Und lassen Sie uns einen Moment über die Frucht nachdenken: wir müssen uns eigentlich überhaupt nicht um diese Frucht bemühen. Wenn wir nur Christus und die Liebe Christi in uns Raum geben und in uns sein lassen und die Liebe Christi durch uns fliessen lassen, dann kommt die Frucht ganz automatisch. Schlieβlich kommt es hauptsӓchlich auf den Weinstock an, wie die Rebe ausfӓllt. Ja, die Reben spielen auch eine Rolle, doch würde eine Rebe ohne Weinstock verdorren und wӓre nichts nütze.
Und wie sieht diese Frucht aus, die wir bringen? Das kann ganz unterschiedlich sein: für manche ist das Mitgefühl, für andere das Wirken für Frieden und Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung, wieder für andere Gebet oder Almosen oder Freiwilligenarbeit oder auch das Teilen eines musikalischen Talents. Was all diesen Dingen gemein ist, ist, dass sie aus Liebe erwachsen.
Aber nun lassen Sie uns mit einem etwas unangenehmeren Thema beschӓftigen: Bescheidung. Natürlich könnten wir es uns einfach machen und Jesu Worte dahin interpretieren, dass die Reben, die beschnitten werden, die schlechten Leute sind, und die werden dann im ewigen Höllenfeuer landen. Aber denke ich, dass Jesus es sich und uns nicht so einfach macht.
Ich denke, dass sich Jesus sehr wohl darüber bewuβt ist, dass wir als Menschen leicht von vielen Dingen abgelenkt werden und so manchen wilden Trieb in unserem Leben entwickeln – wir fangen soviele Dinge an und folgen sovielen Wegen, die dann in Nichts führen. Da gibt es soviel Zeugs in unserem Leben – ganz wörtlich – haben Sie mal kürzlich in Ihre Wandschrӓnke oder Garagen geschaut? – doch dann gibt es auch all die Aktivitӓten und Ablenkungen, die uns soviel Zeit und Energie kosten. Vielleicht wӓre es gar keine so schlechte Idee, hier und da etwas zu beschneiden, um mehr Energie und Resourcen in die Frucht fliessen zu lassen, die Gott von uns erwartet – die Frucht der Liebe zu unseren Nӓchsten und zu allem, was Gott erschaffen hat.
Doch denke ich, dass es beim Beschneiden nicht nur um materielle Dinge und Geschӓftigkeit geht. Was hӓlt uns eigentlich davon ab, Früchte der Liebe zu unseren Nӓchsten hervorzubringen – dieser Liebe, über die wir in der heutigen Lesung vom 1. Johannesbrief gehört haben, dieser Liebe, die wir so überreichlich von Christus empfangen haben und die durch uns flieβt, dieser Liebe, die zeigt, dass wir in Christus bleiben und er in uns, dieser Liebe, die wir zur Ehre Gottes und unseren Nӓchsten zugute teilen?
Wir haben hier in der Gemeinde vor kurzem eine Bibelstunde zum Thema ‘Heiliger Geist’ begonnen. Beim vergangenen Mal haben wir diskutiert, wie das Kommen des Heiligen Geistes in den prophetischen Büchern des Alten Testamentes immer auch mit dem Kommen des Friedensreich Gottes verbunden ist. Die Propheten sagen also: der Geist Gottes wird über alle kommen, und dann wird die Welt wieder zum Paradies werden.
Nun ist ja der Heilige Geist am Pfingsttag über die Jünger gekommen, und seitdem ist er auch über alle Getauften ausgegossen worden – also auch über Sie und mich. Doch sind wir immer noch weit vom Paradies enfernt. Das Friedensreich Gottes bleibt immer noch eine Vision. Wieso eigentlich?
Auch das mag etwas damit zu tun haben, dass wir einfach nicht genug in unserem Leben beschneiden – dass es da all die wilden und unschönen Triebe gibt, in die wir soviel Energie und Resourcen stecken und die wir nur mit Widerwillen beschneiden, wenn überhaupt; Dinge wie Stolz, Tratsch, Ärger, Habsucht, Groll, Neid, Schadenfreude und Arroganz. Sind das nicht Dinge, die es wert wӓren, abgehauen und ins Feuer geworfen zu werden?
Aber nein, wir eben gar in Zeiten, in denen Menschen sich gar dessen rühmen, in all diesen Dingen zu schwelgen. Kein Wunder, dass die Welt in ihrem derzeitigen Zustand ist und dass das Friedensreich Gottes ausser Reichweite zu sein scheint. Viel zuviel Energie wird in all jene Dinge investiert, die uns davon abhalten, wahrhaft Früchte der Liebe hervorzubringen.
Also hoffe ich, dass wir dazu offen sind, eine Lektion von Christus zu lernen – und auch davon zu lernen, wie guter Wein hier in Kalifornien und in aller Welt wӓchst. Das Bescheiden, das Reinigen der Rebe, ist unabdinglich für gute Frucht. Tut das Beschneiden weh? Wahrscheinlich. Werden wir uns womöglich bloβgestellt und verletzlich fühlen, wenn Dinge und Gefühle, hinter denen wir oft unser wahres Ich verstecken, weggeschnitten werden? Natürlich.
Doch so paradox wie es auch scheinen mag, je verletzlicher wir sind, und je mehr wir uns auf andere stützen, desto stӓrker werden wir als Reben, die mit Christus, dem Weinstock, verbunden sind. Christus, ohne den wir nichts tun können und er uns mehr gibt, als wir benötigen – auf jeden Fall genug, um Früchte der Liebe hervorzubringen und, genug, um diese Früchte mit anderen zu teilen.
 
Foto von Nacho Dominguez Argenta via unsplash.com
 

This post is also available in: Englisch