Predigt zu Johannes 3, 1-17; Zweiter Sonntag in der Passionszeit – 12. Mӓrz 2017

Vor ein paar Jahren fuhr ich mit einer Gruppe von KonfirmandInnen auf Sommerfreizeit in ein Abenteuercamp in der Sierra Nevada; ‘Rock ‘N Water’ ‚Fels und Wasser‘ ist der Name dieses Camps. Fünf Tage lang hatten wir viel Spaβ mit Aktivitӓten wie Felsklettern, Canyon Wanderungen und Wildwasser Schlauchbootfahrten. All diese Aktivitӓten waren dazu gedacht, uns als ein Team aufzubauen.

Und dies war nicht nur ein Abenteuercamp, sondern ein christliches Abenteuercamp. Und so hatten wir auch Bibelarbeiten und Glaubensgesprӓche um das Lagerfeuer herum, die von jungen und sehr enthusiastischen freiwilligen Helfern geleitet wurden. Die Theologie in dem Camp war eher auf der fundamentalen Seite, und die Mehrzahl der Jugendgruppen, die dieses Camp besuchten, waren auch von eher fundamentalen Kirchen. Wir als Reprӓsentanten der lutherischen Kirche waren da eher Auβenseiter – und ich muβ auch gestehen, daβ mich nicht die Theologie nach Rock ‘N Water zog, sondern die wirklich preisgüstige Gelegenheit, all diese Aktivitӓten in Gottes wunderbarer Natur mitzumachen. Und ich muβ sagen, daβ die KonfirmandInnen sehr gute Fragen zum Frӧmmigkeitsstil im Camp verglichen mit dem doch sehr nüchternen Frӧmmigkeitsstil in der lutherischen Kirche hatten.

An einem der Abende lief ich mit meiner Gruppe vom Lagerfeuer zu den Schlafstӓtten, als uns eine groβe Jugendgruppe mit ihrem jungen und begeisterten Jugenddiakon überholte. Und dieser junge Mann rief seiner Schar frӧhlich zu: “Morgen beim Sonnenaufgang haben wir dann eine Wiedertaufe im Fluβ. Denn ihr müβt durch das Wasser und den Geist von neuem geboren werden, wenn ihr errettet werden wollt!”

Nun sah mich meine kleine Konfirmandenschar nur mit groβen Augen an. Wiedertaufe? Ich sagte nur: “Wir als Lutheraner tun das nicht’” und belieβ es dabei. Es war spӓt, ich war müde, und mir war nicht nach theologischen Diskussionen zumute. Doch dann am nӓchsten Tag hatten wir dann ein sehr gutes Gesprӓch über die Bedeutung von Taufe. Ich erklӓrte, daβ wir die Taufe in unserer Glaubenstradition als ein einmaliges und wertvolles Geschenk verstehen, das uns durch nichts und niemanden genommen werden kann und das so mӓchtig ist, daβ wir es nicht wiederholen müssen – denn nichts kann uns von Gottes Gnade trennen.

Doch muβ ich schon sagen, daβ Jesu Worte an Nikodemus, die wir heute im Evangelium gehӧrt haben – “Es sei denn, daβ jemand geboren werde aus Wasser und Geist, so kann er nicht in das Reich Gottes kommen” – dahin interpretiert werden kӧnnten, daβ wir, egal, wie alt wir sind, einer neuen Geburt gegenüber offen sein sollen; und da Wasser und Geist gennant werden, kӧnnte dies bedeuten, daβ wir erneut getauft werden sollen.

Aber lassen Sie uns ein paar Schritte zurückgehen und uns das heutige Evangelium von Jesus und Nikodemus genauer anschauen. Welch eine faszinierende Geschichte! Sie geschieht im dritten Kapitel des Johannesevangeliums. Nun unterscheidet sich das Johannesevangelium von den anderen – Matthӓus, Markus und Lukas – etwas. Z.B. wird Jesus im Johannesevangelium nach seiner Taufe nicht in die Wüste geführt und vom Teufel versucht, so wie wir es in den anderen Evangelien lesen und auch am letzen Sonntag gehӧrt haben. Nein, Jesus beruft sofort seine ersten Jünger und beginnt seine Mission. Zuerst nimmt er an der Hochzeit in Kana teil, wo er Wasser in Wein verwandelt. Dann geht er gleich nach Jerusalem und reinigt den Tempel – was ein recht zahmer Ausdruck dafür ist, daβ Jesus ausrastet, die Hӓndler und Geldwechsler mit einer Geiβel vertreibt und Tische umstӧβt. Und als Jesus danach von den Tempelautoritӓten gefragt wird, mit welcher Vollmacht er all dies macht – wer denkst du denn, daβ du bist? – antwortet er, etwas kryptisch: „Brecht diesen Tempel ab, und in drei Tagen will ich ihn aufrichten.“

Nun sage ich manchmal, daβ das Evangelium nach Johannes in Code geschrieben ist und voll von Symbolen, die seine Hӧrer- und Leserschaft verstehen. Die ersten Zeichen, die Jesus vollbringt, deuten auf seinen Tod – Wasser zu Wein, d.h. Jesu Blut – und auf seine Auferstehung hin – ‘nach drei Tagen werde ich den Tempel wieder aufrichten’. Aber neues Leben kann nicht ohne radikale Verӓderungen entstehen – dies zeigen Jesu Tempelreinigung und seine Worte über die Zerstӧrung des Tempels. Auferstehung geschieht nicht ohne Tod. Und Jesus macht dies ganz deutlich vom Anbeginn seines Wirkens – oder eben so deutlich, wie es im Johannesevangelium geht.

Nikodemus mag unter denen gewesen sein, die Jesu gewaltsamen Ausbruch im Tempel erlebt haben. Zumindest wird er aber, als einer der Oberen der Juden, davon informiert worden sein. Nikodemus kommt nicht einfach nur so zu Jesus, nein, die Ereignisse im Tempel haben ihn alarmiert. Und wir kӧnnen etwas von dem Zwiespalt, den er in der ganzen Sache verspürt, erahnen. Da besucht Nikodemus Jesus und will mehr über ihn erfahren, jedoch bei Nacht und , im Schutz der Dunkelheit. ‚Meister, wir wissen, du bist ein Lehrer, von Gott gekommen; denn niemand kann die Zeichen tun, die du tust, es sei denn Gott ist mit ihm.‘ Meister, WIR wissen – Nikodemus versteckt sich nicht nur in der Dunkelheit, sondern auch hinter einer mysteriӧsen und unidentifizierten Gruppe. Er offenbart sich nicht direkt, und er ist vorsichtig.

Nikodemus ist schon neugierig. Er will wissen, was es mit diesem Jesus von Nazareth auf sich hat, diesen Zimmermannssohn, der ein eher ungewӧhnlicher Kandidat für einen Mann Gottes ist. Vielleicht spürt Nikodemus, ganz tief drinnen, daβ Jesus der lang erwartete Messias sein kӧnnte. Gleichzeitig scheint er jedoch furchtsam und unsicher darüber zu sein, was das dann bedeutet.

Denn wenn dieser Jesus der Messias ist, ein Messias, der das religiӧse Etablissement attackiert und über Zerstӧrung und Neuaufbau spricht, was bedeutet das dann für ihn, den religiӧsen Führer, das etablierte und angesehene Mitglied der Oberschicht? Nikodemus ist hin-un hergerissen zwischen seinem Begehren, Gott zu dienen, und seinem Begehren, seinen Status und sein Leben, so, wie er es kennt, zu behalten. Und er scheint zu wissen, daβ beides nicht geht. Ja, ich will, daβ der Messias kommt, doch will ich nicht, daβ sich dadurch irgendetwas für mich ӓndert. Und kӧnnen wir das nicht alle nachvollziehen? Wenn es uns gutgeht, warum sollten wir uns nach Verӓnderung sehnen, ganz geschweige nach radikaler Verӓnderung?

Im Licht all dessen macht das Gesprӓch zwischen Jesus und Nikodemus sehr viel Sinn. Bei der Mission Jesu geht es um neues Leben, das nicht ohne Zerstӧrung und Tod entstehen kann. Neues Leben aber geschieht durch die Geburt. Und so redet Jesus über diese Neugeburt, darüber, daβ man aus Wasser und Geist geboren wird. Nun ist dies ein Konzept, das Nikodemus entweder nicht verstehen kann oder verstehen will. Kann denn ein erwachsener Mann wieder in den Mutterleib zurückkehren? Er kann oder will nicht verstehen, daβ Jesus hier über etwas anderes spricht, eine Erneuerung durch den heiligen Geist, und die Hingabe, die Aufgabe des Ichs an Gott und Gottes Willen.

Und es sieht ganz so aus, als kӧnne sich Nikodemus nicht hingeben oder aufgeben, jedenfalls nicht sogleich. Er tappt immer noch im Dunkeln, und er will sich nicht der Zestӧrung und dem Tod preisgeben, so daβ das Neue geboren werden kann.

Geburt ist ja oft etwas sehr Freudiges und Hoffnungsvolles, doch dann wissen wir ja auch, und ganz besonders die Frauen unter uns, daβ Geburt schwierig ist – denn da sind die Wehen, und es tut gewaltig weh, und dann dauert eine Geburt meist sehr viel lӓnger, als wir es uns wünschen. Es sieht ganz so aus, als würde die Neugeburt des Nikodemus eine sehr schwierige und langwierige Geburt. Es scheint nicht so, als würde Nikodemus gleich nach dem nӓchtlichen Gesprӓch mit Jesus zum einem überzeugten Anhӓnger. Nikodemus verschwindet wieder im Dunkeln – bis er dann nach dem Kreuzestod Jesu wieder auftaucht und Josef von Arimathea dabei hilft, den Leichnam zu bestatten. Nikodemus stellt dazu auch etwa 100 Pfund kostbaren Salbӧls zur Einbalsamierung zu Verfügung, das ist schon gewaltig und sehr teuer. 100 Pfund ist sehr viel mehr als lediglich für die Einbalsamierung benӧtigt wird; will Nikodemus durch diese Tat ausdrücken, daβ er Jesus als den Messias, den Christus, den Gesalbten anerkennt, indem er ihn salbt?

Aber lassen Sie uns nicht weiter über Nikodemus spekulieren und auf uns und heute zurückkommen. Wir sind nun in der Passionszeit, und die Passionszeit ist eine Zeit, die uns auf Ostern und neues Leben vorbereitet, eine Zeit der Buβe und der Umkehr. Die Passionszeit ist eine Zeit, in der wir über Tod und Neugeburt reflektieren. Sie ist eine Zeit, darüber nachzudenken, was wir eigentlich wertschӓtzen und ob unsere Prioritӓten im Leben denn auch die richtigen sind.

Es ist kein Zufall, daβ in der christlichen Frühgeschichte die Passionszeit die Zeit der Vorbereitung auf die Taufe war – und die Taufe geschah zunӓchst nur an Ostern. Taufkandidaten gingen so symbolisch 40 Tage durch die Wüste, sie fasteten, beteten und hatten lange Gesprӓche über Gott und Glauben mit ihren Paten oder Patinnen. Taufkandidaten erfuhren so die Zerstӧrung und das Absterben der alten Existenz, damit sie am Ostermorgen wiedergeboren werden konnten durch Wasser und den Geist. Und diese neugeborenen Christen erhielten dann auch einen neuen Namen in der Taufe, um eben diese neue Geburt, die neue Existenz zu bestӓtigen.

Wie ich schon zu Beginn sagte, glauben wir in unserer Glaubenstradition, daβ Taufe ein einmaliges Geschenk ist, das uns nicht genommen werden kann. Und nun wurden die meisten von uns ja auch als Sӓuglinge getauft. Wir wurden bereits neu in Christus geboren, nachdem der ‚alte Adam‘ in uns ersӓuft wurde, wie Martin Luther es so schӧn drastisch ausdrückt. Wir bereiten uns wӓhrend dieser Zeit nicht auf eine Wiedertaufe vor.

Doch heiβt unsere Neugeburt durch die Taufe nicht, daβ wir erstarren sollen. Der heilige Geist wird als Wind oder Feuer beschrieben, also als eine Kraft, die sich bewegt und auch uns bewegt. Durch Gott, den heiligen Geist, werden wir stets dazu angetrieben, uns zu überprüfen, ob wir denn noch auf dem rechten Wege sind. Deshalb bekennen wir jeden Sonntag nach einer Zeit der Reflektion unsere Sünden und bitten Gott um Vergebung. Denn wir alle wissen, daβ wir gesündigt haben in Gedanken, Worten und Werken.

Und so wird jeder neue Morgen zu einer Neugeburt, wie Martin Luther sagen kann. Jeden neuen Tag bekommen wir eine neue Chance zu einem Neubeginn. Deshalb ermutigt uns Luther, der ein Gegner der Wiedertaufe war, dazu, uns an jedem neuen Morgen an unsere Taufe mit den Worten ‚Ich bin getauft, ich bin getauft‘ zu erinnern – und uns auch daran zu erinnern, daβ das Alte zerstӧrt ist, so daβ neues Leben stattfinden kann. Doch dann sollen wir uns auch an die Taufgnade erinnern, eine Gnade, die uns umfӓngt und trӧstet. Eine Gnade, die uns ermutigt, und zwar dazu, Gottes Willen zu folgen, auch, wenn das bedeutet, daβ wir uns und unseren eigenen Willen ein Stück weit aufgeben; eine Gnade, die uns dazu ermutigt, uns von Gottes Geist treiben und bewegen zu lassen und unsere Wege zu ӓndern und Gott und unsere Nӓchsten jeden Tag etwas mehr zu lieben; eine Gnade, die uns dazu ermutigt, es zuzulassen, daβ wir erneut geboren werden und das neue Leben ergreifen, das Gott uns und aller Kreatur verspricht.

In dieser Gnade ruhen wir und diese Gnade treibt uns zu einem immer neuen Leben in Christus.