Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit – der Evangelist Johannes verwendet diese Symbole immer wieder, wir wir auch die letzten zwei Sonntage gesehen haben. Es ist im Licht, daß wir sehen, es ist im Licht, daß wir Gott erkennen. Und dann ist Jesus Christus selbst das Licht – ich bin das Licht der Welt – und so erkennen wir Gott durch Christus. Es scheint, als sei also alles klar, und wir könnten zum nächsten Thema übergehen.

Aber gerade dann, wenn wir denken, daß wir Johannes verstehen, da schmeißt er uns einen Stolperstein in den Weg. Denn laut Johannes gibr es die, die nicht sehen, obwohl sie vom hellsten Licht umgeben sind. Da gibt es die, die blind sind, und zwar nicht nur im physischen Sinne. Also ist es nicht ganz so einfach mit Licht und Dunkelheit, nun entdecken wir, daß es eine Schattenwelt gibt, eine Welt, in der nicht einfach alles schwarz und weiß ist. Nichts ist je so simpel, wie es den Anschein haben mag. Dies erkennen wir, besonders, nachem wir dem heutigen langen Evangalium gelauscht haben. Nur, weil wir vom Licht umgeben sind, heißt das noch lange nicht, daß wir immer alles sehen und erkennen. So wie die jüdischen Oberen und Pharisäer, haben auch wir unsere blinden Flecken oder einen toten Winkel.

Nun habe ich über blinde Flecken und tote Winkel etwas Ahnung. Als ich in meinen 20ern war, wachte ich eines Morgens mit Doppelvision auf. Zunächst dachte ich lediglich, daß es nervig ist, und glaubte in meinem jugendlichen Leichtsinn, daß dies so schnell wieder verschwinden würde, wie es gekommen war. Von wegen!  Nun war ich schlau genug, zum Arzt zu gehen, und von dort aus ging es zu drei verschiedenen Spezialisten, die mir dann letztlich sagten, daß ich eine Gehirnblutung erlitten hatte, einen Mini-Schlaganfall. Dadurch war der linke Augenmuskel gelähmt. Selbst mit starken Dosen Cortisons dauerte es gute drei Monate, bis die schlimmsten Symptome verschwanden. Und ein Wort zu den Symptomen: ja, da war die Doppelvision, aber da der Augenmuskel gelähmt war, konnte ich nicht nach links schauen. Totaler toter Winkel zur linken Seite. Zudem war auch mein Gleichgewichtssinn beeinträchtigt. Mein Haupttransportmittel in jenen Tagen war das Fahhrad, aber das konnte ich vergessen, ich konnte die Balance nicht halten. Und Treppen auf- oder hinabzusteigen war schlimm, da mir die Tiefensicht fehlte. Zudem sah ich auch merkwürdig aus mit diesem schielenden Auge, und seelisch belastete mich das ganze auch. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie erleichtert und euphorisch ich mich fühlte, als ich endlich wieder Fahrrad fahren konnte

Übrigens wurde nie herausgefunden, was denn eigentlich die Ursache der Gehirnblutung war. Und auch heute noch ist mein Blickfeld zur Linken eingeschränkt.

Und so machte ich diese Phase durch, in der ich zwar sah – aber dann doch nicht richtig, eine Phase, in der ich im wahrsten Sinne des Wortes meinen Augen nciht trauen konnte, da meine Vision verzerrt war. Mein toter Winkel lehrte mich, anders zu sehen, und ich suchte mir meine Blickwinkel sehr sorgfältig aus. Wenn ich so den für mich rechten Blickwinkel fand, in dem ich einigermaßen sehen und erkennen konnte, dann war’s eigentlich für mich ganz komfortabel. Aber alles außerhalb dieses Blickwinkels verunsicherte mich zutiefst.

Im heutigen Evangelium ist das Huaptaugenmerk auf dem blindgeborenen Mann, der von Jesus geheilt wird. Diese Geschichte ist etwas ungewöhnlich in dem Sinne, daß der Mann nicht darum bittet, geheilt zu werden. Da gibt es keinen Ausruf, Herr, erbarme dich! Nein, der Mann geht nur seinem Tageswerk nach – er bettelt, den etwas anderes kann er nicht tun. Doch Jesus sucht sich diesen Mann aus, um Gottes rettende Macht zu demonstrieren. Der Mann ist auserwählt! Er ist ein glücklicher Empfänger der Gnade Gottes. Und da gibt es dann so einige Parallellen zum Evangelium des letzten Sonntages, als Jesu die Smariterin am Brunnen als Empfängerin der göttlichen Gnade erwählt.

Der Mann kann Jesus nicht sehen, aber Jesus sieht den Mann. Und es ist schon spannend, was passiert, als der Mann geheilt ist und er wieder sehen kann. Er kapiert nicht sofort, was da eigentlich passiert ist. Er kann Jesus noch nicht einmal danken, denn der ist schon längst weiter, während sich der Mann im Teich Siloam wäscht und Heilung erfährt. Ja, physisch ist er geheilt, er kann aus den Augen schauen; aber dann scheint es doch eher so, daß sein Sehen im Sinne von Verstehen erst langsam, Stück für Stück, besser wird. Wir sehen das, wenn wir uns anschauen, wie dieser arme Mann immer und immer wieder über die Heilung ausgefragt wird, erst von Nachbarn, dann von den jüdischen Autoritäten. Ach, ein Mann, der Jesus heißt, hat Lehm auf meine Augen getan, und dann hat er mir gesagt, ich solle mich waschen, und dann war ich geheilt. Später erkennt er dann schon mehr: der, der mich geheilt hat, ist ein Prophet. Noch später dann erkennt er sehr viel besser: Jesus ist es wert, daß man ihm nachfolgt – wollt ihr auch seine Jünger werden?  Dieser Mann ist ein Gottesmann. Und je mehr der vormals blinde Mann erkennt, was da eigentliche passiert ist, desto komfortabler wird er; er hat keine Furcht vor den Dingen, die über sein Verständnis hinausgehen.

Dann wird der Geheilte von den verärgerten Autoritäten hinausgeworfen; und wieder ist es Jesus, der den Mann dann aufsucht. Die beiden, Heiler und Geheilter, treffen sich wieder, und in dieser Begegnung erkennt der Geheilte dann wahrhaft, wer Jesus ist, und er glaubt: Jesus ist der Menschensohn. Und somit werden dem vormals Blinden völlig die Augen geöffnet. Doch selbst nach dieser Offenbarung denke ich, daß der Mann noch seine blinde Flecken, seine toten Winkel hat – den wer könnte Gott je vollends verstehen?

Nur, weil Jesus uns begegnet, nur, weil wir ihm nachfolgen, heißt das noch lange nicht, daß uns automatisch perfektes Sehen gegeben ist und wir eine klare Vision für alle Aspekte unseres Lebens – und das Leben anderer – haben. Die Geschcihte vom geheilten Blinden ist ein Beispiel dafür, daß wir stets im Glauben wachsen, und daß wir unsere Erkenntnis im Wachsen begriffen ist. Wir alle haben unsere toten Winkel, egal, wie gläubig wir sind. Wir sehen und erkennen doch nicht ganz. Und das ist in Ordnung, solange wir nicht vorgeben, daß wir alles wüßten oder daß wir Gott absolute verstehen würden. Das ist in Ordnung, solange wir es Gott erlauben, etwas vom göttlichen Geheimnis, dem Mysterium, zu bewahren – solange wir unser Unbehagen, über den begrenzten Sichtwinkel, den wir haben, hinauszuschauen und zu entdecken, was jenseits unserer Erfahrung liegt. Das ist in Ordnung, solange wir danach trachten, mal einen anderen Blickwinkel auszuprobieren, obwohl wir uns eigentlich ganz wohl dabei fühlen, unsere gewohnten Blickwinkel beizubehalten.

Sind Sie jemals gläubigen Menschen begegnet,  die so davon überzeugt sind, daß sie Gott und Gottes Willen kennen, daß sie recht unflexible und starr in ihren Ansichten sind? Wir sehen diese Art des starren Glaubens ja derzeit in religiösem Extrmismus in aller Welt. Wie ist es, sich mit solch einem Menschen mit starren Glaubensvorstellungen umzugehen? Fühlen Sie sich in der Gegenwart eines solchen Menschen von der Gnade und Liebe Gottes umfangen? Ich jedenfalls nicht. Nein, ich fühle, daß ich geurteilt und verurteilt werde, und das schmerzt. Wenn jemand unflexibel in seiner oder ihrer Glaubensanschauung ist, dann erinnert mich das doch sehr an die Lähmung meines Augenmuskels – in jedem Fall führt dies zu einem beschränkten Blickfeld.

Und somit kommen wir zu den anderen Menschen, die im Drama des heutigen Evangeliums mitspielen, jenen, die vom Licht umgeben sind und doch nicht sehen – die jüdischen Oberen, die Pharisäer. Was diese blind für die Gegenwart Gottes in Jesus macht ist paradoxerweise ihr Fokus auf das Gesetz Gottes, und all jene Regeln, die daraus hervorgegangen sind. Blindheit im physischen Sinne z.B. wurde als Strafe Gottes angesehen, entweder für etwas, das der Blinde selbst getan hatte, oder als Strafe für ein Vergehen der Vorfahren. Nun haben wir keine biblischen Beweise dafür, daß Gott wirklich so denkt oder handelt, doch so wurden Blindheit und auch andere Krankheiten interpretiert. Warum also würde Gott diese vermeintliche Strafe aufheben? Derjenige, der den Blinden heilte, muß so selbst sündig sein und gegen Gottes Willen handeln.

Und hier sehen wir, was passieren kann, wenn wir Gott den Gedanken und den Willen im Hirn und im Herzen umdrehen, damit sie besser in unser Weltbild passen – wir werden blind der vergebenden und erlösenden Gegenwart Gottes in der Welt gegenüber.

Ja, uns allen ist Sehen, Erkenntnis von Gott geschenkt worden, so wie sie auch dem Blinden geschenkt wurde, und unser Horizont des Verstehens wird jeden Tag erweitert, da wir Gottesdienst feiern und Gottes Wort studieren und gläubig leben.

Doch ist das heutige Evangelium auch eine Warnung: denkt nicht, daß Ihr schon alles gesehen hättet und alles verstehen würdet. Denkt nicht, ihr würdet Gottes Willen absolut erkennen und verstehen. Seid liebevoll und verständnisvoll in Eurem Umgang mit anderen und mit Gottes Schöpfung; und seid dafür offen, immer mehr zu lernen, zu erfahren und zu verstehen; auch, indem ihr von anderen lernt.

Wir haben alle unsere toten Winkel, Möge Gott uns dabei helfen, im Verstehen zu wachsen – und mögen wir einander helfen, klarer zu sehen.