Predigt zu Lukas 2,22-39; 1. Sonntag nach Weihnachten – 28. Dezember 2014

simeon

 

Ich weiß nicht, wie es Ihnen geht, aber ich bin jedes Jahr enttäuscht, daß Weihnachten hier in diesem Land immer so schnell vorbei ist. Radiostationen beenden das nonstop Senden von Weihnachtsliedern, und Dekorationen verschwinden.  Lichterketten and den Häusern werden abgenommen. Jesus ist geboren, wir sangen mit den Engeln, wir beteten mit den Hirten an, und vielleicht bewegten wir das wundersame Ereignis von Jesu Geburt mit Maria in unseren Herzen. Die Geschichte ist vorbei.  The end.

Nun, noch nicht ganz.  Wie jede frischgebackene Mutter weiß, ist die Geburt eines Kindes erst der Anfang.  Und das ist nicht anders mit Jesu Geburt. Nachdem die Engel und die Hirten gegangen sind, nachdem die ganze Euphorie ein Ende gefunden hat, müssen Maria und Joseph sich um dieses wundersame Kind kümmern und es großziehen. Dieses Kind, das nun wahrhaft Mensch ist.  Vor Jahren, als ich die Stadt Aachen besuchte, wurden gerade die Reliquien der Stadt im Dom den Gläubigen gezeigt, und eines dieser heiligen Gegenstände war eine der Stoffwindeln, die Jesus angeblich benutzt hat.  Und dies ist etwas, was uns an die Menschwerdung und das Menschsein Jesu erinnert.

Und ich stelle mir vor, daß Maria und Josef all die Dinge durchmachen und erleben, die viele frischgebackene Eltern halt so durchmachen: Baby Blues und schlaflose Nächte. Stolz – und Unsicherheit: wie gehen wir den nun mit diesem zarten und zerbrechlichen Neugeborenen um? Machen wir alles richtig? Freude – und Frustration: Warum weint er denn jetzt schon wieder?  Dazu kommt noch erschwerend hinzu, daß Maria und Josef fernab von der Heimat sind, und keinerlei Unterstützung von einer der Frauen, in der Familie, die Erfahrung mit Kleinkindern haben,  in Anspruch nehmen könnten.

Die Weihnachtsgeschichte geht weiter – doch nun bewegen wir uns von der himmlischen Sphäre auf die irdische, wir ebwegen uns vom Phantastischen zum Gewöhnlichen, vom Wunder zum wahren Leben. Gott ist angekommen. Gott ist Mensch geworden. Gott nimmt volkommen an unserer menschlichen Erfahrung teil. Dies macht die Geschichte, die weitergeht,  nicht weniger spannend.  Ganz im Gegenteil, die Geschichte bleibt spannend, weil sie so echt und wahrhaftig ist.

In der heutigen Geschichte des Evangeliums ist Jesus bereits 33 Tage alt. Dem Gesetz des Mose zufolge muß eine frischgebackene Mutter wieder für das Leben in der Gesellschaft zugelassen werden; dies geschieht durch die rituelle Reinigung durch einen der Priester am Tempel von Jerusalem. Wenn eine Frau einen Sohn gebärt, findet diese rituelle Reinigung am 33. Tag nach der Geburt statt. Und nur nebenbei, wenn eine Frau ein Mädchen gebärt, ist sie länger unrein und kann erst am 66. Tag rituell gereinigt werden. Mädchen wurden damals halt nicht so geschätzt wie Jungen.

Aber dies ist nicht der Punkt dieser Geschichte.  Der Punkt ist, daß die heilige Familie, die ohne himmlische Heerscharen aussieht wie jede andere junge Familie, nun in den Tempel kommt, in den heiligsten Ort für das jüdische Volk, an den Ort, an dem Gott wohnt. Sie kommen, um die rituelle Reinigung abzuhaken, um dann wieder nach Nazareth zurückzukehren und ihr normales Leben fortzusetzen. Doch werden sie, und werden wir, an diesem heiligen Ort daran erinnert, daß die wundersame Geschichte dieses Kindes, daß die wundersame Geschichte Gottes noch nicht vorbei ist.

Denn im Tempel warten zwei Menschen auf das Erscheinen des Messias. Um noch genauer zu sein, diese zwei haben schon eine ganze Weile gewartet.  Zäh haben sie an ihrer Hoffnung festgehalten, sie haben die Hoffnung nie aufgegeben. Und,  der Tradition ihres Volkes gemäß, erwarten sie, daß dieser Messias dort erscheinen wird, wo Gott zu finden ist – im Tempel. Diese zwei sind ein fester Bestandteil der Weihnachtsgeschichte, obwohl sie recht unbekannt bleiben. Und ich würde diese zwei gerne die anderen Weisen nennen, Weise, die nicht aus der Ferne kommen, sondern Weise mitten aus dem Volke Gottes.  Diese anderen Weisen bringen zwar keine wertvollen materiellen Geschenke, aber sie geben der Mutter und dem Kinde etwas, was unbezahlbar und überaus kostbar ist.

Zunächst ist da Simeon.  Simeon hat sein ganzes langes Leben auf das Kommen des Retters Israels gehofft und gewartet. Dabei hat er aber seine Hände nicht in den Schoß gelegt und tatenlos gewartet, nein, sein Warten war aktiv; nein, wir hören in der Bibel, daß dieser Mann fromm und gottesfürchtig war, was auf ein aktives Leben im Glauben hinweist. Und dann scheint Simeon auch ein ganz besonderes Talent zu haben: das Talent, zu hören, zuzuhören, und Gottes Zeichen zu deuten. Vielleicht nicht ganz zufällig bedeutet der Name ‘Simeon’ im Hebräischen auch ‚der, der hört‘. Dieser Simeon also hat sein ganzes Leben lang auf Gott gehört, und kann nun auch eindeutig den lang erwarteten Messias erkennen, als er in den Tempel getragen wird. Und dies führt dann zu einer Szene, die ich mir als eine der bewegensten und der anrührensten im gesamten Evangelium vorstelle: hier haben wir diesen alten, weisen Mann, voller Freude, lächelnd, lachend, weinend vor Freude, der den Säugling vorsichtig  in seine Arme nimmt und Gott lobt: „Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren, wie du gesagt hast; denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen.“

Nun möchte man eigentlich meinen, daß Maria und Josef nichts mehr überaschen sollte. Schließlich waren da sogar Engel und himmlische Heerscharen bei der Geburt Jesu dabei – und doch wundern sich die frischgebackenen Eltern dieses wundersamen Kindes über das, was ihnen nun von diesem Kinde gesagt wird. Sie werden daran erinnert: dieses Kind ist ein besondereds Kind,  obwohl es zu diesem Zeitpunkt nicht mehr so besonders zu sein scheint. Obwohl sich seit der wunderbaren Geburt unter wunderbaren Verhältnissen alles normalisiert hat. Obwohl sie es nun mit den tagtäglichen Aufgaben zu tun haben, die so ein Säugling mit sich bringt. Und Simeon schenkt dieser Familie etwas, das unschätzbar und kostbar ist: einen Segen. Das Alte heißt das Neue willkommen. Das Alte nimmt das Neue an.

Und als ob das noch nicht genug wäre, um Maria und Josef zu verwundern und zu erstaunen, kommt nun noch eine weitere Weise – Hanna, eine Propheten, wie wir lesen. Eine Frau, die zum Großteil ihres Lebens im Tempel gelebt hat, Gott nahe war, und Gott gedient hat. Eine weitere fromme Person, die lange auf die Errettung ihres Volkes gehofft und gewartet hat.  Und, da wir schon über die Bedeutung des Names ‘Simeon’ gesprochen haben, lassen Sie mich nur eben erklären, was der Name ‚Hanna‘ bedeutet: im Hebräischen bedeutet es ‚gnädig‘. Also haben wir hier zwei Menschen, den, der gut zuhört, und die, die gnädig ist, und beide freuen sich und loben Gott und schicken die heilige Familie auf ihren weiteren Weg mit einem Segen. Das Alte heißt das Neue willkommen. Das Alte nimmt das Neue an. Ein neuer Tag, eine neue Ära bricht an.  Eine neues Kapitel beginnt.  Die Geschichte geht weiter.

Und als sie alles vollendet hatten nach dem Gesetz des Herrn, kehrten sie wieder zurück nach Galiläa in ihre Stadt Nazareth. Sie ziehen mit einem Segen, nicht, um glücklich bis ans Ende ihrer Tage zu leben, sondern um zu leben – und dem Willen Gottes entsprechend zu leben. Weihnachten wird ruhiger, und weiniger aufregend, und auch ernster. Weihnachten wird ein Teil der Menschheit.  Es wird ein Teil von alltäglichen Lebensgeschichten.

Und das bringt uns zur heutigen Zeit.  Weihnachten mag zwar für viele schon vorbei sein, da Christus nun geboren wurde. Das englische Wort ‚Christmas‘ weist da noch besser darauf hin – es geht schließlich um Christ, um Christus.  Doch ‚Christ‘ ist nur der erst Teil des Wortes ‚Christmas‘, wörtlich ‚the mass for Christ‘, Christmesse oder Christmette, wie wir auch im Deutschen sagen. Und das Wort ‚mass‘, oder ‚Messe‘, oder ‚Mette‘, kommt vom Lateinischen ‚missa‘, und bedeutet ‚Verabschiedung‘, oder ‚Sendung‘.  Und die frühchristliche Gemeinde verstand ihren Gottesdienst , ihre Messe, auch als solches: eine heilige Vorbereitung für die Sendung in die Welt, in das Profane, in das alltägliche, wirkliche Leben. ‚Herr, nun läßt du deinen Diener in Frieden fahren‘ – in der römisch-katholischen Tradition sind diese Worte auch als ‚nunc dimittis‘ bekannt, und ja, die Idee vom Gottesdienst als Messe, als Sendung, kommt von diesen Worten des Simeon, die wir heute im Evangelium gehört haben.

Nun haben Sie wahrscheinlich den folgenden Slogan hier in den USA schon einmal gehört, ‘Keep Christ in Christmas’,wie das auch immer interpretiert wird.  Aber heute möchte ich Sie dazu einladen, ‚to keep the ‘mass’ in Christmas‘, die Messe in der Christmesse nicht zu vernachlässigen. Ich möchte Sie daran   erinnern, daß wir gesandt sind, daß wir eine Mission haben, in eine profane und wirkliche Welt, und Christus  und Freude und eine zähe Hoffnung, die wir in unseren Herzen tragen,  überall dorthin zu bringen, wo wir hingehen. Daß wir gesandt sind, wie Simeon ganz Ohr zu sein, und voller Gnade, wie Anna, und dabei weise. Daß wir gesandt sind, zu leben, nicht glücklich bis an unser Lebensende, sondern dem Willen Gottes gemäß. Daß wir ghesandt sind, Licht zu werden, da wir nun die ganzen Lichterkettem wieder für ein Jahr wegpacken. Weihnachten, die Christmesse, geht weiter. Und die Geschichte geht mit uns weiter. Und wir gehen hin mit dem Segen Gottes, dazu ausgerüstet, das Neue willkommen zu heißen, und jedes neue Kapitel willig und neugierig zu öffnen, das Gott für uns schreibt. Amen

 

 

 

 

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