Predigt zu Lukas 3, 7-18; Dritter Advent – 13. Dezember 2015

Engel

 

Es gibt viele Symbole, die uns auf die Advents- und Weihnachtszeit einstimmen. Über einige haben wir am vergangenen Sonntag etwas gehӧrt, wie den Weihnachtsbaum, den Stern, und die Krippe. Und dann haben wir von den Engeln gehӧrt. Nun sind Engel wohl unter den beliebtesten Symbolen dieser Jahreszeit. Wir finden sie auf Weihnachtskarten, als Dekorationen, und als Baumschmuck, und zumeist sind sie niedlich oder anmutig. Und viele der Lesungen, die wir in der Advents- und Weihnachtszeit in den Gottesdiensten hӧren, haben mit Engeln zu tun. Da kommt z.B. der Engel Gabriel zu Maria, um ihr die Geburt Jesu anzukündigen. Und seine ersten Worte an sie sind: Fürchte dich nicht! Ein Engel erscheint dem Josef im Traum und ermahnt ihn, Maria nicht zu verlassen, obwohl das Kind, das sie trӓgt, nicht von ihm ist. Fürchte dich nicht! Dann sind da natürlich die himmlischen Heerscharen in den Feldern, die den Hirten die Geburt Jesu verkündigen. Fürchtet euch nicht; denn siehe, euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr. Ehre sei Gott in der Hӧhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!

 

Wir erfahren so Gottes Engel als himmlische Wesen, welche auf Erden kommen, um uns zu trӧsten, uns zu ermutigen, daβ es nichts zu fürchten gibt, solange Gott bei uns ist, und uns eine frohe Botschaft zu überbringen. Und wenn wir an diese Engel denken, und diese frohen und ermutigenden Botschaften hӧren, dann wollen wir mit dem Apostel Paulus jubeln, so wie wir es in der heutigen Lesung aus dem Philipperbrief gehӧrt haben: Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: freuet euch! Der Herr ist nahe!

 

Nun habe ich aber einen wichtigen Engel der Adventszeit ausgelassen. Und dieser Engel ist nicht so wie all die Engel, die wir wӓhrend dieser Jahreszeit normalerweise finden. Dieser Engel ist nicht niedlich oder anmutig. Dieser Engel trӓgt kein wallendes weiβes Gewand, hat keine Flügel, noch nicht einmal einen Heiligenschein; nein, dieser Engel kommt in einem Kleid aus Kamelhaar daher, mit einem ledernen Gürtel um die Lenden, sieht eher ungepflegt aus, und hat einen Lebensstil, den wir heute wohl ӧkologisch nennen würden. Ich rede vom Engel Johannes.

 

Haben Sie je von diesem Engel gehӧrt? Ich nehme Sie nicht auf den Arm! Denn Engel in der Bibel, und zwar im Alten und Neuen Testament, sind etwas anders definiert als in unserer heutigen Gesellschaft. In der Bibel sind diejenigen Engel, die eine Botschaft von Gott überbringen. Das deutsche Wort ‘Engel’ kommt vom griechischen Wort ‘angelos’, und ganz wӧrtlich übersetzt heiβt dies ‘Botschafter’. Wir sehen die Wurzeln dieses Wortes auch noch im Wort ‘Evangelium’, auf griechisch ‘euangelion’, und dies bedeutet ‘frohe Botschaft’. Und so steht im Evangelium über Johannes geschrieben: Siehe, ich sende meinen Angelos, meinen Boten, vor dir her, der deinen Weg bereiten soll.

 

Es hӓngt wirklich nur von der Interpretation derer ab, die die Bibel übersetzt haben, ob ein Angelos als ein Engel, ein himmisches Wesen, oder als menschlicher Botschafter des Wortes Gottes angesehen wird.

 

Und übrigens hat das hebrӓische Wort, das im Alten Testament benutzt wird, die gleiche Zweideutigkeit: hier haben wir das Wort ‘Malach’, wie wir es auch im Namen des Propheten Maleachi finden. Ja, manchmal sind Malachs himmlische Wesen. Doch sind im Alten Testament ‘Malachs’ hauptsӓchlich menschliche Botschafter Gottes. Und die haben keine Flügel. Keinen Heiligenschein. Und diese Engel sind nun einmal nicht niedlich.

 

Und so hӧren wir auch von diesem Engel Johannes eine etwas andere Botschaft, als wir sie es von den himmlischen Boten gewohnt sind. Anstatt einer frohen und ermutigenden Botschaft hӧren wir von Johannes: Ihr Schlangenbrut, wer hat denn euch gewiβ gemacht, daβ ihr dem künftigen Zorn entrinnen werdet? Bringt rechtschaffene Früchte der Buβe! Und denken Sie daran, Johannes sprach diese Worte zu Menschen, die an den Jordan kamen, um sich taufen zu lassen und ihr Leben zu ӓndern. Welch eine Begrüβung! Kӧnnen Sie sich vorstellen, was passieren würde, wenn ich jeden so ansprechen würde, der oder die heute kommt, um sich taufen zu lassen? Ich glaube, das kӓme nicht so gut an.

 

Und so mӧgen wir etwas verwirrt sein von all den Engelsbotschaften, die wir wӓhrend dieser Jahreszeit hӧren. Ja, was denn nun – ist es ‘Fürchtet euch nicht’ und ‘freut euch, freut euch allezeit im Herrn, denn der Herr ist nahe’? Oder: Tut Buβe!

 

Und die Antwort lautet: Ja.

 

Als Menschen haben wir die Tendenz, eher in polarisierten Kategorien zu denken. Ja oder nein, drinnen oder drauβen, wahr oder falsch, lustig oder ernst, Freude oder Buβe. Aber, wie Sie wohl alle bezeugen kӧnnen, ist das Leben eben hӓufig nicht so eindeutig, doch recht zwiespӓltig, und manchmal ganz schӧn schmuddelig. Ja, wir haben allen Grund, uns zu freuen – denn Gott wurde einer von uns, um mit uns zu wandeln, um bei uns zu sein, und die Last von Schuld, Leiden und Sünde auf sich zu nehmen. Gott vergibt uns, und so werden wir von Gott als gerecht und heil angesehen. Als erstes kommt die Gnade, Gottes Gnade. Hallelujah, darüber freuet euch allezeit!

 

Aber die ganze Geschichte hӧrt ja nicht mit dem Geschenk von Gnade und Vergebung unserer Sünde auf. Denn dann müssen wir dieses Geschenk der Gnade auch auspacken und es auch benutzen. Wir leben in Gottes Gnade, doch dann sind wir auch dazu berufen, aus Gottes Gnade zu leben. Und dies bedeuted, ein gnӓdiges Leben zu führen, oder uns zumindest zu bemühen, solch ein Leben zu führen.

 

Viele mӧgen den nicht so angenehmen Worten des Johannes zuhӧren und hauptsӓchlich die Ermahnungen und Ansprüche Gottes wahrnehmen: tut Buβe, bringt rechtschaffene Früchte der Buβe, tut dies, laβt jenes. Und vielleicht lassen wir diese Worte über uns hinwegrauschen; oder wir mӧgen einfach dasitzen, müde lӓcheln und hӧflich mit dem Kopf nicken, ach ja, Johannes der Tӓufer, irgendwie gehӧrt er ja auch mit zur Adventszeit dazu, obwohl er mir die gute Vorweihnachtsstimmung verdirbt mit all seinen Ermahnungen. Das will ich eigentlich nicht hӧren, und ich schere mich eigentlich auch nicht darum.

 

Doch wenn wir solch eine Einstellung haben, dann verpassen wir vielleicht die gandenreiche Botschaft, die in den Worten des Engels Johannes versteckt ist. Was Johannes ausdrückt ist die Sorge und der Kummer Gottes. Gott kümmert es, daβ wir eben nicht Frieden und Wohlgefallen unter den Menschen haben. Gott kümmert es – und deshalb will Gott, daβ wir Buβe tun, unser Leben überdenken, und umkehren von zerstӧrerischen oder unsinnigen Wegen. Gott weiβ, daβ Frieden und Wohlgefallen nur dann mӧglich sind, wenn wir als Menschen uns umeinander kümmern und gnӓdig miteinander sind.

 

Und diese Engelsbotschaft, die uns dazu aufruft, unser Leben zu ӓndern und uns um unsere Mitmenschen wahrlich und gnӓdig zu kümmern, steht im Mittelpunkt dessen, was eher wie eine profane ‘to-do list’ bei Johannes klingt: wenn du zwei Mӓntel hast, gib einen ab. Teile dein Essen. Ihr Steuereintreiber, nehmt keine Schmiergelder an, sondern nur, was euch zusteht. Ihr, Soldaten, erpresst niemanden und verlangt keine ‘Schutzgebühren’. In der Botschaft des Johannes geht es im Endeffekt um Fürsorge für den Nӓchsten und Wohlgefallen unter allen Menschen. Ach, wenn doch alle auf diese Engelsbotschaft hӧrten und ihr Verhalten so verӓnderten, daβ sie sich wahrhaftig um das Wohl ihres Nӓchsten sorgten und kümmerten – kӧnnen Sie sich vorstellen, welch eine Welt dies sein kӧnnte und würde?  Dies kӓme dem Frieden und Wohlgefallen, von dem wir in der Weihnachtsgeschichte hӧren, ganz schӧn nahe – wenn wir uns nur der Herausforderung Gottes stellten, und Gott durch uns wirken lieβen.

 

Und wie segensreich anders klingt die Engelsbotschaft des Johannes als die vielen Worte aus dem politischen Bereich, denen wir heutzutage ausgesetzt sind! Ich, für meinen Teil ziehe ‘Fürchtet euch nicht’ und ‘Kümmert euch umeinander’ Worten wie ‘Fürchtet euch sehr, vor allem vor denen, die anders sind als ihr’ und ‘Jeder für sich – was kümmert mich das Leid der anderen?’ vor.

 

Hӧren wir also besser auf all die Engelsstimmen, denen wir in dieser Jahreszeit begegnen – denen, die uns trӧsten und ermutigen, und denen, die uns herausfordern. Und mӧgen wir auf alle Engel Gottes achtgeben – jene, die ganz augenscheinlich als Botschafter des Himmels ihre Nachricht verbreiten, und dann jene, die vielleciht selbst gar nicht wissen, daβ sie Botschafter des Himmels sind, wenn sie uns mitteilen: Gott ist nahe. Fürchtet euch nicht, ist die Last eures Lebens auch schwer, und der Weg, der vor euch liegt, mühsam. Tut Buβe. Und freuet euch allewege. Amen