Predigt zu Markus 1, 9-15; Erster Sonntag in der Passionszeit – 22. Februar 2015

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Warum begehen wir die Passionszeit?

Wir feiern verschiedene Kirchenjahreszeiten, aber die Passionszeit ist wahrscheinlich die merkwürdigste Zeit des Kirchenjahres, und auch die Zeit, die ganz gegen den Strich unserer Kultur geht. Denken Sie alleine an die Jahreszeit, in der wir jetzt sind, und vor allem hier in Kalifornien: es wird Frühling, es wird wӓrmer – hier haben wir letztes Wochenende gar einige Wӓrmerekorde gebrochen, die Bӓume schlagen aus, und Menschen entledigen sich ihrer winterlichen Kleidung und halten sich draussen auf, in dieser Natur, die mit Lebenskraft strotzt. Und dann gibt es uns Christen, die kein Hallelujah erklingen lassen, die viele Lieder nun statt in dur in moll singen und spielen, und die symbolisch den Weg mit Christus zum Kreuz gehen.  Um uns herum bricht das Leben hervor, und die Lebenslust ist fast mit Hӓnden greifbar – und wir reflektieren über Sünde, Schuld, Leiden, und Tod. In einer Gesellschaft, in der es nicht nur einen Jugendkult, sondern fast schon einen Jugendwahn gibt, in einer Gesellschaft, in der jeder alt werden aber niemand alt sein will, in einer Gesellschaft, in der es um Status und Haben geht, stechen wir mit unserem Fokus auf Fasten und das Aufgeben von Dingen wirklich hervor.  Und viele erklӓren uns Christen, die die Passionszeit begehen, auch als weltfremd und vielleicht sogar verrückt. Viele Kirchen in diesem Lande feiern ja schon nicht einmal mehr die Passionszeit.  Zu bedrückend. Wer braucht das Kreuz, wenn wir die Auferstehung haben?

Und vielleicht haben auch wir manchmal Zweifel an dem Zweck und Sinn der Passionszeit. Schlieβlich ist die Passionzeit schon ziemlich heftig, die Passionszeit ist eine Zeit, in der wir dazu aufgerufen sind, schonungslos ehrlich mit uns selbst zu sein, aber auch schonungslos ehrlich mit dem, was wir so gerne das System nennen. Die Passionszeit ist eine Zeit, in der wir bekennen, daβ nicht alles in Ordnung ist mit dieser Welt – daβ aber auch nicht alles in Ordnung ist mit uns. Wir mӧgen zwar vorgeben, daβ mit uns alles in Ordnung ist, und hier in den USA sagen wir ja auch gerne, ‘I’m fine’ – doch müssen wir dann doch alle zugeben, daβ wir unsere Lasten, unser Leid, unsere Schuld mit uns herumschleppen. Denn weshalb hӓtte sich Gott sonst entӓuβert, weshalb wӓre Gott sonst am Kreuz gestorben, für unsere Schuld, wie wir bekennen, wenn alles in Ornung wӓre, und wir alle Antworten auf unsere Probleme und die Probleme der Welt hӓtten, und wir alles aus eigener Kraft in Ordnung bringen kӧnnten? Wir kӧnnen uns nicht selbst erlӧsen – und, ja, diese Erkenntnis geht total gegen den Strich unserer gesellschaftlichen Kultur.

Die erste Evangeliumsgeschichte, die wir jedes Jahr in der Passionszeit hӧren, ist die Geschichte von der Versuchung Jesu in der Wüste. Jedes Jahr, die gleiche Geschichte. Und diese Geschichte weist uns den Weg auf unserer 40tӓgigen Reise durch die Passionszeit, und sie erinnert uns daran, daβ ein Leben mit und in Gott nicht automatisch Glück und Seligkeit bedeutet, und uns nicht nur zur Hӧhepunkten führt, sondern daβ Versuchung ein ganz realer und andauernder Teil unserer christlichen Existenz ist. Nun habe ich manchmal das Gefühl, daβ Versuchung in unserer Zeit und unserer Kultur durch die Werbung recht verharmlost worden ist, vielleicht sogar verniedlicht. Sie kennen wahrscheinlich alle dieses Werbespots, in der junge und attraktive Leute es schwer haben, einem Stück Schokolade, oder diesem Likӧr, oder sogar einem Auto zu widerstehen. Alternativ sehen wir manchmal, wie jemand versucht wird, den Keks zu essen, aber dann doch zum Joghurt greift.  Versuchung wird also als etwas dargestellt, daβ vielleicht nicht so gut für unsere Linie ist, aber ansonsten doch harmlos ist, eventuell spielerisch unartig.

Aber Versuchung ist weit mehr als nur ein frivoles Verlangen. In der Geschichte vom Fall der Menschheit hӧren wir, daβ es letztlich nicht nur um den Apfel geht, sondern daβ die Versuchung zu einem zerstӧrten Verhӓltnis zwischen Gott und Menschheit führt – letztlich sogar zu Mühsal und Tod. Im heutigen Evangelium ist Satan mit dabei, und Satan ist eine lebensverneinende und zerstӧrerische Macht, die durchaus ernstzunehmen ist. Markus beschreibt zwar nicht, wie Jesus von Satan versucht wird, doch beschreiben dies die anderen Evangelisten: Macht über alle Welt, die Gabe, Steine in Brot zu verwandeln, und übernatürliche Krӓfte. Was Satan Jesus anbietet, ist im Grunde genommen alles, und alles jetzt.  Warum Gott dienen, warum den Menschen dienen, warum durch Leiden und Tod gehen, wenn Jesus alles doch so einfach haben kӧnnte? Und dies reflektiert natürlich die Versuchung, der unsere heutige Gesellschaft im allgemeinen verfallen ist – daβ wir alles wollen, und zwar sofort, und dafür gibt es den schӧnen englischen Ausdruck ‘instant gratification’. Satan zeigt Jesus die Abkürzung zu Ruhm und Macht, die an Leiden und Tod vorbeiführt. Jesus kӧnnte die Fülle haben, anstelle sich zu entӓuβern und alles zu geben, und so dem himmlischen Vater zu gehorchen.

Übrigens werden wir dieser Versuchung wieder begegnen, und zwar in der Karwoche: als Jesus im Garten Gethsemane auf die Hӓscher und seine Gefangennahme wartet, ist Jesus verstӧrt, und gequӓlt, Vater, laβ diesen Kelch doch an mir vorbeigehen. Aber nicht mein Wille – dein Wille geschehe.

Nicht mein Wille, sondern dein Wille geschehe. Dies ist der Pudels Kern, dies ist, wobei es bei Versuchung geht. Also geht es nicht darum, daβ wir das leckere Stück Schokolade essen, obwohl es nicht gut für unsere Linie ist – es geht darum, daβ wir den Willen Gottes vernachlӓssigen oder gar ignorieren. Unsere grӧβte Versuchung ist es, uns dagegen zu strӓuben, uns ganz und gar in die Hand Gottes zu geben, und dagegen, den Dienst am Nӓchsten hӧher zu achten als unser Ego.

Es ist nicht zufӓllig, daβ Jesus unmittelbar nach seiner Taufe in die Wüste geführt wird und dann dort von Satan versucht wird. Denn was passiert in der Taufe Jesu? Jesus bekennt sich ӧffentlich zum himmlischen Vater, und unterwirft sich absolut dem Willen Gottes. Gleichzeitig beansprucht Gott, der Vater, Jesus für sich.  Und natürlich reizt Satan dies, und Satan gibt nicht so schnell auf.

Jetzt mӧchte ich für einen Moment das Thema wechseln. Etwas eher habe ich über die Merkwürdigkeit von uns Christen, die die Passionszeit begehen, geredet. Eines der merkwürdigen Dinge, die einige von uns tun, ist, am Aschmittwoch das Zeichen des Kreuzes mit Asche auf unsere Stirn zu empfangen.  Einige waren dazu ja auch am vergangenen Mittwoch hier. Aber nun mӧchte ich doch die Frage stellen: weviele Aschenkreuze haben Sie am vergangenen Mittwoch gesehen, auβerhalb dieser Kirchenmauern?  Ich war doch ziemlich verblüfft, daβ ich keine einziges Aschenkreuz auf der Straβe, in der BART, sah.

Und nun eine Frage für die, die sich am letzten Mittwoch mit dem Aschenkreuz zeichnen lieβen: wie fühlte sich das an, als Sie dann wieder in die Welt hinaus gingen? Hat irgendjemand diese neugierigen und merkwürdigen Blicke gespürt, oder vielleicht sogar einen Kommentar zu hӧren bekommen? Vielleicht ein hӧfliches und leicht verwirrtes: “Entschuldigung, Sie haben da Schmutz auf Ihrer Stirn?

Ich muβ schon sagen, daβ es sich etwas befremdlich anfühlt, mit dem Aschenkreuz auf der Stirn herumzulaufen. Denn ich weiβ, daβ ich hervorsteche, und daβ ich mich sichtbar mache als eine, die Christus nachfolgt.  Ja, ich bin Christin. Und das Kreuz ist fast wie ein Fadenkreuz, und ich mache mich zu einer Zielscheibe von Lӓcherlichkeit oder Unverstӓndnis – aber dann, auf der anderen Seite, regt das Aschenkreuz manchmal auch zum Gesprӓch an, und manchmal gibt es dann auch das verstӓndige Lӓcheln eines Mitverschwӧrers im christlichen Glauben. Das Zeichen des Kreuzes ist ein sichtbares Bekenntnis, im guten und im nicht so guten Sinne. Zwar ist die Verfolgung von Christen aufgrund ihres Glaubens nicht mehr alltӓglich in dieser Welt, doch haben wir erst letzte Woche erfahren, daβ das Bekenntnis zu Christus doch noch grausame Folgen haben kann, wie die Enthauptung von 21 koptischen Christen in Lybien durch muslimische Extremisten zeigt. Das Bekenntnis zu Christus kann solche Folgen haben, und wir müssen damit rechnen, daβ uns nicht nur Nӓchstenliebe und Verstӓndnis widerfahren. Wir sind gezeichnet.

Wir sind gezeichnet mit dem Kreuz. Und auch, wenn wir es vielleicht am Aschermittwoch dann doch vorziehen, uns nicht das Kreuz auf die Stirn schmieren zu lassen, so ist dieses Kreuz doch da – denn am Tage unserer Taufe wurden wir mit dem Kreuz Christi bezeichnet.  Ich weiβ, manche Leute glauben, daβ diese Bezeichnung mit dem Kreuz, wie auch die Taufe an sich, wie ein magische Zauber wirkt, der uns vor allem Bӧsen beschützt und bewahrt. Und wieder muβ ich nur auf das Schicksal der koptischen Christen letzte Woche hinweisen, um zu zeigen, daβ dem so nicht ist.

Aber die Geschichte von der Versuchung Jesu, die direkt nach der Taufe geschieht, weist darauf hin, daβ die Versuchung dann erst so richtig anfӓngt. Und so konnte auch Martin Luther mit ganz deftigen Worten sagen, daβ wir, sobald wir mit dem Kreuz Christi gezeichnet sind und von Gott als Gottes eigen beansprucht werden, gezeichnete Leute sind; das Kreuz wird zum Fadenkreuz für Satan, der nun weiβ, wo das Ziel ist, und wo er mit Versuchung angreifen kann. Ist dies nicht ein trӧstlicher Gedanke?! Und die grӧβte Versuchung ist, unser Versprechen, uns ganz in Gottes Hand zu geben, in den groβen und den kleinen Dingen, zu brechen. Weil wir Gott dieses Versprechen gegeben haben, sind wir ganz leicht versucht, dann doch unseren eigenen Weg zu gehen, es dann doch mit unserer eigenen Stӓrke zu versuchen, anstelle Gott zu vertrauen.

Und brechen wir unser Versprechen zu Gott?  Lassen wir uns verführen? Wenn wir ehrlich mit uns selbst sind, dann müssen wir zugeben, daβ dies der Fall ist. Wir widmen Gott nicht genug Zeit, wir schlieβen Gott aus bestimmten Aspekten unseres Lebens aus, wir lieben unseren Nӓchsten nicht, und manchmal lieben wir noch nicht einmal und selbst. Wir folgen lieber dem bequemen Weg, den uns unsere Kultur bereitet, mit all ihren eigenen Werten, wie Profitgier und einem gewissenlosen Konsum, als Gott zu folgen. Und das ist deutlich sichtbar und spürbar. Nicht alles ist in Ordnung in dieser Welt – und mit uns.

Und hier schlieβt sich der Kreis. Da wir Gottes Hilfe uns Vergebung und Gnade und Führung bedürffen, begehen wir die Passionszeit – diese merkwürdige, unlogische, konter-kulturelle Saison. Und deshalb versuchen wir in dieser Zeit ganz bewuβt, mit all den Gewohnheiten zu brechen, die das Leben verneinen und weder uns noch anderen guttun. Mehr zu beten und mehr zu fasten, also Dinge aufzugeben, die uns viel Zeit und Engagement in unserem Leben kosten. Deshalb schauen wir auf Jesus am Kreuz, der alle, trotz unserer Schuld, mit Vergebung und Gnade umarmt.

Das Kreuz auf unserer Stirn, sei es sichtbar oder unsichtbar, zeichnet uns als die, die zu Christus gehӧren. Ja, dieses Kreuz macht uns zur Zielscheibe für Versuchung – aber es bezeichnet uns auch als die, die von Gott beansprucht werden – ihr gehӧrt zu mir, spricht Gott. Wir gehӧren zu Gott, und mӧgen auch alle Mӓchte, die wir als Satan identifizieren, hart um unsere Seelen kӓmpfen, so kӓmpft Gott doch hӓrter – so hart, daβ ein Mann am Kreuz sterben muβ und sich ganz für uns entӓuβert. Denn dieser Kampf Gottes schlieβt einen Aspekt mit ein, den der Teufel nicht kennt – die Liebe.

Und am Ende geht es bei der Passionszeit um diese Liebe Gottes, und unser erneutes Versprechen, uns dieser Liebe ganz und gar anzuvertrauen, und alle anderen Mӓchte dieser Welt in Frage zu stellen. Und deshalb begehen wir die Passionszeit. Amen