Predigt zu Markus 10,17-31; 19. Sonntag nach Trinitatis – 11. Oktober 2015

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Guter Meister, was muβ ich tun?

Wir hӧren diese Frage in der heutigen Lesung aus dem Evangelium, und sie kommt von einem Mann, der es gewohnt ist, zu tun. Wir hӧren, daβ dieser Mann viele Besitztümer hat, jemand, der nun auch etwas tun muβ, um Reichtum zu erwerben und Reichtum zu bewahren.

Aber dann erfahren wir auch, daβ dieser Mann ein frommer Anhӓnger Gottes ist; als Jesus ihn fragt, ob er die Gebote hӓlt, die wir als die 10 Gebote kennen, antwortet der Mann, daβ er diese Gebote von Jugend an gehalten hat. Der Mann, der zu Jesus kommt, weiβ, daβ man etwas tun muβ, wenn man Resultate haben will.

Was muβ ich tun? Ich denke, wir kӧnnen uns alle mit dieser Frage des Mannes identifizieren. Wir kommen alle aus Kulturen und leben in einem Land, in dem Tun, Effektivitӓt uns Produktivitӓt hoch geschӓtzt werden. Hier in diesem Lande bewundern wir Menschen, die in ihrer Arbeit geradezu aufgehen; und besonders hier in der Bay Area und dann im Silicon Valley wird es geradezu erwartet, daβ Leute 60 Stunden oder mehr die Woche arbeiten, daβ man dank all der Technologie, die wir heute haben, 24 STunden am Tag erreichbar sind, und daβ vier Wochen Ferien maximal im Jahr ausreichen – in vielen Branchen sind 7-10 bezahlte Urlaubstage im Jahr die Norm.  Und dann gibt es Statstiken, die besagen, daβ mehr als die Hӓlfte aller Angestellten nur 50% oder gar weniger ihrer Urlaubstage in Anspruch nehmen – und, wie gesagt, das bezieht sich auf bezahlten Urlaub. Wenn man das jemandem erzӓhlt, der in Deutschland lebt, dann schüttelt der nur den Kopf darüber. Die Amis sind doch verrückt!

Dieser Drang, zu tun und zu machen, betrifft auch junge Leute in diesem Lande. Kleine Kinder sind hӓufig schon mit Aktivitӓten ausbgebucht, da Eltern und Groβeltern ihnen jede Chance geben wollen, ihre Talente zu entwickeln. Und Spielzeit geht dabei verloren. Teenager sind unter enormem Stress, da sie gar nicht wissen, wie sie all den verschiedenen Anforderungen gerecht werden sollen. Eine College Bewerbung in diesem Land, die hervorsticht, muβ zumindest 5 auβerschulische Aktivitӓten aufweisen.  Wo soll ein junger Mensch diese Zeit hernhemen? Und viele dieser jungen Menschen kӧnnen gar nicht herausfinden, wer sie eigentlich sind, weil sie in Aktivitӓten begraben sind.

Mein Punkt ist: wir wissen, wie es ist, zu machen und zu tun – besonders in einer Wirtschaft, die von der Technologie getrieben ist, und in diesem Teil der Welt. Und Deutsche in ihrem Heimatland mӧgen mehr Urlaub bekommen als U.S. Amerikaner, doch sind wir Deutschen ja nun auch al sein sehr fleiβiges und produktives Vӧlkchen bekannt. Ich würde sogar behaupten, daβ wir uns auch hauptsӓchlich über das identifizieren, was wir tun. Denken Sie nur einmal darüber nach, was wir fragen, wenn wir jemand neues kennenlernen. Erst einmal: Wie heiβen Sie, und dann: Und was machen Sie?

Nun hat ein sehr beschӓftigter und stressiger Lebensstil so seine Schattenseiten. Partnerschaften, Familienleben und auch das gemeinschaftliche Leben leiden, und es ist kӧrperlich ungesund.  Aber ein sehr geschӓftiger Lebensstil hat auch seelische Auswirkungen, und meist dann, wenn wir auf einmal nicht mehr so geschӓftig sein kӧnnen – sei es durch Arbeitslosigkeit, Krankheit, oder auch Ruhestand. Was ist, wenn wir uns nicht mehr über unsere Arbeit identifizieren kӧnnen, wenn wir nicht mehr produktiv sind? Ich denke, wir kennen alle Menschen, die arge Probleme damit hatten, sich an einen neuen Lebensstil im Ruhestand zu gewӧhnen. Wie oft habe ich gerade von Frauen gehӧrt, wie sehr ihnen ihre Mӓnner auf den Geist gehen, wenn sie zuhause anstatt in der Arbeit sind. Vielleicht haben ja einige unter Ihnen es auch selbst erlebt, wie nutzlos man sich auf einmal vorkommt, wenn man nicht mehr arbeiten gehen kann.

Manche Menschen, die ihren Job verlieren, werden deprimiert. Und viele der Obdachlosen hier in an Francisco und an anderen Orten sind Militӓrveteranen, die nicht nur mit dem Trauma ihrer Kriegserinnerungen zu kӓmpfen haben, was man hier so schӧn PSTD nennt – nein, vielen dieser Veteranen fӓllt es schwer, ihren Platz in der Gesellschaft zu finden, wenn sie sich nicht mehr als Soldat identifizieren kӧnnen.

In der vergangenen Woche sah ich per Zufall ein Interview mit Ann Romney, der Frau vom ehemaligen Prӓsidentschaftskandidaten Mitt Romney.  Und ich will hier jetzt kein politisches Statement abgeben, sondern von den menschlichen Erfahrungen dieser Frau sprechen. Ann Romney hat gerade ein Buch verӧffentlicht, in dem sie von ihren Erfahrungen mir Multiple Sklerosis spricht. In diesem Interview sagte Frau Romney, daβ das schlimmste für sie nicht das physische Leiden war, sondern die seelischen Auswirkungen, die die Krankheit auf sie hatte: wer bin ich, wenn ich keine hingebeungsvolle Ehefrau und Mutter sein kann?  Wie identifiziere ich mich, wenn ich meine Rolle nicht erfüllen kann?

Was muβ ich tun? Was muβ ich tun, um das ewige Leben zu erlangen? Dies ist die Frage, die der Mann in der heutigen Lesung aus dem Evangelium an Jesus stellt, und oberflӓchlich gesehen ist dies eine einfache Frage. Da muβ es doch irgendetwas geben, was man tun kann, denn so funktioniert die Welt – wir tun etwas, und dann gibt es Resultate. Da muβ es doch etwas geben, das man tun kann, um Gott wohlzugefallen und zu bekommen, was ich mir von Gott wünsche. Und dann scheint es, als gӓbe Jesus eine recht einfache Antwort auf diese Frage, was muβ ich tun. Folge den Geboten Gottes.  Hab ich schon gemacht, Meister! Doch Jesus sah ihn an und gewann ihn lieb und sprach zu ihm: ‘Eines fehlt dir. Geh hin, verkaufe alles, was du hast, und gib’s den Armen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.’ Und der Mann wurde unmutig über das Wort und ging traurig davon; denn er hatte viele Güter.

Nun mӧgen wir denken, aha, also geht es doch wieder um das Tun. Tu dies, und dann hast du einen Schatz im Himmel. Aber Jesus geht hier an die Substanz des Mannes. Erst einmal muβ gesagt werden, daβ Jesus ihn lieb gewinnt, bevor der Mann eine Entscheidung trifft. Jesus liebt diesen Mann nicht, weil er etwas bestimmtes tut oder lӓβt. Jesus liebt diesen Mann als etwas, das – oder besser, als jemand, der er bereits ist – ein Kind Gottes. Jemand, der Gott liebt und Gott wohlgefallen will.

Jesus stellt dem Mann eine Herausforderung; sich eben nicht durch das zu identifizieren, was er tut, oder durch seinen Erfolg, seinen Reichtum, seine Macht, auch nicht durch seinen Gehorsam zu Gott, nein: Jesus fordert ihn heraus, sich über Gott zu identifizieren, sein Leben ganz Jesus Christus anzuvertrauen, und seine eigene Macht aufzugeben. Jesus fordert ihn heraus, ein Teil des Gottesreiches zu werden, das bereits im Hier und Heute keimt und wӓchst. Jesus fordert ihn heraus, sich der Macht anzuvertrauen, die uns dann auffӓngt, wenn wir feststellen, daβ wir in bestimmten Situationen einfach nichts machen kӧnnen. Und ich denke, wir haben das ja alle schon erlebt: daβ wir tun und machen kӧnnen, was wir wollen, aber manchmal sind wir doch machtlos – z.B., wenn jemand krank wird oder stirbt.

Jesus fordert den reichen Mann heraus, darüber nachzudenken, wer er ist. Und diese Frage hӓngt stark von der Frage ab, zu wem wir gehӧren. Die zentrale Frage hier ist also nicht, was muβ ich tun, sondern: ‘Wo gehӧre ich hin?’ und: ‘Wer bin ich?’

Nun sind dies vielleicht unangenehme und unheimliche Fragen. Es ist so viel einfacher, darüber zu reden, was wir tun.  Um noch einmal auf Ann Romney zurückzukommen – sie sagte im Interview, daβ sie lange brauchte, bis sie akzeptieren konnte, daβ es okay ist, ein Mensch in Nӧten zu sein. Und daβ sie lange brauchte, um darüber ins reine mit sich selbst zu kommen. Es ist nicht einfach.

Wir sind soviel mehr wert als die Summe unserer Taten und Errungenschaften. Wir sind Gottes, und als solche sind wir Gottes Kinder – geliebt, vergeben, dazu eingeladen, ein Teil des Gottesreiches zu sein, das mitten unter uns am Wachsen ist, Erben des ewigen Lebens, das bereits hier und jetzt beginnt. Jesus sieht uns alle an und hat uns liebgewonnen – und seine Liebe hӓngt nicht davon ab, was wir tun oder lassen.

Das beste Beispiel dafür ist die Taufe. Die Taufe ist der groβe Gleichmacher für alle Menschen – jung und alt, reich und arm, egal, woher wir kommen oder welche Hautfarbe wir haben, egal, welche Fӓhigkeiten wir haben, egal, was wir tun. In der Taude werden die Letzten zu den Ersten, und die Ersten zu den Letzten. In der Taufe werden wir alle zu Gottes geliebten Kindern und werden als solche wertgeschӓtzt.

Sie erinnern sich vielleicht noch an die Taufe vor zwei Wochen.  Da wurde hier ein kleiner Junge getauft, der wahrscheinlich für den Rest seines Lebens mit den Folgen eines Gehirnschadens zu tun haben wird. Dieser Junge wird hӧchstwahrscheinlich nie dazu fӓhig sein, viel zu machen und zu tun. Er kann sich Gottes Gnade nicht erwerben. Aber darin sind wir ihm gleich – wir kӧnnen’s auch nicht. Und doch umfaβt Gott dieses behinderte Kind, wie auch Gott uns alle umfӓngt, mit all unseren Fӓhigkeiten und Unzulӓnglichkeiten.

Jesus fordert nicht nur den Mann im heutigen Evangelium heraus – er fordert uns alle dazu heraus, darüber nachzudenken, über was wir uns identifizieren. Jesus fordert uns dazu heraus, uns nicht auf unser Tun zu konzentrieren, sondern auf das, was wir sind. Jesus fordert uns dazu heraus, unsere Prioritӓten im Leben zu überdenken.

Wir alle werden von Gott geliebt. Uns allen ist vergeben worden. Und da gibt es nichts, was wir dazu tun kӧnnten.