Predigt zu Markus 5, 21-43; Vierter Sonntag nach Trinitatis – 28. Juni 2015

11705772_10204983737289354_709637443149554046_o

 

Wenn Sie am vergangenen Sonntag hier waren, dann erinnern Sie sich vielleicht daran, daβ ich zu Beginn des Gottesdienstes Worte der ELCA Bischöfin für die gesamte USA, Elizabeth Eaton, verlas, mit denen sie auf die Morde in der Mother Emmanuel AME Church in Charleston reagiert. Und schon in diesen Worten rief Bischöfin Eaton zu einem ‘Day of repentance and mourning’ auf, einem Tag der Buβe und des Trauerns. Bischöfin Eaton hat in der Zwischenzeit bekanntgegeben, daβ alle ELCA Kirchen heute, am 28. Juni, diesen Tag begehen sollten, und uns Pastorenleuten wurde per Email Material zugesandt, das wir im heutigen Gottesdienst verwenden können.  Ich schӓtze all dies sehr.  Das einzige Problem ist: das ganze wurde erst am vergangenen Mittwochnachmittag bekanntgegeben.

Da waren unsere Gottesdienstprogramme schon gedruckt, das Thema dieses Gottesdienstes war bereits bestimmt, ich hatte mir schon Gedanken über die Predigt gemacht, und Nicole und Sam hatten bereits die schönen Stücke geübt, die sie heute hier im Gottesdienst spielen und singen.  Und, wie Sie vielleicht festgestellt haben, ist unser Leitmotiv heute nicht das Trauern. Bisher haben wir uns eher mit Tanzschritten durch diesen Gottesdienst bewegt. Ist es zu spät zum Trauern?

Nun fand ich als Predigerin die Rettung in Worten des 30. Psalmes, den wir heute morgen bereits gemeinsam gebetet haben.  Schon vor dem Aufruf von Bischöfin Eaton wollte ich mich den wunderschönen Satz konzentrieren, ‘Du hast mein Klagen in einen Reigen verwandelt’ – mein Trauern in einen Tanz.  Dieser Satz ist einer meiner Lieblingsstze in der gesamten Bibel. Du hast mein Trauern in einen Reigen verwandelt – diese Worte beschreiben die transformative Macht Gottes. Und dieser Gott ist ein Gott des Lebens, dieser Gott starb für uns und die Welt am Kreuz und trotzte Sünde und Tod durch die Freude und den Tanz am Ostertag. Dieser eine Satz, ‘Du hast mein Trauern in einen Reigen, einen Tanz verwandelt’, faβt somit für mich die frohe Botschaft Jesu Christi für die gesamte Menschheit und Schöpfung zusammen.

Aber der Wandel von Trauer zu Tanz muβ irgendwo anfangen – und er fӓngt nun einmal leider mit der Trauer an, mit Schmerz und Leid. Wir alle haben erfahren müssen, daβ das Leben nicht immer leicht und unbeschwert und glücklich und voller Freude ist.  Wir trauern immer noch um dir 9 Schwestern und Brüder, die letzte Woche Mittwoch kaltblütig in Charleston ermordet wurden.  Wir trauern um all jene, die tagtӓglich ihr Leben aufgrund von Haβ und Gewalt verlieren.  Wir trauern, weil wir jeden Tag mit dem Teufelskreis von Gewalt und Tod kӓmpfen, hier im Land, und in aller Welt. Wir trauern, weil es Menschen gibt, die irgendwo in der Vergangenheit und in längst überholten und oft unmenschlichen Ideologien steckengeblieben sind. Wir treuern, weil wir alle irgendwie wissen, daß wir an einem System teilhaben, das auszutzt und zerstört, anstatt zu heilen und aufzubauen.

Wir trauern, da wir wissen, daβ wir nicht perfekt sind – daβ wir alle irgendwo gebrochen sind und uns selbst nicht erlösen können und unsere Schuld oft schwer zu tragen ist.

Wir haben unsere Gründe, zu trauern.  Und ich weiβ nicht, wie es Ihnen geht, aber wenn es mir mal nicht so gut geht, mag ich es überhaupt nicht, wenn mir jemand sagt: “Reiβ dich zusammen,” oder, “Der liebe Gott wird schon seine Gründe haben, warum dieses oder jenes passiert ist, nimm es hin und werde wieder fröhlich.”  Nein, Trauer ist wichtig für uns.  Trauer ist eine angemessene Reaktion darauf, daβ wir spüren, daβ die Mächte des Übels und des Todes in unser Lebenund unsere Welt eindringen. Schon im Buch der Prediger, Kapitel 3, stehen die berühmten Worte: “Ein jegliches hat seine Zeit, und alles Vorhaben unter dem Himmel hat seine Stunde…klagen hat seine Zeit, tanzen hat seine Zeit.”

Und dies bringt uns zum Tanzen zurück. Ich finde es spannend, daβ Klage, Trauer, und Tanz mehrmals in der Bibel einander gegenübergestellt werden, wie im Buch der Prediger und Psalm 30. Trauer ist eine Reaktion zu den Mächten des Todes, während Tanz ein Ausdruck des Lebens ist. Warum hat die Menschheit in ihrer langen und oftmals schwierigen Geschichte nicht einfach aufgegeben?  Warum hat die Menschheit immer wieder den Grund und die Freude gefunden, zu tanzen, selbst nach enormen Katastrophen? Ganz einfach: weil das Leben doch immer irgendwie wieder gewonnen hat, und weil es immer wieder einen Grund gab, zu feiern und zu tanzen. Und ich denke, daβ es so wichtig ist, zu feiern und mit den Tanzen weiterzumachen, denn dies ist ein Schlag ins Gesicht aller Mächte des Bösen und des Todes.

Am letzten Sonntag, noch nicht einmal 4 Tage nach dem Massenmord in Charleston, öffnete Mother Emanuel African Methodist Episcopal Church wieder ihre Türen, um Gottesdinest zu feiern – und um die Auferstehung Christi zu feiern, wie wir es als Christen an jedem Sonntag tun. Diese Kirche, die 3 ihrer Leiter verlor und 6 weitere Mitglieder, feierte trotzig und wird auch weiterhin trotzig das Leben feiern, das nicht durch den Tod überwunden werden kann. Darüber hinaus haben Angehörige der Ermordeten dem mutmaβlichen Täter vergeben. Wow! Das ist eine Transformation, dies ist ein Wandel vom Tod zum Leben!  Solch ein Wandel ist nur möglich, wenn Haβ nicht mit Haβ erwidert wird, sondern Vergebung – wenn Übel nicht mit Übel vergolten wird, sondern mir Gutem.  Dies ist die frohe Botschaft, die Botschaft vom Leben, das gewinnt, auch im tiefsten Dunkel unserer Existenz. Wir klagen und trauern – und dann tanzen wir weiter.

Dance, then, wherever you may be – I am the Lord of the Dance, says he, and I lead you all, wherever you may be, and I lead you all in the dance, says he.

Dies sind Zeilen, die wir gerade eben erst so schön von Sam und Nicole gesungen und gespielt gehört haben. Dies ist der Refrain von ‘Lord of the Dance’, und dies, ganz nebenbei, ist eines meiner kirchlichen Lieblingslieder. Nun ist es interessant, daβ Tanz in der christlichen Tradition anscheinend keine so groβe Rolle gespielt hat. Wir tanzen nicht besnders viel in der Kirche, richtig? Es gibt sogar christliche Gruppen, wie die Puritaner, die denken, daβ Tanzen des Teufels ist, da es ja fleischliche Lust und Immoralität fördern könnte. Und es sollte uns nicht überaschen, daβ wir in unserem Gesangbuch nur ganz wenige Lieder finden, die von Tanz sprechen. Was wieder interessant ist, denn viele der Melodien im Gesangbuch waren ursprünglich Tanzmelodien.  Denken Sie allein an die Lieder, die wir heute gesungen haben oder noch singen werden – Von Gott kommt diese Kunde, und In dir ist Freude – Tanzmelodien!  Und selbst ein Klassiker wie ‘Lobet den Herren, den mächtigen König der Ehren’ ist, wenn man sie richtig singt, Reigen. Also sind wir uns doch in unserer christlichen Tradition immer irgendwo bewuβt gewesen, daβ Tanz ein Ausdruck des Lebens, Gottes Lebens, ist.

Und warum auch nicht?  Die Bibel ist voll mit Tänzern: Miriam, die Schwester des Moses, preist Gott und tanzt, nachdem das Volk Israel sicher durch das Rote Meer gekommen ist.  Die Könige Sual und David tanzten vor dem Herrn. Im Gleichnis vom verlorenen Sohn gibt es nicht nur ein Festmahl mit dem gemästeten Kald, nachdem der Schlingel wieder nach Hause kommt, sondern auch Musik und Tanz. Und wir mögen vielleicht nicht darüber lesen, daβ Jesus getanzt hat, doch nehme ich einmal an, daβ er bei der Hochzeit in Kanaan nicht nur Wasser in Wein verwandelt hat, sondern auch ein biβchen Spaβ hatte. In der Bibel ist Tanz ein Ausdruck der Lebensfreude und des Lobpreises für Gott, der uns vom Tode erlöst und uns Leben schenkt.

Und es gab zumindest eine christliche Gruppierung im 18. Und 19. Jahrhundert, die ganz bewuβt Tanz in ihren Gottesdienst mit einbezog. Wissen Sie, wer das war?  Es waren die Leute, die uns ‘Lord of the Dance’ gegeben haben – der offizielle Name dieser Gruppierung ist ‘United Society of Believers in Christ’s Second Appearing’ – aber sie ist besser unter dem Namen ‘Shaker’ bekannt, und dieser Name war am Anfang tatsächlich ein Schimpfname, ein Name, der die Lächerlichkeit dieser Christen beschreiben sollte.  Und die Shaker wurden natürlich aufgrund ihrer skandalösen Bewegungen im Gottesdienst so benannt. Und die Shaker schufen viele Gottesdienstlieder, zu denen auch getanzt werden konnte.

Der Herr des Tanzes, the Lord of Dance, verwandelt unser Trauern in einen Reigen. Unser Gott verwandelt Tod in Leben. Jesus kam, um diese Macht und diesen liebevollen Willen Gottes zu demonstrieren.  Jesus kam, um wiederherzustellen, um den Hoffnungslosen Hoffnung zu geben, um böse Geister auszutreiben, und um zu heilen. Jesus zeigt, daβ Gottes Wille ein freudiger Lebenswille ist. Und beim Reich Gottes geht es eben genau darum: um ein Leben für alle, eine Leben in Freude und Gesundheit und Heil. Und immer, wenn Jesus Menschen heilt und wieder ins Leben zurückbringt, so wie im heutigen Evangelium, gibt und Jesus einen Vorgeschmack auf dieses Rich Gottes, das schon mitten unter uns wächst, aber noch auf endgültige Erfüllung wartet.

Ein jegliches hat seine Zeit. Zeit, zu klagen, und Zeit, zu tanzen. Wir mögen dunkle und traurige Zeiten erleben – doch Gott ist das Leben. Und es ist Gottes Wille, daβ wir alle, mit Gottes gesamter Kreatur, am freudigen Tanz des Lebens teilhaben, und dadurch Tod und Teufel ins Gesicht lachen.