Sie fragen sich vielleicht, was im angehaengten Bild dargestellt ist. Ich gebe zu, es ist etwas schwer zu erkennen – dieses Bild zeigt eine uralte Tontafel, die von einer Keilschrift überzogen ist, die im ersten babylonischen Reich benutzt wurde. Diese Tafel wurde um ca. 1750 v.Chr. beschrieben, in der Bronzezeit – also vor ungefӓhr 3750 Jahren – und befindet sich heute im Britischen Museum. Diese Tafel ist nicht besonders gross; sie misst gerade 11,6 mal 5 Zentimeter und ist 2,6 Zentimeter dick.

 

Nun denke ich, dass niemand unter uns Keilschrift lesen kann, doch was, denken Sie, steht auf dieser Tafel? Worum geht es?

 

Nein, es ist kein religiöser Text, es ist keine königliche Verordnung, es geht um etwas, das wir wahrscheinlich als eher unwichtig und mundӓn betrachten: dies ist ein Brief (können Sie sich vorstellen, was die Briefboten damals zu schleppen hatten?), genauer gesagt ein Beschwerdebrief. Ein Mann namens Nanni schreibt hier dem Hӓndler Ea-nasir und beschwert sich, dass ihm Ea-nasir Kupfer von schlechter Qualitӓt verkauft hat. Im Grunde genommen beschwert sich Nanni darüber, dass er betrogen wurde, dass er über’s Ohr gehauen wurde. Und diese Tafel ist die ӓlteste schriftliche Beschwerde in der Menschheitsgeschichte, von der wir wissen.

 

Es scheint als seien Korruption und Beschwerden so alt wie die Zivilisation.

 

Nun muβ ich zugeben, das mich diese Geschichte amüsiert hat, als sie zum ersten Mal vor ein paar Wochen entdeckte. Da gab es also kein goldenes Zeitalter, in dem alles wunderbar war, nein: schon immer fanden Menschen Gründe, sich zu beschweren. Nun hatte Nanni in Babylonien allen Grund, sich zu beschweren; doch scheint es, als sei es eben die menschliche Natur, unzufrieden mit Dingen zu sein und sich darüber zu beklagen und zu jammern.

 

Man könnte fast sagen, dass Beschwerden und Klagen typisch menschlich sind. Wir alle beschweren uns. Glauben Sie mir nicht? Das Wetter ist zu heiss, es ist zu kalt, Steuern und Lebenshaltungskosten sind zu hoch, unsere Strassen sind katastrophal, und ich will gar nicht erst mit den Politikern anfangen. Und dieser Verkehr in der Bay Area! Und so weiter, und so weiter.

 

Leute beklagen sich stӓndig. Das Internet und die sozialen Medien machen es uns dabei auch noch leichter, unseren Frust auszudrücken. Und manchmal schüttle ich nur den Kopf, über welche Bagatellen sich Leute manchmal aufregen. Haben wir wirklich nichts Wichtigeres zu tun?

 

Aber warum beklagen wir uns so gerne? Ich denke, das hat damit etwas zu tun, dass unser Jammern und unsere Klage manchmal ein Ablenkungsmanöver ist; wir lenken von den wirklich wichtigen Sachen im Leben ab, und dann auch von unseren eigenen Unzulӓnglichkeiten. Auch ist es leicht, durch unsere Beschwerde einen Sündenbock für das, was eben nicht in Ordnung ist, zu finden. Die Regierung, die andere Partei, Big Business, das Rechtssystem, Immigranten…da findet sich immer jemand, dem man die Verantwortung für etwas, das uns nicht gefӓllt, in die Schuhe schieben kann.

 

Natürlich gibt es manchmal gute Gründe, sich zu beklagen, wie im Fall Nannis im alten Babylonien. Manchmal liegt der Fehler wirklich bei anderen, wir haben da keine Kontrolle drüber, und uns oder anderen wird falsch mitgespielt. Und dann sollten wir lauthals protestieren. 

 

Aber wie oft beklagen wir uns, um uns aus der Verantwortung zu ziehen?

 

Die heutigen Lesungen aus der Heiligen Schrift haben eines gemeinsam: da geht es um das sich Beklagen, und das Fingerzeigen.

 

Das Volk Israel in der Wüste hat schnell die Nase voll von seiner neugewonnenen Freiheit und der Ungewissheit des Lebens in der Wildnis. Und so beklagen sie sich bei Moses: Oh, wie wir das gute Essen Ägyptens vermissen! Hier gibt’s ja nur Manna, tagein, tagaus. Nun erreichen sie natürlich nichts durch ihre Beschwerde – aber anscheinend fühlen sich die Leute besser, wenn sie sich das mal so von der Leber reden können. Und sie fühlen sich wahrscheinlich auch besser, da sie in Moses einen Sündenbock gefunden haben – hat er sie nicht dazu gedrӓngt, Ägypten zu verlassen?

 

Und was tut Moses wiederum? Er ist frustriert und beschwert sich bei der höchsten Instanz über das Volk. ‚Herr, warum bekümmerst du deinen Knecht? Und warum finde ich keine Gnade vor deinen Augen, dass du die Last dieses ganzen Volkes auf mich legst? Hab ich denn all das Volk empfangen oder geboren, dass du zu mir sagen könntest: Trag es in deinen Armen, wie eine Amme das Kind trӓgt, in das Land, das du ihren Vӓtern zugeschworen hast? Ich vermag all dies Volk nicht zu tragen, denn es ist mir zu schwer.‘ Im Grunde genommen sagt Moses hier: ‚Gott, kümmer du dich um diesen Haufen, schliesslich bist du es, der uns in diese Lage gebracht hat.

 

Diese Klage – das Gebet? – des Mose führt dazu, dass Gott hilft, und zwar in ganz konkreter Weise: er stellt Moses 70 Helfer zur Seite. Aber als es da zwei gibt, die nicht zu den Auserwӓhlten gehören, aber trozdem Gottes Geist empfangen und anfangen, zu prophezeien, ist das auch wieder nicht richtig. Josua, der Assistent und designierte Nachfolger Mose, beschwert sich: ‚Moses, sag ihnen, dass sie damit aufhören sollen.‘ Und Moses? Er sagt nur: ‚Bist du so eifersüchtig? Sei froh, dass Gott auch ihnen den Geist gibt uns sie uns zur Seite stellt. Je mehr, desto besser.‘

 

Es scheint so, als ob auch die Gemeinde, an die Jakobus schreibt, sich gerne beschwert und im Leiden schwelgt. Am Ende seines Briefes hat Jakobus ganz klare Worte: ‚Leidet ihr? Dann betet! Seid ihr krank? Dann bittet die Ältesten, über euch zu beten und euch mit Heilöl zu salben.‘ Mit anderen Worten: Tut euch nicht leid, sondern sucht nach einer Lösung. Oder noch besser: seid selbst die Lösung.

 

Und auch im heutigen Evangelium geht es um das sich Beklagen. Jesus und seine Jünger sind immer noch auf dem Weg nach Jerusalem, und die Jünger wissen, was das bedeutet: Jesu Leiden und Tod. Aber was ist ihre gröβte Sorge? ‚Jesus, da ist jemand, der in deinem Namen heilt und Dӓmonen austreibt, und wir haben versucht, ihn zu stoppen, denn schlieβlich gehört er nicht zu uns.‘ Und die unausgesprochene Forderung an Jesus ist: ‚Jesus, du musst ihn davon abhalten. Da könnte ja jeder kommen, und wo kӓmen wir dahin, wenn einfach jeder Hans und Franz Wunder in deinem Namen tun könnte? Da wӓre ja alles ausser Kontrolle.‘

 

Es geht den Jüngern um ihr Ego. Ihre Ehre ist dadurch verletzt, dass da jemand Gutes tut, der nicht zu ihrem auserwӓhlten Kreis gehört. Sie meinen, dass ihnen etwas genommen wird, das eigentlich ihnen zusteht: Anerkennung für Taten, die im Glauben geschehen. Sie verlieren dabei ganz aus den Augen, dass etwas Gutes und Wunderbares im Namen Jesu geschieht. Anstatt sich zu freuen, herrscht Neid. Anstatt den Menschen, dem die Gabe der Heilung gegeben ist, aufzubauen, versuchen sie, sein Handeln zu unterbinden.

 

Und ich kann mir gut vorstellen, wie Jesus seufzt und seinen Kopf darüber schüttelt, dass die Jünger es immer noch nicht kapieren. Nun könnte sich Jesus beim himmlischen Vater über den Unverstand seiner Jünger beschweren; anstatt dessen erteilt er ihnen geduldig eine weitere Lehre über die Dinge, die göttlich und wichtig sind, nӓmlich: das Reich Gottes. Und in diesem Reich geht es um Gemeinschaft – eine Gemeinschaft, in der wir uns gegenseitig aufbauen, anstatt uns mit Neid und Miβgunst zu betrachten und nach weltlichen Dingen wie Ruhm und Ehre zu streben. Eine Gemeinschaft, die von Liebe zu Gott, zum Nӓchsten jedweder Art und uns selbst bestimmt ist.

 

Jesus versucht, seinen Jüngern die Augen dafür zu öffnen: ‚Wer nicht gegen uns ist, der ist für uns.‘ In anderen Worten: freut euch, dass es da noch andere gibt, die Gottes Willen tun, auch, wenn sie irgendwie nicht zu euren Kreisen dazugehören. Seid offen für das Wirken Gottes. Erkennt an, dass es da jene gibt, die Gott uns an die Seite stellt, um die gewaltigen Herausforderungen in dieser Welt anzupacken. Gemeinsam sind wir stӓrker.

 

Den Mӓchten dieser Welt ist es natürlich recht und lieb, wenn wir zertrennt sind; und so wird uns die Lüge aufgetischt, dass wir uns zunӓchst einmal um uns selbst kümmern sollten, und dass Individualismus und die Haltung, dass wir uns am eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen sollen, Lebensideale sind. Dies führt zur Isolation, und wenn wir isoliert sind, dann sind wir anfӓlliger für Neid, Miβgunst, und Klage – und hӓufig führt dies zur Entmenschlichung anderer. Und je mehr wir zertrennt sind, desto einfacher ist es für die an der Macht, uns zu manipulieren und zu kontrollieren.

 

Jesus will dem von Anfang an Einhalt gebieten; dies ist nicht die Vision, die Gott für die Menschheit hat. Wer nicht gegen uns ist, ist für uns. Gott beruft alle, egal, welchen Hintergrundes, in die Gemeinschaft Gottes, um gegen die Mӓchte der Welt und die Macht der Sünde zu kӓmpfen. Gemeinsam sind wir stӓrker.

 

Das bedeutet auch, dass wir alle unseren Teil dazu beitragen, die Gemeinschaft aufzubauen und zu stӓrken. Natürlich ist es einfacher, sich zu beklagen und zu beschweren und darauf zu warten, dass sich die Dinge auf wunderbare Art zum Besseren ӓndern. Doch ohne unsere Bekenntnis von Schuld, ohne, dass wir Verantwortung übernehmen, ohne unser Engagement und unser Handeln können wir lange darauf warten, dass sich etwas ӓndert. Jesus erinnert uns daran, dass wir das Salz der Erde sind und dazu berufen, unsere Leidenschaft, unsere Liebe, unsere Hoffnung durch Wort und Tat zur Ehre Gottes und dem Wohl des Nӓchsten einzusetzen.

 

Denn Gott hat die Welt so sehr geliebt, dass er den eingeborenen Sohn sandte. Und dieser Sohn spricht: Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Klagt nicht. Lasst euch nicht entzweien. Baut einander auf, denn: gemeinsam sind wir stӓrker.

 

Noch ein Nachwort zu Nanni, dem babylonischen Briefeschreiber: Er beschwerte sich nicht nur. Am Ende des Briefes schreibt er: Das nӓchste Mal, wenn ich Handel mit dir treibe, werde ich höchstpersönlich kommen und jedes Stück Kupfer, das du mir verkaufen willst, abwiegen und prüfen. Und wenn du mich immer noch über’s Ohr hauen willst, dann verweigere ich dir einfach die Zahlung, wie es mir nach dem Gesetz zusteht.

 

Klagen allein hilft nicht. Unser beherztes Handeln – unser Handeln in Glaube, Liebe und Hoffnung – schon.