Predigt zu Markus 9,2-13; Die Verklӓrung Jesu; 15. Februar 2015

transfiguation

Natürlich sind sie verstӧrt und verwirrt.  Jesus, ihr Rabbi, der Sohn eines einfachen Zimmermanns aus dem unbedeutenden Ӧrthchen Nazareth, wird vor ihren Augen verklӓrt und verwandelt. Sein Gesicht strahlt wie die Sonne, und seine Kleider, die verschmutzt sind vom langen Wandern auf staubigen Straβen, glӓnzen hell. Das Gewӧhnliche wird zum Übernatürlichen, Fleisch und Blut werden in strahlendes und, wie ich mir vorstelle, blendendes Licht verwandelt..

Als gute Juden, die ihre heiligen Schriften kennen, wissen die Jünger natürlich, daβ etwas ganz ӓhnliches schon ein paarmal in der Geschichte Gottes und seines Volkes passiert ist – zum einen mit Moses, als er auf dem Berg Sinai von Gottes Ruhm bestrahlt wird und dieses Licht auf seinem Gesicht reflektiert – zum anderen mit Elia, als er im gleiβenden Licht gen Himmel auffӓhrt.  Gott ist in diesen Momenten gegenwӓrtig.  Und die Jünger verstehen, als sie Jesus so erleuchtet und verwandelt auf dem Berggipfel sehen: Gott ist auch hier gegenwӓrtig. Gott ist hier. Und dies ist natürlich ein ganz besonderes und einmaliges Erlebnis, Gott so nahe zu erfahren.  Es ist ein gewaltiger Aha-Erlebnis, eine Offenbarung erster Güte, der Moment, in dem alles so klar wird – aber dann doch auch sehr verwirrend und verstӧrend. Gott ist hier.

Und als ob die befremdliche Verwandlung Jesu nicht schon genug wӓre, erscheinen dann auch noch die wunderbaren und fast mythischen Gestalten aus lӓngst vergangenen Zeiten, Gestalten, die die lange und komplexe Geschichte Gottes und des Volkes Israel symbolisieren: Moses und Elia selbst, Reprӓsentaten von Gesetz und Prophetie. Die Geschichte Gottes mit seinem Volk ist noch lange nicht vorbei, sie ist nicht etwas, das wie in einem Mӓrchenbuch nachgelesen werden kann, nein: die Geschichte Gottes geht weiter, und sie geht weiter in und durch Jesus.  Gott ist hier.

Natürlich sind sie verstӧrt und verwirrt. Gott ist hier, und sie, die sie ja auch nur einfache und ungelehrte Fischer sind, sind in der unmittelbaren Gegenwart Gottes. Dies ist ein ganz besonderer Moment.  Ein wunderbarer, ein majestӓtischer, ein erhabener Moment – ein Moment, der auch die erhebt, die Zeugen werden.

Was würde heute wohl in solch einem Moment passieren?  Wӓren wir in der Situation dieser Jünger, würden wir wahrscheinlich unsere mobile Telefone Zücken, schnell, ein Foto machen, vielleicht sogar ein Selfie, mit Jesus und Moses und Elia im Hintergrund. Seht, ich war dabei!

Nun gab es damals natürlich noch keine solchen Apparate, und so muβ sich Petrus mit einer anderen Lӧsung begnügen, um diesen Moment irgendwie einzufangen: er will Hütten bauen, Denkmӓler, die dann für Generationen dieses grandiose Ereignis bezeugen.  Als ob Petrus dadurch sagen wollte: Seht, ich war dabei!

Und sein Verlangen ist nichts ungewӧhniches. Ungefӓhr 1000 Jahre vor ihm war es Kӧnig David, der, nachdem er die Feste Jerusalem eingenommen hatte, Gott ein Haus, einen Tempel bauen wollte, als ob er der Welt so zeigen wollte: Gott ist auf meiner Seite, Gott ist hier, und dies ist ein mӓchtiger Gott, ein starker Gott. Nun verwehrt Gott David seinen Wunsch, und erst Davids Sohn Salomon darf dann den Tempel bauen – ein gewaltiges und majestӓtisches Bauwerk, daβ ehreinflӧβend ist. Gott ist hier, und Gott ist mӓchtig und erhaben. Kein Wunder, daβ dann die Zerstӧrung dieses gewaltigen Tempels im Jahre 587 vor Christus durch die Babylonier so traumatisierend für das Volk Israel war: warum ist Gott nicht mehr bei uns? Wo finden wir Gott nun?

Die ersten christlichen Anhӓnger und Anhӓngerinnen  trafen sich in Wohnhӓusern und Synagogen, und das im gesamten rӧmischen Reich. Nur sehr wenige Gotteshӓuser, also Kirchengebӓude, wurden in den ersten Jahrhunderten n. Chr. gebaut, und diese waren klein und bescheiden. Doch als dann Kaiser Konstantin das Christentum im 5. Jahrhundert zur Reichsreligion machte, fing ein wahrer Bau Boom an. Gott ist hier, Gott ist mit uns, und Gott ist auf der Seite der Sieger, also laβt uns gewaltige, prachtvolle Gotteshӓuser bauen. Im Laufe der Zeit wurden dann immer grӧβere, immer kompliziertere Kirchen gebaut – Kirchenbauer waren fӓhig, immer gewagtere Strukturen zu errichten. Den Hӧhepunkt der Kirchenarchitektur finden wir dann im spӓten Mittelalter und in der Renaissance in Kirchenbauten gothischen Stils. Denken Sie da mal an den Kӧlner Dom, an Notre Dame in Paris, oder Westminster Abbey in London. Dies sind majestӓtische Bauten mit Türmen, die die Wolkenkratzer jener Periode sind; mit Decken, die in den Himmel reichen, mit massiven Türen und langen, eleganten Bleiglasfenstern; mit spitzen Bӧgen, mit imposanten Gewӧlben und freistehenden Strebepfeilern, mit Sӓulen und mit Hochaltӓren.  Und natürlich hatten all diese architektonischen Elemente die Funktion, den Blick himmelwӓrts zu lenken, und zur Ehre und Majestӓt Gottes. Eine dieser groβartigen Kathedralen zu besuchen, ist immer noch eie ehreinflӧβende Erfahrung.  Dies sind Strukturen, die einem majestӓtischen, allmӓchtigen, und siegreichem Gott gewidmet sind.

Es ist dann auch ganz leicht, Gott in solchen gewaltigen Kathedralen zu finden, wie an jedem majestӓtischen Ort, sei dieser in der Natur oder von Menschen geschaffen. Es ist so einfach, Gott zu erfahren, wenn es uns guttgeht, wenn wir in gehobener Stimmung sind, wann immer wir im glorreichen Lichte Gottes baden. Gerade wie es für Petrus, Jakobus und Johannes einfach ist, Gott dort auf der Bergspitze zu erfahren. Es ist einfach, Gottes Gegenwart in glorreichen Momenten zu spüren, wenn wir Loblieder singen, und die Orgel jubelt, und wir unsere Herzen zu Gott erheben.

Aber dann kommt da immer ein Zeitpunkt, wenn dieser groβartige, majestӓtische, leuchtenden Moment vorbeigeht. Nach dieser wunderbaren Vision auf dem Berg bleiben nur Petrus, Jakobus und Johannes übrig, mit einem wider normalisierten Jesus. Petrus ist es nicht gewӓhrt, seine Denkmӓler zu bauen; anstatt dessen ist er dazu berufen, Jesus zu folgen, zurück ins Tal zu gehen, und dann in Leiden und Tod. Sein Augenblick im Ruhm und der Majestӓt Gottes wӓhrt wirklich nur für einen Augenblick. Nach dem Gefühl der Erhebung folgt die Ernüchterung. Nach dieser glorreichen Epiphanias Saison mit all ihrer Symbolik von Licht und Erleuchtung folgt die Passionszeit. Auf Feuer folgt Asche.

Ja, Gott ist da, auf dem Berggipfel. Doch dürfen wir nicht vergessen, daβ Gott auf dem Berg den Ruhm Jesu Christi enthüllt; und Jesus Christus kam in die Welt als das fleischgewordenn Wort Gottes, das menschgewordenen Wort Gottes, um unter und mit den Menschen in all ihren Erfahrungen zu leben, den guten und den schlechten. Und dies ist vielleicht nicht ganz so einfach zu begreifen: daβ Gott auch in den niederen Ebenen dieser Welt und den niederen Momenten unseres Lebens zu finden ist, nicht als furchteinflӧβende Majestӓt, sondern als der Gott, der mit eigener Hand all unsere Trӓnen abwischt. Und dieser Gott benutzt unsere Hӓnde, um zu heilen und zu trӧsten, zu teilen und zu versӧhnen, und das Brot zu brechen mit den Hungrigen. Gottes Hӓnde sind am Ende weit ausgestreckt und all-umarmend, und von Nӓgeln durchbohrt.

Also ist es ein Ding, Gott in aller Majestӓt und Glanz in unseren Mountaintop Momenten zu erfahren; aber dann sind wir auch dazu berufen, diesen Gott in die Realitӓt unserer weltlichen Existenz zu tragen, und Gottes Licht und Glanz an allen Orten zu reflektieren, wo die Kreatur im Dunkeln wandelt. Wir sind dazu berufen, Botschafter des Gottes zu sein, der zu uns hinabsteigt, in die Tiefen unserer komplizierten, belasteten, manchmal schuldigen, und hӓufig schmerzhaften Existenz.

Gott wurde Mensch, und lebte in Fleisch und Blut.  Gott kam nicht als ein lebloses Gebӓude, als Statue, oder ein Denkmal. Natürlich ist es würdig und recht, daβ wir hier am Sonntag zusammenkommen, in diesem wunderschӧnen Gotteshaus, um Gottesdienst zu feiern, und für eine Weile im Glanz Gottes zu schwelgen, und unsere Mountaintop Momente zu haben. Doch ist dieses Gebӓude nicht das eigentliche Ziel unseres christlichen Lebens. Nein, es ist mehr eine Zwischenstation, eine Tankstelle, an der wir für das Leben und Wirken als Christen in den Niederungen dieser Welt aufladen.

Ich weiβ, es ist einfach und auch verführerisch, sich hinter diesen Kirchenmauern vor den Anforderungen und Herausforderungen dieser Welt zu verbergen – ist das nicht interessant, ‘verbergen’? – und ich denke, daβ Petrus dies versuchte, indem er die Denkmӓler, die Hütten, dort auf dem Berg bauen wollte, vielleicht mit dem Ziel, auch dort im Glanze Gottes zu bleiben. Doch sollten wir unsere Türen weit aufmachen, um hinauszugehen und auch hierher einzuladen.  Dieser Ort sollte ein spirituelles Durchgangslager sein, doch keine ewige Bleibe.

Schlieβlich sind wir der lebendige, atmende Leib Christi, und wir sind dazu berufen, Gottes Gegenwart in allen Lebenssituatonen und Lebensrӓumen zu sein, und das schlieβt die finstern Tӓler mit ein. Schlieβlich sind wir dazu berufen, Jesus Christus nachzufolgen. Von Freude zu Leid, von Gewiβheit zu Zeifel, vom Beschenktwerden zum Weitergeben, vom Leben zum Tode – und dann wieder zum Leben. Amen

 

 

 

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