‘Marmor, Stein und Eisen bricht, aber unsere Liebe nicht.‘ In der vergangenen Woche sind viele solcher Verse unter Liebespaaren ausgetauscht worden, denn es war mal wieder Valentinstag – und der wird ja gerade in diesem Lande fast religiӧs gefeiert. Und neben Versen gab es dann auch Blumen, Pralinen und romantische Abendessen and jenem Tage. Der Valentinstag ist nun einmal der ultimative Tag aller Liebenden. Und warum sollte man nicht einen Tag dazu bestimmen, an dem die Liebe gefeiert wird?

Aber viele scheinen vergessen zu haben, daβ der Valentinstag ursprünglich nur einer der zahlreichen Heiligentage auf dem Kirchenkalender war. Ja, es gab einen wirlichen Valentin – vielleicht sogar drei verschiedene – im dritten Jahrhundert. Es gibt einige Legenden, die die Figur des Valentin umranken, doch eine recht glaubhafte Geschichte erzӓhlt, daβ es einen Bischof Valentin im rӧmischen Reich gab, der sich den Anordnungen des Kaisers Claudius II widersetzte. Claudius hatte es allen jungen Mӓnnern verboten, sich zu verheiraten – er brauchte begeisterte Soldaten für seine Armeen, und Mӓnner, die sich nach ihren Frauen oder Familien sehnten, waren da nicht besonders geeignet. Junggesellen sind da die besseren Soldaten. Bischof Valentin, wie gesagt, widersetzte sich diesem Befehl und, mit einer gehӧrigen Portion zivilen Ungehorsams, fuhr fort, junge Paare zu verheiraten. Dies wurde als Verrat am Staat angesehen, und so wurde er zum Martyrer, als er hingerichtet wurde – und laut Legende geschah dies am 14. Februar, mӧglicherweise im Jahr 273.

Und so wurde Valentin zum Schutzpatron aller Liebenden. Des weiteren ist er auch der Schutzheilige der Imker und Reisenden und für Maladien wir die Pest, Epilepsie und Schwindelanfӓlle zustӓndig. Fragen Sie mich nicht nach der Verbindung hier…

Nun denken Leute beim Valentinstag hauptsӓchlich an einen Tag, an dem romantische Liebe gefeiert wird. Und so wird St. Valentin leicht zu einem Amos, der seine Pfeile verschieβt. Doch müssen wir uns daran erinnern, daβ Valentin ein Bischof war, und als solcher ein Nachfolger Christi, und als solcher ein Mensch, der tief in der Liebe und Gnade Gottes verwurzelt war. Valentin sah Gottes Liebe in aller weltlichen Liebe reflektiert. Und, wie wir wissen, geht Gottes Liebe weit über die romantische Liebe hinaus. Valentin wird so zum Botschafter nicht nur der romantischen Liebe, sondern einer Liebe, die soviel mehr ist.

Nun sind wir in unserer deutschen Sprache bezüglich des Liebesbegriffs etwas eingeschrӓnkt. Da gibt es nur dieses eine Wort, das wir dann genauer definieren müssen, je nachdem, welche Art Liebe wir beschreiben. Ich habe es schon einmal vor einer Weile erwӓhnt, doch in der griechischen Sprache, in der das Neue Testament seinerzeit verfaβt wurde, gibt es vier verschiedene Worte für ‚Liebe‘, jedenfalls soweit ich weiβ. Da gibt es Eros – unser Wort ‚erotisch‘stammt daher, es geht hier also um romantische Liebe, die hӓufig auch physische Attraktion mit einschlieβt. Beim Valentinstag, so, wie er heute vorherrschend begangen wird, geht es um diese Art Liebe, Eros.

Dann gibt es Philia. Philia ist eine freundliche Zuneigung, normalerweise unter Gleichgestellten. Dies ist die Liebe, die Freunde oder Mitglieder einer Familie füreinander haben. Brüderliche oder schwesterliche Liebe. Philia beschreibt die Art der Liebe, die Menschen füreinander haben, die entweder durch Blut oder Freundschaft miteinander verbunden sind.

Dann gibt es Storge. Storge ist eine natürliche Zuneigung, wie sie z.B. Eltern für ihre Kinder haben.

Und dann gibt es da noch Agape. Und dieses Wort finden wir wiederholt dort, wo im Neuen Testement von ‚Liebe‘ gesprochen wird; und dieses Wort, Sie haben sich das vielleicht schon gedacht, wird auch im griechischen Text des heutigen Evangeliums verwendet.  Hier spricht Jesus: ‚Liebt nicht nur eure Nӓchsten, eure Brüder und Schwestern, nicht nur die, die euch zurücklieben, nein, liebet eure Feinde und betet für sie.‘

Diese Worte Jesu zeigen uns, daβ es bei Agape um eine anstrengende, eine schwierige Art der Liebe geht. Agape überkommt uns nicht einfach, so wie Eros; Agape basiert nicht auf Zuneigung, wie Philia. Agape ist nicht natürlich, so wie Storge. Agape ist die Form der Liebe, die wir selbst jenen zeigen, die wir nicht mӧgen und mit denen wir keine offensichtliche Verbindung haben; Menschen auβerhalb der Kreise, in denen wir verkehren; Menschen, deren Taten oder Motivationen wir nicht verstehen oder sogar verurteilen. Und ich denke, wir haben da alle so unsere Pappenheimer, an die wir da denken. Agape ist die Art der Liebe, zu der wir uns beinahe zwingen müssen. Die Liebe, die wir dem Obdachlosen gegenüber zeigen, der uns durch seine Bettelei nervt. Die Liebe, die wir für jene haben, die eine absolut andere politische Meinung haben. Die Liebe für Fremde, die Liebe für Kriminelle, die Liebe für die, die unfreundlich sind. Vielleicht kӧnnten wir Agape als jene Art Liebe beschreiben, die tief und universal ist, die Verbindung, die wir mit Gottes gesamter Schӧpfung empfinden und erfahren, das Gefühl des Respekt für andere, weil sie, so wie auch wir, nach dem Bilde Gottes geschaffen wurden – weil sie, so wie wir, Tempel Gottes sind, in denen der Heilige Geist wohnt.

Nun muβ ich Ihnen vielleicht nicht sagen, daβ Agape in der Antike ein hehres Ideal war, nach dem man streben sollte, das aber auch als eigentlich unerreichbar erfahren wurde.

Nun ist dies die Art der Liebe, über die Jesus spricht. Und Jesus spricht über diese Art der Liebe in seiner Bergpredigt, seiner programmatischen Rede, in der es im Grunde um die christliche Gemeinschaft geht – die Gemeinschaft, die wir mit Gott und miteinander haben und bauen. Und das Herzstück dieser Gemeinschaft sind Gnade und Barmherzigkeit. Das Herzstück dieser Gemeinschaft ist die Fӓhigkeit, jemandem ins Gesicht zu schauen und Gott darin reflektiert zu sehen. Das Herzstück dieser Gemeinschaft ist die Würde, die, wie wir alle gelernt haben, unantastbar ist.

Und da wir gerade von Würde sprechen: darum geht es im ersten Teil des heutigen Evangeliums, wo Jesus darüber spricht, wie wir die andere Wange darbieten und die extra Meile gehen sollen. Wir mӧgen diese Worte einfach so verstehen, daβ wir eben etwas nettes für andere tun sollen, oder so auch unsere christliche Demut zeigen. Doch steckt soviel mehr hinter diesen Worten, und jene, die Jesus seinerzeit zuhӧrten, verstanden dies.

Hier zum Gebrauch der Hӓnde in Jesu Umwelt: die linke Hand war die unreine Hand, da sie eben auf der Latrine zur Sӓuberung benutzt wurde. Diese Hand wurde also normalerweise nicht zu anderen Zwecken benutzt. Wenn jemand also jemand anderes schlug, dann geschah das mit der rechten Hand. Wenn Sie also jemand mit der rechten Hand auf die rechte Wange schlӓgt, so geschieht das mit der Rückeite der Hand. So wird jemand geschlagen, der ein Untergebener oder Unterlegener ist. Diese Geste ist dazu gedacht, jemanden zu degradieren und zu erniedrigen. Was passiert, wenn Sie die andere, die linke, Wange hinhalten? Der, der schlӓgt, muβ nun die Handflӓche benutzen. Ein Ebenbürtiger würde so geschlagen. Wenn man also die linke Wange hinhӓlt, dann ist das eine subversive Art, den Gegner dazu zu zwingen, einen mit Würde zu behandeln, als einen Mitmenschen.

Wenn jemand im Gericht angeklagt wird und weiter nichts zu geben hat als seinen Rock, also sein Untergewand, dann heiβt das, daβ dieser Mensch arm ist. Wenn solch ein Mensch dann auch seinen Mantel hingibt, seinen Umhang, also das letzte Stück an Kleidung, das er besitzt und in das er sich hüllen kӧnnte, so wie Jesus es rӓt, dann steht solch ein Mensch nackt vor dem Klӓger und dem Gericht. Dies ist schӓndlich, und zwar nicht nur für den Angeklagten – aber der ist ja eh schon geschӓndet – , sondern auch den Klӓger und das Gericht. Die Hingabe des allerletzten Kleidungsstückes hӓlt denen einen Spiegel vor, die unbarmherzig einem Gesetz folgen, das es zulӓβt, daβ den Armen auch der letzte magere Besitz, buchstӓblich das letzte Hemd, und somit auch die Würde genommen wird.

Ein rӧmischer Soldat konnte es von einem Juden verlangen, daβ er eine Meile mit ihm geht und seine Last trӓgt. Dies war das Privileg der Besatzungsmacht gegenüber den Unterworfenen. Doch nur eine Meile – ein Soldat würde es gar nicht wollen, daβ jemand eine zweite Meile mit ihm geht, denn das kӧnnte ihn in Schwierigkeiten mit seinen Obrigen bringen, und er kӧnnte dafür bestraft werden. Wenn also ein Soldat in eine Situation geriete, in der jemand freiwillig eine zweite Meile mit ihm geht, dann müβte er sich mit seinem Pivileg auseinandersetzen und kӧnnte es nicht nur gedankenlos als selbsverstӓndlich hinnehmen. Und vielleicht würde solch ein Soldat in der Zukunft zweimal darüber nachdenken, ob er jemanden dazu zwingt, eine Meile mit ihm zu gehen.

Dies ist subversive und provokativ. Aber letztlich geht es bei alldem um die Anerkennung der menschlichen Würde. Jesus will, daβ Menschen ihre Nӓchsten als Mitmenschen anerkennen, als ebenbürtig. Jesus will, daβ sich die Menschen in Agape üben, in dieser schwierigen, fast unmӧglichen Liebe, die uns dazu führt, daβ wir mitmenschlich mit anderen umgehen, anstelle sie zu kategorisieren, zu degradieren und sie damit auch ein Stück weit unmenschlich zu machen. Und somit hӓlt Christus uns auch heute noch den Spiegel vor, denn das ist, was wir immer noch gedankenlos machen, vielleicht sogar mehr denn je im derzeitigen politischen Klima: Menschen zu kategorisieren und sie als illegal oder konservativ oder liberal  or als religiӧse Fanatiker zu bezeichnen und ihnen so ihre Menschlichkeit zu nehmen. Denn wenn wir das tun, dann sehen wir nur eine anonyme Masse, anstelle jemandem in Gesicht zu sehen, und nehmen ihnen so auch ihre Würde.

Und, nur als Randbemerkung, der Gebrauch der sozialen Medien hilft da nicht besonders: wir kommunizieren virtuell, wir müssen niemandem mehr ins Gesicht sehen, und es ist so viel einfacher, jemanden über den Cyber Space zu schmӓhen und zu verletzen, als ihm dabei ins Auge zu schauen.

Und, so paradox, wie es auch erscheinen mag, lieben wir unsere Nӓchsten wahrlich, nicht, wenn wir sie im Namen der Liebe über uns hinwegtrampeln lassen, sondern wenn wir ihnen den Spiegel vorhalten, der ihr Verhalten reflektiert; wenn wir sie dazu bringen, innezuhalten und über ihr Verhalten nachzudenken, wenn wir sie dazu anregen, mit Barmherzigkeit zu handeln anstelle von Verachtung, wenn wir ihnen die Chance geben, vollkommen in der Liebe zu sein, so wie der Vater im Himmel vollkommen in seiner Liebe zu aller Kreatur ist. Und die Kehrseite ist dann natürlich auch, daβ wir als Nӓchste wahrlich geliebt werden, wenn uns ein Spiegel vorgehalten wird, der unser Verhalten reflektiert und uns dazu herausfordert, mit Barmherzigkeit zu handeln; wenn uns die Chance gegeben wird, vollkommen zu sein, wie der himmlische Vater vollkommen ist. Wir üben uns in Agape, wenn wir uns gegenseitig zur Verantwortung ziehen, und zwar mit Respekt und Mitgefühl, als Mit-menschen.

Nun gebe ich zu, daβ es weitaus einfacher ist, einem geliebten Menschen ein Liebesgedicht zu zitieren und ihm Blumen und Pralinen zu schenken. Und so liebevoll solch eine Geste auch ist, sie ist nicht weltbewegend. Weltbewegend ist etwas anderes: Denken Sie nur einmal daran, was Gott tat, um Gottes Liebe der Welt zu demonstrieren: der Sohn wurde bloβgestellt, erniedrigt, angeklagt und verurteilt, Christus muβte all dies erdulden und leiden, doch selbst Pontius Pilatus muβte ihm ins Gesicht schauen und die Würde dieses Mannes anerkennen und sogar ausrufen: ‚Ecce Homo!  Seht, welch ein Mensch!‘ Christus starb am Kreuz,er hӓlt damit uns allen einen Spiegel vor und zwingt uns, über unser Verhalten nachzudenken. Und als er so am Kreuz starb, wurde die ganze Welt dazu angehalten, zuzuschauen und diesen Menschen zu sehen, Gottes Auserwӓhlten, Gott selbst. Eine schwierigere und wunderbarere Liebe gibt es wohl kaum.

Doch diese Liebe hat die Kraft, uns und die Welt zu verwandeln. Wir sind dazu berufen, diese Liebe, Gottes Liebe, zu reflektieren und in der Welt zu zeigen. Diese Liebe definiert das Reich Gottes, das Himmelreich, in dem es keine Unterschiede und Zerspaltungen mehr unter den Menschen gibt.

Gott segne also die Liebe. Gott segne alle, die diese schwierige und manchmal unmӧglich scheinende – und doch so erfüllende – Aufgabe des Liebens auf sich nehmen. Gott sege Sie und Euch, geliebte Kinder Gottes – Euch, die Ihr Gott und alles, was Gott geschaffen hat, liebt.