‚Da stand Abraham früh am Morgen auf und nahm Brot und einen Schlauch mit Wasser und legte es Hagar auf die Schulter, dazu den Knaben, und schickte sie fort. Da zog sie hin und irrte in der Wüste umher bei Beerscheba. Als nun das Wasser in dem Schlauch ausgegangen war, warf sie den Knaben unter einen Strauch und ging hin und setzte sich gegenüber von ferne, einen Bogenschuss weit; denn sie sprach: Ich kann nicht ansehen des Knaben Sterben. Und sie setzte sich gegenüber und erhob ihre Stimme und weinte. Da erhörte Gott die Stimme des Knaben. Und der Engel Gottes rief Hagar vom Himmel her und sprach zu ihr: Was ist dir, Hagar? Fürchte dich nicht; denn Gott hat gehört die Stimme des Knaben dort, wo er liegt. Steh auf, nimm den Knaben und führe ihn an deiner Hand; denn ich will ihn zum groβen Volk machen. Und Gott tat ihr die Augen auf, dass sie einen Wasserbrunnen sah. Da ging sie hin und füllte den Schlauch mit Wasser und gab dem Knaben zu trinken.  1. Mose 21: 14-18

 

Ich denke, wir kennen alle den Ausdruck, ‘jemanden in die Wüste schicken‘. Wir würden ja manchmal ganz gerne jemanden aus unserem Leben verbannen, der oder die uns nervt oder uns verletzt hat. Und dann wünchen wir uns nicht, daβ sie irgendwohin verschwinden (obwohl wir als Alternative noch den Ort haben, ‚an dem der Pfeffer wӓchst‘), nein, sondern an einen wüsten Ort, von dem es hoffentlich keine Rückkehr gibt.

Nun ist dies zugegebenermaβen keine nette Redensart. Doch sagen wir ja auch meistens: ‚Den/die würde ich gerne in die Wüste schicken.‘ Wir drücken also einen Wunsch aus, der mehr über unsere Gefühle aussagt als über die Konsequenzen. In meinem Leben gab es schon so einige Mitmenschen, die ich liebendgerne in die Wüste geschickt hӓtte. Aber dann blieb es auch meistens bei dem Wunsch…

In den Geschichten der biblischen Patriarchen im 1. Buch Mose werden Leute andauernd in die Wüste geschickt, und zwar im Ernst und ganz wörtlich. Da gibt es viele Geschichten, in denen Menschen miteinander ringen und streiten – da gibt es Intrigen, Verrat, Drama, Liebe, Haβ und Eifersucht. Da gibt es Rivalitӓt. Und eine der bittersten Rivalitӓten besteht zwischen Sara, Frau des Abraham, und Hagar, ihrer ӓgyptischen Magd. Und wie kommt es dazu?

Sara und Abraham sind alt und kinderlos, obwohl Gott es Abraham versprochen hat, aus ihn ein zahlreiches Volk zu machen. Sara wird ungeduldig und überzeugt Abraham, doch mit Hagar zu schlafen, um ein Kind mit ihr zu zeugen. Dieses Kind würde dann als Saras Kind geboren und aufgezogen werden – als rechtlicher Erbe.

Und so passiert’s. Hagar wird schwanger, doch da geht es so richtig los mit den Zankereien: Hagar wird gegenüber Sara überheblich, und Sara mag das gar nicht. Sara behandelt Hagar übel und treibt sie somit quasi aus der Sippe hinaus: in die Wüste.

Nun greift Gott aber ein, rettet Hagar und ihr ungeborenes Kind, und schickt sie wieder zurück. Ismael wird geboren – aber die Rivalitӓt zwischen den beiden Frauen geht weiter.

Nach einigen Jahren wird dann endlich Isaak geboren. Sara ist endlich Mutter. Nun gibt es keinen Grund mehr, Ismael als möglichen Erben zu betrachten. Sara redet auf Abraham ein, daβ er doch Hagar und Ismael in die Wüste schicken soll – und letztlich gibt Abraham nach, auch, wenn es ihm nicht gefӓllt. Dies ist im Grunde ein Todesurteil für Hagar und Ismael: die Wüste wird nicht umsonst so genannt. Eine unbewaffnete Frau mit einem Kind ist ein leichtes Opfer für wilde Tiere und auch feindliche Menschen. Doch auch ohne diese Gafahren würde den beiden letztlich das kostbare Trinkwasser ausgehen. Und Wasser ist in der Wüste knapp; die wenigen kostbaren Quellen, die es gibt, werden, wenn es sein muβ, gewalttӓtig von den Stӓmmen verteidigt, die die Kontrolle über diese Quellen haben.

Als nun Hagar das Wasser ausgeht, das sie von Abraham bekommen hat, erwartet sie, daβ sie und ihr Kind nun sterben müssen. Doch Gott greift erneut ein. Nachdem er sein Versprechen erneuert hat, daβ auch aus Ismael ein zahlreiches Volk hervorgehen soll, öffnet er Hagar die Augen – und sie findet eine Quelle in der Wüste. Das ist schon ein Wunder. Hagar und Ismael überleben. Sie bleiben in der Wüste und bauen sich dort ein neues Leben mit Gottes Hilfe und Beistand auf.

Manchmal würden wir gerne jemanden in die Wüste schicken. Die Kehrseite ist, daβ es da auch jene gibt, die unserer überdrüssig sind und uns gerne in die Wüste schicken würden, am liebsten auf Nimmerwiedersehen. Und vielleicht haben wir es ja auch schon erlebt, daβ uns jemand in tatsӓchlich (im übertragegen Sinne) in die Wüste geschickt und uns von Menschen oder Mitteln abgeschottet hat – vielleicht nach einer Trennung oder Scheidung. Oder auch nach dem Tod eines Menschen, wenn dann die Überlebenden um das Vermӓchtnis kӓmpfen und jemand auf der Strecke bleibt.

Wir mögen uns manchmal in wüsten Zeiten oder an wüsten Orten in unserem Leben befinden. Aber ich hoffe, daβ wir dann das Wunder einer unerwarteten Quelle in der Wüste erleben. Ich hoffe, daβ dann unsere Augen für das geöffnet werden, was uns erhӓlt uns neues Leben gibt. Mögen wir Gottes Gegenwart in allen Wüsten unseres Lebens erfahren – und auch erfahren, daβ Gott uns mit lebendigem Wasser versorgt, egal, wo wir sind.