Letzte Woche war ich in einen Autounfall verwickelt. Ich fuhr von San Franicsco auf der 24 nach Hause. Kurz vor dem Caldecott Tunnel war Stau. Ich stoppte und wartete darauf, dass sich der Verkehr wieder in Bewegung setzt, als mir plötzlich – bam! – jemand mit voller Wucht hintendrauf fuhr.
Was besonders frustrierend ist: die Person, die auf mich drauffuhr, machte sich dann aus dem Staub. Highway Patrol war dann ganz schnell da und hat den Unfall aufgenommen. Hoffentlich finden sie den Schuldigen! Ich erlitt ein Schleudertrauma und ein paar blaue Flecken, aber zum Glück ist mir weiter nichts passiert. Mein Auto? Totalschaden. Wie ich schon sagte, alles sehr frustrierend.
Nun lebe – und fahre – ich bereits seit mehr als 22 Jahren hier in der San Francisco Bay Area. In all den Jahren war ich nur zweimal in einen Unfall verwickelt – letzte Woche, und dann vor ungefährt 4 Jahren, als mir auch jeamnd hintendrauf fuhr.
Wenn man es so bedenkt, dann ist das Autofahren doch recht sicher. Millionen von Autos fahren jeden Tag in der Bay Area – ungefähr eine halbe Million Autos fahren allein jeden Tag nach San Francisco hinein. Und, ja, es gibt täglich auch Unfälle, doch wenn man bedenkt, wieviele Leute auf der Strasse fahren, ist die Unfallquote doch recht niedrig. Und es gibt schon Gründe dafür. Was denken Sie?
Nun, es gibt Regeln und Gesetze zum Strassenverkehr. Stellen Sie sich einmal vor, die gäbe es nicht, und jeder würde im Strassenverkehr machen, was er wollte. Das wäre ein totales Chaos, und gefährlich noch dazu. Aber, nein, bevor man hier Auto fahren kann, braucht man einen Führerschein, und um den Führerschein zu bekommen, muss man einen Test bestehen, und um den Test zu bestehen, muss man die Regeln kennen. Und das ist natürlich wichtig, so dass niemandem Schaden zugefügt wird. Macht Sinn, oder?
Im Allgemeinen sorgen Regeln und Gesetze dafür, dass unser Leben als Gesellschaft geregelt ist – so, dass wir zusammenleben können, und auch zusammen gedeihen. Dass wir geschützt sind. Als Mitglieder einer demokratischen Gesellschaft sollten wir daruaf achten, dass Gesetze nicht gebrochen werden – oder auch verdreht werden; Reiche und Mächtige verdrehen die Gesetze gerne zu ihren Gunsten, und mit dem richtigen Anwalt geht alles. Nein, wir müssen darauf achten, dass alle vom Gesetz geschützt werden und dass Justizia mehr oder weniger blind bleibt.
Nun sind Regeln und Gesetze natürlich manchmal nervig. Warum soll ich mich an das Tempolimit halten, wenn die Strasse doch ganz leer ist? Warum halte ich in der Mitte der Nacht an einer roten Ampel an? Aber dann wissen wir natürlich auch alle, dass das Gemeinwohl höher einzuschätzen ist als mein persönliches Verlangen. Und Vorsicht ist besser als Nachsicht.
Fast alle unserer heutigen Lesungen haben mit Regeln zu tun. In der Lesung aus dem Buch Deuteronomium steht das Volk Israel ganz kurz davor, ins gelobte Land einzuziehen – und zwar nach Befreiung von jahrhundertelanger Sklaverei in Ӓgypten und 40 Jahren in der Wüste. Die Schar weiss eben gar nicht, wie man so als angesiedeltes Volk lebt, wie denn auch? Also gibt Gott ihnen Regeln und Gesetze – und zwar nicht nur die 10 Gebote, die natürlich der Grundstock aller Regeln sind, sondern 613 Gesetze, die so ziemlich jeden Lebensbereich regeln, vom Privatleben über das Wirtschaftliche bis hin zum Religiösen. Diese Gesetze sind dazu bestimmt, dass das Leben in Gesellschaft und als Gesellschaft unter der Führung Gottes klappt.
Und so kann Gott in der heutigen Lesung aus Deuteronomium dem Volk Israel sagen: “Siehe, ich lege dir heute das Leben und das Gute vor, den Tod und das Böse. Dies ist’s, was ich dir heute gebiete: dass du den Herrn, deinen Gott, liebst und wandelst in seinen Wegen und seine Gebote, Gesetze und Rechte hältst, so wirst du leben und dich mehren, und der Herr, dein Gott, wird dich segnen in dem Lande, in das du ziehst, es einzunehmen.” Kurz gesagt: folgt den Regeln, ihr Leute des Volkes Israel, und ihr werdet leben – als Gemeinschaft – und gesegnet sein.
Und der heutige Psalm nimmt diesen Gedanken auf: “Wohl denen, die im Gesetz des Herrn wandeln!” Gottes Regeln, Gottes Gesetz, haben schon ihren Grund, und so sollten wir uns bemühen, ihnen zu folgen – um Gottes Willen, um des Lebens willen, um des gemeinsamen Lebens willen.
Im heutigen Evangelium betont auch Jesus, wie wichtig die Gesetze für ein Leben in Gemeinschaft sind. Die hetuige Evangeliumslesung ist ein Teil der Bergpredigt, also der ersten grossen öffentlichen Rede, die Jesus kurz nach Beginn seiner Mission hŐlt. Ich hatte ja schon letzte Woche gesagt, dass die Bergpredigt wie eine Regierungserklärung ist – so soll es sein, so wird es sein im Reich Gottes. Selbst im Reich Gottes gibt es Regeln, die den Kindern Gottes dabei helfen, zusammenleben.
Und Jesus macht die alten Gesetze nicht lascher, sondern verlangt noch mehr: es geht nicht nur darum, sich nicht gegenseitig umzubringen, sondern auch um Vergebung, wenn man eine Auseinandersetzung hat. Es geht nicht nur darum, den Lebenspartner oder die Lebenspartenrin nicht zu betrügen, sondern auch darum, gar nicht erst jemand anderes zu begehren. Gebt eurer Frau keinen Scheidebrief, wenn sie euch nicht mehr passt, denn das bedeutet ein Leben in Schande und ohne Schutz für sie – sondern versucht, allen ein ehrenhaftes Leben zu ermöglichen. Es geht nicht nur darum, nicht auf den Namen des Herrn zu schwören und vor Gott einen Eid zu halten, sondern darum, bei nichts zu schwören und in allem klar die Wahrheit sagen.
Das ist schon eine besondere Herausforderung – eben noch einen Schritt weiter zu gehen, als es die Gebote verlangen, und zwar um der Liebe zu Gott und der Liebe zum Nächsten willen.
Was Jesus hier im Grunde genommen sagt, ist, dass Gottes Gebote nicht nur als ein notwendiges Übel angesehen werden sollen, etwas, was man mehr oder minder widerwillig tut, weil man es eben muss – nein, wir sollen die Gebote Gottes als etwas verstehen, was letzlich aus dem Herzen kommt. Wir sollen uns bemühen, die Regeln und Gesetze im Licht der Liebe zum Nächsten und in der Sorge um dem Nächsten interpretieren. Da geht es um Barmherzigkeit. Das ist alles andere als einfach. Und das verlangt natürlich nach einem Herzenswandel, nach Umkehr, nach Buβe, wie die Bibel so schön sagt. So wird das Gesetz nicht nur etwas, dem wir folgen, sondern zu etwas, das wir ganz selbstverständlich und aus freiem Willen, freiem Herzen, tun.
Nehmen wir da doch noch einmal die Verkehrsregeln als ein Beispiel: Ich folge den Verkehrsregeln eben nicht nur, weil ich es muss. Nein, ich möchte nicht, dass jemand verletzt oder gar getötet wird. Es kümmert mich um meine Nächsten, denen ich im Verkehr begegne – auch, wenn ich sie manchmal ob ihrer Verhaltensweise verfluche. Liebe für und Sorge um den Nächsten sind meine Hauptmotivation, den Verkehrsregeln zu folgen.
Nun sollen wir Jesus zufolge jedes Gesetz der Torah eben so behandeln. Uns eben nicht auf das Gesetz an sich zu konzentrieren, sondern auf die, die dieses Gesetz betrifft – unsere Nächsten, unsere Mitmenschen – aber auch aller Kreatur, die Gott so liebevoll geschaffen hat. Denn das steht hinter den Geboten Gottes: Gottes Liebe für und Sorge um alle.
Gott gibt uns Regeln, nach denen wir leben sollen, uns zwar nicht, um es uns schwer zu machen oder unser Leben zu kontrollieren, sondern uns zum Vorteil und zum Nutzen. Regeln, Gebote und Gesetze sind uns gegeben, so daβ wir als Menschen miteinander klarkommen – so daβ wir unsere Selbstsucht überwinden und uns auf das Gemeinwohl konzentrieren. Und auch, wenn es zunӓchst nicht so scheint, so kommt uns das Gemeinwohl am Ende wieder zugute. Denn eine Gemeinschaft, die gut funktioniert, eine Gemeinschaft, in der sich Menschen umeinander kümmern, eine Gemeinschaft, in der mich meine Nӓchsten kümmern, da wird sich auch um mich gekümmert. Da finden wir Liebe und Akzeptanz. Da erhaschen wir einen Blick auf das Reich Gottes mitten unter uns.
Und im Grunde genommen sind Jesu Gebote darauf aus, daβ wir einander mit mehr Barmherzigkeit behandeln. Und das tut, gerade in der heutigen Zeit, Not.
‘Live for yourself, and you will live in vain; live for others, and you will live again’ – Leb für dich selbst, und du lebst vergenbens; leb für andere, und du wirst erneut leben. Dieses Zitat aus Bob Marleys Lied ‘Pass it on’, ‘Gib es weiter’, faβt im Grunde genommen den Sinn der Gebote Gottes zusammen – sie ermӧglichen es uns, miteinander und füreinander zu leben, und führen uns zum Leben in aller Fülle, zum ewigen Leben.
In alledem ist es nur recht und würdig, daβ wir uns daran erinnern, daβ Gottes Gebote in Gottes Verheiβung von Gnade und Leben eingebettet sind. Es ist recht und würdig, daβ wir uns daran erinnern, daβ Gottes Gesetze und Gebote in Gottes Bestӓtigung eingebettet sind: Du, Mensch, liegst mir am Herzen – so wie auch die gesamte Kreatur.
Und weil wir von Gottes Liebe umfangen sind, kӧnnen wir uns sicher sein und auch Mut haben: den Mut, Gottes Herausforderung anzunehmen und danach zu streben, unser Leben und damit das Leben anderer zu verbessern; das Potential auszuschӧpfen, das Gott in uns allen erkennt. Den Mut, Gottes Traum einer Gemeinschaft zu leben, in der niemand dem anderen Leid zufügt – und niemand Leid erfӓhrt – eine Gemeinschaft, in der die Menschen, in der wir, nicht ineinander verkrümmt sind, sondern dem Nӓchsten die Hand reichen – eine Gemeinschaft, die das ewige Himmelreich schon hier und jetzt widerspiegelt. Dies ist Gottes Vision. Dies ist unsere Berufung.

Foto von Luis Feirrera via unsplash.com

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