Wochenreflektion in der Passionszeit “Im Schatten des Kreuzes”; 3. März 2015

cross ground zero

 

“Christus ist euch gegenüber nicht schwach, sondern ist mächtig unter euch. Denn wenn er auch gekrauzigt worden ist in Schwachheit, so lebt er doch in der Kraft Gottes.“

  1. Korinther 13:3b-4a, Lutherbibel

Das Bild, das Sie sehen, ist um die Welt gegangen. Nach der Zerstörung des World Trade Centers in New York am 11. September 2001 wurden diese Strebepfeiler in der From eines Kreuzes inmitten der Trümmer und des Chaos gefunden. Nun haben viele Christen diese Strebepfeiler als ein Zeichen Gottes interpretiert, das von Gott selbst in den Ruinen hinterlassen wurde. Andere, und ich schließe mich da mit ein, denken, daß diese Strebepfeiler zufällig in der Form eines Kreuzes hier zu Fall kamen. Aber ist dies wichtig? Wir sehen das Kreuz – und dies ist von Bedeutung. Es ist das Symbol des Kreuzes, und alles, für das es steht, welches jenen Kraft gab, die die traurige und schreckliche Aufgabe hatten, die Trümmer aufzuräumen. Ob nun von Gott selbst hier gelassen oder auch nicht, viele, die das Kreuz sahen, wurden an das Leiden Gottes erinnert – aber auch Gottes Macht. Dieses Kreuz gab vielen Hoffnung. Die rettende Gnade Gottes wurde so in den Trümmern erfahren.

Die Strebepfeiler wurden zuerst von einem Arbeiter entdeckt, der nach einem Tag der Suche nach Überlebenden und sterblichen Überresten von Opfern einfach eine Pause brauchte und sich von der Suchgruppe absetzte. Dieser Mann berichtete, wie er psychisch zusammenbrach und seinen Tränen freien Lauf ließ, als er das Kreuz sah, und wie ihm diese Entdeckung half, seine fürchterliche Arbeit fortzusetzen. In gleicher Weise symbolisierte das Kreuz vielen weiteren die Hoffnung auf Gott, welches die Kraft hat, unsere Wirklichkeit zu transzendieren und zu transformieren.

Das Kreuz in den Trümmern des World Trade Centers verkündet Hoffnung, und von Gottes Sieg über Haß und Tod. Doch dann gibt es da noch einen weiteren Aspekt des Kreuzes, der häufig von der Gesellschaft übersehen wird – den Aspekt von Vergebung und Versöhnung. Gott starb für die gefallene Menschheit. Gott starb für uns. Der Tod Christi am Kreuz ist nicht nur ein zufälliges und sinnloses Ereignis, nein: Christus litt für uns, und leidet noch immer mit uns, in Solidarität mit unserer menschlichen Schwachhheit, und um uns wieder zu Gott zurückzuführen.

Wenn wir das Kreuz anscheuen, das in den Ruinen des World Trade Center gefunden wurde, werden wir daran erinnert, daß wir Vergebung und Versöhnung nicht nur von Gott empfangen, sondern daß auch wir dazu aufgerufen sind, zu vergeben und uns zu versöhnen. Gott hat einen immensen, unfaßbaren Preis bezahlt, um uns von Schuld und Sünde zu befreien, und uns wahres Leben zu schenken. Wenn wir anderen vergeben, so machen wir nicht nur die frei, die in unserer Schuld stehen, sondern wir befreien uns selbst von Bitterkeit, Groll und Haß – all dies sind Emotionen, die in uns wire in Krebs wachsen, und uns davon abhalten, das Leben jetzt in all seiner Fülle zu leben, da wir in der Vergangenheit gefangen sind.

Was am 11. September passierte, ist abscheulich und traumatisch. Es wäre so einfach, unsere Wut und unseren Haß gegen die Terroristen – und unsere Furcht vor denen, die wie sie aussehen – auf immer und ewig mit uns herumzuschleppen. Doch sollten wir uns daran erinnern, daß wir niemals aus blindem Haß und Furcht handeln sollten. Wir sind dazu berufen, den Haß hinter uns zu lassen, so daß wir die Fülle des Lebens leben können.

In der Reflektion der letzten Woche lud ich Sie ein, einen Stein, der all Ihre Lasten und Leiden symbolisiert, am Fuße des Kreuzes niederzulegen. Diese Woche lade ich Sie ein, einen weiteren Stein am abzulegen – diese Woche symbolisiert dieser unseren Groll und unsere Bitterkeit. Beten Sie, daß Sie vergeben mögen, wie Ihnen vergeben worden ist. Ergeben Sie sich der Macht Gottes, die Leben gibt – anstatt sich Gefühlen zu ergeben, die uns krank machen, und uns erschöpfen.

Und mögo Gott uns segnen, da wir den Weg im Schatten des Kreuzes weitergehen.