candle

 

Hier in den USA ist es eine Tradition: Thanksgiving ist kaum vorbei, und schon kramen die Leute hier in ihren Garagen und auf Dachbӧden nach den Weihnachtsdekorationen und -lichtern. Nun sind die Deutschen ja beim Schmücken eher dezent, aber hier gibt es teilweise bombastische und recht grelle Dekorationen: aufblasbare und beleuchtete Santas und Schneemӓnner in den Vorgӓrten, Rentiere aus Lichterketten, und dann all die blinkenden Sterne und Lichter. Gibt es hier jemanden, der so extravagant zu Weihnachten dekoriert?

 

Manchmal frage ich mich, wie die Leute nachts überhaupt schlafen kӧnnen mit all den hellen und bunten Lichtern, die die Dunkelheit vertreiben. Aber vielleicht ist das ja auch der Zweck der Lichter: wenn die Nӓchte lӓnger werden und die Dunkelheit uns umfӓngt, dann sehnen wir uns nach Licht und Heiterkeit.

 

Die Dunkelheit macht vielen Angst. Und es sind nicht nur kleine Kinder, die die Dunkelheit fürchten; viele ӓltere Leute fahren nicht mehr so gerne Auto nach Anbruch der Dunkelheit. Wӓhrend der dunklen Jahreszeit steigt die Zahl der Meschen, die an Depressionen leiden, an. Im Dunkeln gehen die Menschen, und vor allem Frauen, nicht gerne alleine auf die Straβe. Wir wissen eben nicht, was da im Dunkeln auf uns lauert. Die Dunkelheit gibt denen Schutz, die nicht gesehen werden mӧchten oder die hoffen, daβ niemand ihnen auf die Schliche kommt. Jesus benutzt dieses Bild im heutigen Evangelium: er wird kommen wie ein Dieb in der Nacht. Das ist schon beunruhigend und soll es wohl auch sein. Jesu Lehren sind nicht unbedingt immer einfach.

 

Nun ist das Unbehagen vor der Dunkelheit so alt wie die Menschheit. Schon in prӓhistorischen Zeiten lieβen die Menschen nachts ein Feuer brennen – zum einen, um wilde Tiere zu verscheuchen, also als Schutz, doch dann auch als Wӓrmequelle und als Trost. Sehr schnell wurde das Licht auch zum Symbol der Hoffnung: einige germanischen Stӓmme machten ein Ritual daraus, ein Feuer mit einem Nadelbaum um die Zeit der Wintersonnenwende zu machen – um das Kommen lӓngerer Tage und damit auch das Kommen neuen Lebens zu symbolisieren. Und diese Nadelbӓume sind die Vorfahren unseres Tannenbaums, den wir zwar nicht mehr verbrennen, doch mit vielen Lichtlein auch heute noch leuchten lassen.

 

Wir zünden Kerzen wӓhrend des Advents an, also der Zeit, die auch die dunkelste des Jahres ist; und das Licht der Kerzen wird heller, je dunkler die Tage werden: erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, wie das Adventgedicht sagt. Unsere Brüder und Schwestern jüdischen Glaubens zünden in derselben dunlen Jahreszeit Kerzen an, wӓhrend sie auf den langersehnten Messias wӓhrend des Hannuka Festivals hoffen. Und selbst der neuere Feiertag im Winter, Kwanzaa, wird mit dem Entzünden von Kerzen begangen, die die Hoffnung auf eine Befreiung von Unterdrückung und Unrecht ausdrücken.

 

Wir alle haben Hoffnung in dunklen Zeiten bitter nӧtig. Wir brauchen ein Licht, das unsere Ängste vertreibt, die Angst davor, daβ wir nicht sehen oder wissen kӧnnen, was uns womӧglich passiert. Wir brauchen Hoffnung in Zeiten wie diesen, da viele darum bangen, was wohl mit diesem Land und mit der Welt geschehen wird; da gibt es einfach zuviele Ungewiβheit über den Kurs der neuen Regierung.

 

Licht. Hoffnung.

 

Es ist kein Zufall, daβ Gott immer wieder in der Bibel als ein Gott des Lichtes bezeichnet wird. Gleich am Anfang der Bibel lesen wir, wie Gott als allererstes das Licht erschafft: Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Licht ist Freude, Licht schafft Einsicht, Licht ist die Grundvoraussetzung zum Leben.

 

In der heutigen Lesung zu Jesaja haben wir die wunderbare Vision von Reich Gottes, einem Reich, in der alle Vӧlker dieser Erde versӧhnt und in Frieden miteinander leben. Und diese Vision schlieβt mit der Ermunterung: Kommt nun, ihr vom Hause Jakob, laβt uns wandeln im Licht des Herrn! Und diese Vision wird ganz am Ende der Bibel, im Buch der Offenbarung, wieder aufgegriffen, in der Vision vom neuen Jerusalem, in dem alle Vӧlker der Erde Gott anbeten, und wo keine Sonne, kein Mond, keine Lampen mehr gebraucht werden, denn Gott selbst ist das Licht, das ewige Licht.

 

Die Menschen, die die Worte der Bibel niederschrieben, wuβten, daβ es ohne Gott nur Dunkelheit gibt. Da gibt es soviele Stellen, die vom Sehnen der Menschen nach Gottes Kommen oder des Kommens des Messias in diese Welt sprechen, eine Welt, die oft sehr dunkel ist, mit Mühe und Plage und Kӓmpfen und Unterdrückung und Tod. Diese Sehnsucht nach Gott wird oft als die Hoffnung auf einen neuen Morgen mit dem Aufgang des neuen Lichtes ausgedrückt – so daβ das Dunkel dieser Welt besiegt werde. Und so überrascht es auch nicht, daβ soviele unserer Adventslieder vom Licht sprechen, daβ nun in die Welt kommt.

 

Der Apostel Paulus erfuhr ganz direkt, was es bedeutet, in einer Welt zu leben, die unvollkommen ist, einer Welt, in der es Verfolgung und Unrecht gibt. Dies ist nicht nur ein modernes oder post-modernes Phӓnomen. Gemӓβ Paulus ist die Welt in den Fӓngen des Bӧsen und des Dunklen, und er selbst wartet und hofft auf Christi Wiederkommen mit Leidenschaft. Und, ja, er wartet auf das Kommen des ewigen Lichtes in diese Welt; doch gleichzeitig macht er auch klar, daβ alle, die Christus nachfolgen, einen Funken, eine Flamme dieses Lichtes in sich tragen, und ermuntert die junge Christengemeinde, dieses Licht zu teilen und leuchten zu lassen, egal, wie schwach es scheint, um eben die Hoffnung aufrechtzuerhalten. Darum geht’s im Grunde im Rӧmerbrief, aus dem wir heute gehӧrt haben: daβ wir dafür sorgen, daβ unsere Lampen stetig brennen, wӓhrend wir auf den Anbruch des ewigen Tages und das Kommen Christi warten.

 

Paulus wuβte nicht, wann diese Hoffnung erfüllt würde. Doch wuβte er, wie wichtig es ist, daβ die Glӓubigen ihr Licht in der Welt leuchten lassen. Und so schreibt er: Die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen. So laβt uns ablegen die Werke der Finsternis und anlegen die Waffen des Lichts.

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Hier berührt sich die Botschaft des Paulus mit der Botschaft des heutigen Evangeliums und Jesu Worten über die Endzeit. Niemand weiβ den Tag oder die Stunde. Aber soweit wir wissen, kӧnnte es eben sehr gut sein, daβ die Nacht vorgerückt ist und der Tag nahe herbeigekommen. Und so müssen wir bereit sein und unsere Lampen bereithalten. Wir leben in recht dunklen Zeiten, das ist gewiβ.

 

Und nur als Denkanstoβ, nehmen Sie einmal den ‘Black Friday’, also den Tag, an dem Menschen in langen Schlangen vor den Geschӓften, den modernen Tempeln des Konsums, anstehen, um ein Schnӓppchen mit den Dingen zu machen, die sie meist gar nicht brauchen. Dinge, zu deren Kauf sie durch wochenlange Werbekampagnen verführt werden, und zwar mit Botschaften, die ein besseres oder gar glücklicheres Leben versprechen, wenn man eben den neuen Fernseher oder das neue Kleid kauft. Ich habe es schon hier erwӓhnt: der hebrӓische Ausdruck ‘Satan’, den wir heute mit dem Teufel gleichsetzen, bedeutet wӧrtlich ‘Versucher’ – eine Macht, die uns versucht.

 

Und so denke ich, daβ ironischerweise im Begriff ‘Black Friday’ viel Wahrheit innewohnt und einen Tag treffend beschreibt, an dem wir verführt werden, mehr und mehr zu erwerben – und dieser oft gedankenlose Konsum dazu führt, daβ wertvolle Resourcen dieser Erde verschwendet werden und Gottes Schӧpfung immer mehr ausgebeutet und verbraucht wird. Und doch lassen wir uns willig dazu verführen, das Idol des Konsums zu verehren. Manchmal verbergen sich die Mӓchte der Finsternis hinter hellen und blinkenden Lichtern…

 

Und dann brauche ich nicht viel über den Stand dieser Welt reden: wir alle wissen von Kriegen und Terror und schmelzenden Polkappen und steigenden Meeresspiegeln und steigendem Haβ und abscheulichen und feigen Attacken gegen die Schwachen in diesem Lande und in dieser Welt. Und in diesen Zeiten, Schwestern und Brüder, laβt uns ablegen die Werke der Finsternis und die Waffen des Lichts anlegen.

 

Die Nacht mag vorgerückt sein, oder auch nicht, das wissen wir halt nicht; doch hoffen wir auf und sehnen wir uns  nach Gottes Tagesanbruch, dem ewigen Licht, ewiger Freude, ewigem Leben. Wir hoffen – und hoffen ist ein Verb, ein Tuwort. Wir mӧgen von der Dunkelheit umgeben sein, doch dann ist es besonders wichtig, unser Licht stӧrrisch leuchten zu lassen, erst eins, dann zwei, dann drei, dann vier, und dann vielleicht sogar mehr, um gegen das Unbehagen und die Furcht anzukӓmpfen, und das zu verscheuchen, was da im Dunkeln womӧglich auf uns lauert.

 

Und um Hoffnung in anscheinend hoffnungslosen Zeiten zu geben. Stark und selbstbewuβt in Gottes Liebe zu sein. Integer zu bleiben, gerade dann, wenn andere fallen und den leichten Weg der Konformitӓt wӓhlen. Laut zu verkünden, daβ wir eben nicht an die Verheiβungen dieser Welt glauben, egal, wie verführerisch sie klingen, da sie uns niemals Erlӧsung bringen kӧnnen. Sondern laut zu verkünden, daβ wir an den einen glauben, der das Dunkel durchbricht, Christus, der uns von unseren Begierden und Sünde und Urteil und Tod befreit.

 

Und so lassen wir unser Licht leuchten, Christi Licht, in der Überzeugung, daβ dieses Licht einen Unterschied in dieser Welt macht.

 

So kommt, laβt uns wandeln im Licht des Herrn.