Es wird nicht ein Stein auf dem andern gelassen, der nicht zerbrochen werde.

Na, das war vielleicht eine Woche!

Da gab es zum einen all die verschiedenen Gedenktage, die wir hier oder in Deutschland begangen haben. Am 9. November gedachten wir des 78. Jahrestages der Reichspogromnacht, auch Reichskristallnacht genannt; eine Nacht, in der Synagogen niedergebrannt und jüdische Geschӓfte, Wohnungen und Schulen vandaliert wurden. Dies war der Autakt zu einer systematischen Verfolgung und Ermordung von Juden – und auch anderen Minderheiten. Und diese vergangenen Woche schaute ich mir dann auch wieder Bilder dieser Nacht an, Bilder von gewaltsamer Zerstӧrung, Bilder, in denen zu sehen ist, daβ kein Stein auf dem anderen gelassen wurde.

Am 11. November gedachten wir hier in den USA des Veterans’ Day. Dies war ein Tag, nicht nur an die zu denken und denen zu danken, die diesem Land gedient haben oder auch noch dienen, sondern auch ihre teilweise groβen Opfer zu bedenken. Oft leiden Veteranen an Wunden, sichtbar oder auch unsichtbar, denn sie haben hӓufig unsӓgliche Gewalt, Leiden und Tod erlebt. So einige derer, die obdachlos in dieser Stadt sind, haben ihrem Land gedient. Man unterschӓtze nie die Wunden, die man nicht sehen kann!

Das Leben vieler Veteranen ist durch ihre Krieserfahrungen verletzt oder gar zerstӧrt worden. Viele kamen aus dem Kriegseinsatz nicht als die zurück, als die sie heineingegangen ware. In ihrem Leben blieb oft nicht ein Stein auf dem anderen liegen, alles wurde zerbrochen. Und, wie die alarmierenden Statistiken über die Selbstmorde von Kriegsveteranen zeigen, kann solch ein zerbrochenes Leben auch hӓufig nicht wiederaufgebaut werden.

Dann heute ist ein weiterer deutscher Gedenktag, ‘Volkstrauertag’, ein Tag, an dem wir an die Schrecken des Krieges, Zerstӧrung und Tod denken – vor allem auch gefallener deutscher Soldaten.  Ich weiβ, daβ viele unter Ihnen lebhafte Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg und seine Folgen haben, Erinnerungen an die Trümmer, die Ruinen, den Verlust von Besitz, Heimat und Leben. Sie wissen aus erster Hand, wie das ist, wenn nicht ein Stein auf dem anderen gelassen wird, und alles zerbrochen wird. Es sind nicht nur Gebӓude – Leben werden zerstӧrt.

Und dann, ein hoffnungsvollerer Jahrestag: Am 9. November feierten die Deutschen auch die Ӧffnung der deutsch-deutschen Grenze. An jenem Tag begann der langsame, aber stetige Abbau der verhaβten Mauer, Stück für Stück. Nicht ein Stein wurde auf dem anderen gelassen, bis auf einige wenige Abschnitte, die heute als Gedenkmӓler and die deutsche Teilung dienen.

Und dann waren da in der vergangenen Woche auch die U.S. Prӓsidentschaftswahlen. Ich denke, ein imposanter Anteil der Bevӧlkerung dieses Landes und dann der Welt ist immer noch erstaunt darüber, um es mal vorsichtig auszudrücken, daβ Donald Trump genügend Elektoratsstimmen bekommen hat, um die Wahl zu gewinnen. Und es hat viele Analysen gegeben, warum so viele Menschen in diesem Lande einen Mann wӓhlen konnten, der viele verletzende, drohende und anstachelnde Dinge im Wahlkampf geӓuβert hat, Worte, die keinen Grund in der Bibel haben, dem Buch, auf dem die Grundsӓtze dieses Landes gebaut sind.

Nun habe ich mit einigen Trump Anhӓngern gesprochen, Menschen, die einfach die Nase voll vom Status Quo in der Politik sind und einfach einen Neuanfang wollen, in der Hoffnung, daβ jemand, der eben kein Teil des politischen Maschinerie ist und keinerlei politische Erfahrung hat, das rechte Zeug dazu hat, in Washington aufzurӓumen. Und es ist erstaunlich, wieviele von diesen Leuten dann auch sagen: ja, was er so sagt, damit stimme ich nun auch nicht so ein, ja, so einige Sachen, die er von sich gegeben hat, sind schrecklich. Aber ich habe ihn nicht wegen seiner Worte gewӓhlt, sondern weil ich denke, daβ er wirklich was ӓndern und mein Leben verbessern kann.

Einige der Hauptargumente Mr. Trumps in seinem Wahlkampf drehten sich dann auch um die Dekonstruktion des Status Quo, des Regierungsapparates; er hat versprochen, daβ im korrupten Washington kein Stein auf dem anderen liegenbleiben wird. Und das macht ihn für viele Wӓhler und Wӓhlerinnen attraktiv – daβ es da endlich jemanden gibt, der Korruption ans Licht bringt, Regeln und Regulierungen abbaut, die Steuern nicht erhӧht und, durch eine Isolierungs- und Protektionismuspolitik, Jobs für die Arbeiterklasse wieder in die USA bringt. Business deals anstelle von staatlichen Regulierungen und internationalen Abkommen. Für viele ist Amerika derzeit eben nicht ‘great’, nicht groβartig, und sie hoffen auf Wandel zum Besseren. Leider wird dann dabei auch die Hetze gegen Minoritӓten in Kauf genommen.

Nun sind aber in diesem Wahlkampf, der wohl die schlimmste Schlammschlacht in der Geschichte der U.S Prӓsidentschaftswahlen gewesen sein muβ, schon einige Dinge angeschlagen oder gar zerstӧrt worden: Anstand. Ehre. Integritӓt. Mitgefühl. Vetrauen. Der Wille, anderen zuzuhӧren, gerade dann, wenn sie irgendwie anders sind. Respekt. Und für mich ist es sehr alarmierend, zu sehen, daβ es kürzlich einen Anstieg von verbalen und physischen Attacken auf Minoritӓten in diesem Land gegeben hat.

Und so ist es nicht besonders überaschend, daβ wir es mit einem Land zu tun haben, in dem die Menschen de facto geteilt sind. Ca. 50% der wahlberechtigten Bevӧlkerung in diesem Land sah vergangene Woche, wie vieler ihrer Hoffnungen, Trӓume und Werte zusammenfielen. Und viele von diesen sind jung; die Millenials, die Generation meiner Kinder. Dies sind jene Amerikaner, die jetzt nicht nur um ihre Zukunft oder die Zukunft ihres Landes fürchten, sondern auch um die Zukunft dieses Planeten. Wenn Sie sich die Wahlstatistiken ansehen, werden Sie feststellen, daβ die überwӓltigende Mehrheit der unter 35 jӓhrigen demokratisch gewӓhlt hat

Auf der anderen Seite wӓren viele der Hoffnungen, Trӓume und Werte der anderen ca. 50% zusammengefallen, hӓtten Hillary Clinton die Elektoratswahl gewonnen. Das kann man nicht einfach so reparieren, zuviel ist hier zerstӧrt worden. Es gibt hier zwar keine konkrete Mauer, die die Menschen voneinander trennt, doch ist da dieser unsichtbare und tiefe Graben, der kreuz und quer durch die USA zieht. Es wird eine lange Zeit brauchen, bis dieses Land Heilung findet, bis die Menschen wieder zusammenfinden und somit wieder zu seiner Stӓrke zu finden, doch muβ dies für das Wohl des Landes geschehen, denn: ein Haus, das mit sich selbst uneins ist, kann nicht bestehen, so wie Jesus sagt.

Und so kӧnnen wir nur hoffen und beten, daβ Mr. Trump, wenn er erst einmal ins Weiβe Haus eingezogen ist, beweisen wird, daβ er ein Prӓsident ist, der Respekt für alle Amerikaner zeigt, egal, welches Alter, welcher ethnischer Hintergrund, Welches Geschlecht, welche sexuelle Orientierung, politische Affiliation, Religion, welcher Gesundheitsstatus oder sozialer Status. Ein Prӓsident, der Demut zeigt, die nӧtig ist, eine Nation zu leiten, sowie den Willen, über Parteigrenzen und den tiefen Graben in dieser Gesellschft seine Hand auszustrecken und Versӧhnung zu suchen, ein Prӓsident, der sein Volk zusammenbringen wird, anstelle es auch weiter zu zerspalten.

Und nun, im Lichte all dessen, lassen Sie uns das heutige Evangelium betrachten. Jesu Worte, daβ nicht ein Stein auf dem anderen gelassen wird, sind leider von einigen dahin interpretiert worden, daβ Gott die Juden verurteilt, und daβ sie Gottes gerechte Strafe empfangen. Und ich mӧchte mich nicht weiter zu auslassen, ich habe bereits von den gefӓhrlichen Folgen solch einer Interpretation gesprochen.

Doch an anderer Stelle sagt Jesus auch, daβ dieser zerstӧrte Tempel nach drei Tagen wieder auferbaut werden wird. Er spricht natürlich allegorisch von sich selbst, seiner Zerstӧrung am Kreuz und seiner Auferstehung am dritten Tage. Doch zeigen uns diese Worte, daβ Zerstӧrung und Tod nicht das letzte Wort haben werden, sondern Versӧhnung und Leben. Gott geht es nicht um endgültige Vernichtung – Gott ist ein Gott des Lebens, Gott geht es um das Leben.

Und manchmal muβ halt etwas altes zerstӧrt werden, bevor das neue entstehen kann. In der Taufe z.B. wird der ‘alte Adam’ ersӓuft, wie Martin Luther es so drastisch beschreibt, doch nur, damit die neue Kreatur in Christus erstehen kann. In der Vision vom neuen Jerusalem, die wir am Ende der Bibel im Buch der Offenbarung finden, erkennen wir, daβ Gott quasi das Paradies erneut erschafft, mit dem Baum des Lebens, der Blӓtter zur Heilung aller Vӧlker trӓgt; ein Ort, and dem erneut Weinen und Leiden und Tod nicht existieren werden. Ein Ort der Harmonie. In dieser Vision wird die Erde nicht zerstӧrt und mit einem Himmel ersetzt, nein, Gott nimmt das, was bereits existiert, und schafft etwas neues damit.

Die Zerstӧrung des Tempels in Jerusalem durch die rӧmischen Besatzer im Jahre 70 n.Chr. war nicht das Ende des Verhӓltnisses Gottes mit dem jüdischen Volk; nein, die Geschichte zeigt uns, daβ die Anhӓnger des jüdischen Glaubens auch in der Diaspora durchhielten und ihren Glauben nun auf verӓnderte Weise lebten und Gottesdienst anders feierten. Und die Synagoge Sha’ar Zahav, die gegenüber von uns steht, ist nur ein Beispiel dafür, daβ dieses Geschichte, dieses Verhӓltnis weitergeht.

Manchmal bleibt kein Stein auf dem anderen. Doch das bedeutet nicht, daβ es nicht weitergeht. In alten Zeiten wurden alte oder baufӓllige Gebӓude vorsichtig demontiert, und etwas neues wurde aus den Bausteinen erbaut. So wurde manche alte Kirche, manches Kloster, manche Burg zu Wohnhӓusern, Stӓllen und Straβen umgewandelt. Ich hoffe, daβ dies eine Allegorie für uns sein kann. Ja, wir erfahren, daβ Beziehungen über den Prӓsidentschaftswahlkampf zerbrochen sind, und auch immer noch zerbrechen. Wir haben erlebt, daβ viele Werte, die zum friedlichen menschlichen Miteinander notwendig sind, stark beschӓdigt worden sind, Werte, die auf Jesu Gebot basieren, Gott und unseren Nӓchsten zu lieben – und konsequenterweise andere so zu behandeln, wie wir auch behandelt werden wollen. Stichwort Goldene Regel.

Ohne Zweifel wird es immer jene geben, die die Steine des Beschӓdigten und Zerstӧrten aufsammeln werden, um sie zu werfen. Und hat Jesus dazu nicht auch etwas gesagt?

Doch es ist unsere Berufung und Verantwortung als Christen, auf den Fundamenten zu leben, die Chritus für uns gelegt hat: Glaube, Hoffnung und Liebe – und übrigens schlieβt die Liebe auch die Liebe zum Feind, zum Widersacher, zum Andersdenkenden mit ein. Auf dem Fundament der Gnade, der Vergebung, der Versӧhnung. Auf dem Fundament der Demut und des Mitgefühls.

Wir sind dazu berufen, all die Steine dessen, was zerfallen ist, aufzuheben – und vorsichtig wieder einen Neuaufbau zu beginnen. Den Neuaufbau von Vertrauen. Den Neuaufbau von Ehre und Respekt. Den Neuaufbau des Willens, anderen zuzuhӧren und sie nicht zu schnell zu verurteilen. Den Neuaufbau von Beziehungen unter den Menschen.  Und somit in den Fuβstapfen von Jesus zu wandeln, der die Welt durch seinen Tod und seine Auferstehung gewandelt hat.

 

 

 

 

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