Wochenreflektion in der Passionszeit – “Im Schatten des Kreuzes”; 24. März 2015

wire cross

 

“Denn also hat Gott die Welt geliebt, daβ er seinen eingeborenen Sohn gab, damit alle, die an ihn glauben, nicht verloren werden, sondern das ewige Leben haben.”

Johannes 3,16, Lutherbibel

Es war im Frühling des Jahres 1991. Der Fall der Mauer zwischen Ost und West was noch ganz frisch. Eine Freundin und ich beschlossen, die Gelegenheit wahrzunehmen, und zu den Semesterferien nach Moskau zu reisen.

Was für ein Erlebnis! Ja, so ziemlich alles war zusammengebrochen.  Es gab lange Schlangen vor den wenigen Geschӓften, die geӧffnet waren, und das Warenangebot was mager. Doch gab es Zeichen der Hoffnung. Wir besuchten Kirchen, die gerade erst nach Jahrzehnten wiedererӧffnet worden waren, und trafen Menschen, die Gott mit lauter (und schӧner) Stimme lobten und priesen. Obwohl e seine lange Zeit der Unterdrückung gegeben hatte, hatte der Glaube doch überlebt.

An einem der Tage führte uns unsere Reiseleiterin zu einem Floh- und Künstlermarkt. Hier wurden viele wunderschӧne und, für uns, spottbillige Handarbeiten und Kunstgegegnstӓnde angeboten. Doch meine Freundin und ich waren besonders begeistert, als wir filigrane orthodoxe Kreuzanhӓnger, delikat aus Silberdraht gerfertigt, fanden – ӓhnlich dem Kreuz, das Sie im Bild sehen. Meine Freundin und ich gaben dem Herrn, der diese Kreuze anbot, mit Hӓnden und Füβen zu verstehen, daβ wir gerne zwei dieser Anhӓnger kaufen wollten. Doch lehnte der Mann dies mit lebhaften Gesten und mürrischer Miene ab. Nein, er würde uns nicht dieses Kreuze verkaufen.

Wir versuchten es noch einmal – gewiβ, hier muβte in Miβverstӓndnis vorliegen. Aber, nein, der Mann blieb stur. Enttӓuscht und verwirrt zogen meine Freundin und ich von dannen – ohne die Kreuze.

Natürlich unterhielten wir uns über dieses merkwürdige Erlebnis, und wir fragten uns: Kӧnnte es sein, daβ der Hӓndler uns (womӧglich unglӓubigen) West Touristen diese Kreuzanhӓnger nicht verkaufen wollte, weil ihm das Symbol des Kreuzes soviel bedeutete?

Wie konnte dieser Mann ahnen, daβ wir beide Christinnen sind, und daβ wir das Kreuz und seine Symbolik ernstnehmen? Dies waren die Zeiten, als Pop Stars wie Madonna auβer einem fetten (Plastik-) Kreuz um den Hals ansonsten nur wenig trugen. Dies waren die Zeiten, als so viele mit dem Kreuz als einem Modeaccessoir herumliefen, und es schien, daβ das Kreuz seiner Bedeutung beraubt worden war.

Doch das Kreuz ist eine ernste Sache. Das Kreuz ist nicht nur ein kurzer Stop auf Jesu Reise zu ewigem Leben und ewigem Ruhm, sondern ein grausames Werkzeug der Folterung und Exekution. Jesus ist für uns gestorben. Gottes Liebe für eine verwirrte und oft korrupte Menschheit wird im Tode am Kreuz Christi ausgedrückt. Das Kreuz erinnert uns daran, daβ Gott willig war, dieses Opfer zu bringen, um die ganze Welt mit sich selbst zu versӧhnen. In diesem Sinne ist das Kreuz ein Symbol von Gottes verzweifelter und leidenschaftlicher Hoffnung und Liebe, die Gott in uns und für uns hat.

Mӧgen wir nie das Kreuz seiner tiefen und ernsten Bedeutung berauben. Mӧgen wir es immer als das Symbol des Glaubensgeheimnisses und Gottes tiefer Liebe für uns und die gesamte Schӧpfung achten.

Diese Woche lade ich Sie ein, einen weiteren Stein am Fuβ des Kreuzes niederzulegen. In Achtung und Ehre des Opfers, das Gott für uns gebracht hat, mӧge dieser Stein das Versprechen symbolisieren, Gottes Geschenk der Liebe und der Gnade dort weiterzugeben, wo es vonnӧten ist.

Mӧge ihre Reise durch die Passionszeit gesegnet sein.

 

 

 

 

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