Der dritte Adventssonntag wird der Tradition zufolge als Sonntag ‘Gaudete’, als Sonntag der Freude gefeiert – wir haben ja schon zu Beginn des Gottesdienstes ein wenig über Freude reflektiert.

Und so hörten wir auch Worte der Freude in den heutigen Lesungen. Der Prophet Zefanja jubelt: ‘Jauchze, du Tochter Zion! Frohlocke, Israel! Freue dich und sei fröhlich von ganzem Herzen, du Tochter Jerusalem!’ Diese Worte klingen doch sehr vertraut, oder? Tochter Zion, freue dich, jauchze laut, Jerusalem – wir werden dieses Lied später such singen. Der Herr ist bei dir! Freue dich!

Das Loblied der Maria, das wir auch als ‘Magnifikat’ kennen, und das wir ja auch gerade von Loosely Renaissance gesungen gehört haben, spiegelt diese Freude wieder: ‘Meine Seele erhebt den Herrn, und mein Geist freuet sich Gottes, meines Heilandes.’ Der Herr ist nahe: Freue dich!

Und der Apostel Paulus, der übrigens im Gefängnis sitzt, als er seinen Brief and die Gemeinde in Philippi schreibt, setzt dem noch einen drauf: ‘Freuet euch in dem Herrn allewege, und abermals sage ich euch: freuet euch! Der Herr ist nahe!’ Freuet euch.

Wenn man diese Passagen liest, kann man gar nicht anders, als jubeln. Das ist so mitreissend, man wird von dieser Freude angesteckt. Und das ist gut so, und das ist schön: wir brauchen Freude, gerade in Zeiten, die vielleicht nicht so rosig sind. Freuet euch!

Und dann kommt da die Evangeliumslesung. Und irgendwie ist die Freude dann wie weggeblasen, den da begegnet uns der Grinch, der Party Pooper, der, der uns die Freude verdirbt, und zwar alle Jahre wieder zur Adventszeit: Johannes, der Täufer. Der jubelt nicht, ganz im Gegenteil,  er schimpft: ‘Ihr Otterngezücht! Wer hat euch gewiβ gemacht, daβ ihr dem zukünftigen Zorn entrinnen werdet? Seht zu, bringt rechtschaffene Früchte der Buβe! Die Axt ist den Bäumen schon an die Wurzel gelegt…’ Der Herr ist nahe! Kehrt um! Tut Buβe!

Was hat Johannes der Täufer, was hat seine Botschaft an diesem Sonntag der Freude zu suchen? Ich möchte mal gerne wissen, welches Kommittee die Texte für den heutigen Sonntag so zusammengestellt hat. Das scheint doch hinten und vorne nicht zu passen. Das sind ‘mixed messages’, wie man hier so schön sagt.

Was nun: freuet euch – oder tut Buβe?

Die kurze und einfache Antwort darauf ist: ja.

Und nun  zur längeren und komplizierteren Antwort: als Menschen tendieren wir ja dazu, die Welt in klare Kategorien einzuteilen: ja oder nein, gut oder böse, in oder out, laut oder leise, rechts oder links, Liebe oder Hass, Freude oder Busse. Und das mag uns zwar dabei helfen, die Welt besser zu verstehen, aber es hat auch seine Nachteile: wir neigen auch dazu, uns gegenseitig in bestimmte Schubladen zu stecken, und das nicht immer auf nette Art; und wir sehen ja in diesem Lande und auch in anderen Teilen der Welt, wozu das führt: zur Polarisierung.

Aber wenn wir ehrlich mit uns sind, dann wissen wir natürlich, daβ Menschen viel komplexer und komplizierter sind, daβ Situationen viel komplexer und komplizierter sind. Das Leben ist eben nicht so einfach, so gerne wir das auch hätten.

Nur mal als Beispiel: ich nehme einmal an, Sie lieben Ihren Ehepartner, oder Ihre Kinder oder Enkelkinder, richtig? Nun geht es mir aber so, daβ ich meinen Mann oder meine Kinder manchmal zum Mond schieβen könnte, trotzdem ich sie heiβ und innig liebe – und ich bin mir sicher, daβ das andersrum genauso ist. Kennen Sie das auch? Beziehungen sind vielschichtig und kompliziert.

Und das macht das Leben in aller Fülle doch aus.

Warum sollte es also anders mit der Adventszeit und den heutigen Lesungen sein?

Freude uns Buβe schlieβen sich nicht aus. Und auch das machen unsere heutigen Lesungen deutlich.

Der Prophet Zefanja ruft Gottes auserwähltem Volk zu, freut euch, denn Gott hat auch vergeben und das Unheil, das ihr eigentlich verdient, von euch abgewendet! Doch gleichzeitig warnt Zefanja das Volk: seid aber vorsichtig, daβ ihr in Zukunft nicht wieder Mist baut.

Maria jubelt und freut sich über das Kind, das da in ihr heranwächst und alles Volk erlösen soll. Aber ihr Loblied enthält auch eine Warnung, denn alle, die am Boden sind, sollen aufgerichtet werden, und alle, die stolz und mächtig sind, sollen erniedrigt werden.

Der Apostel Paulus ermutigt die Gemeinde in Philippi sich zu freuen und abermals zu freuen – und ermahnt gleichzeitig: ‘Eure Güte lasst kund sein allen Menschen.’ Allen Menschen – nicht nur denen, die wir mögen oder die einer Meinung mit uns sind. Und in guter paulinischer Manier beschreibt der Apostel dann auch in den Versen, die auf die heutige Lesung aus dem Philipperbrief folgen, wie man denn als Nachfolger Christi zu leben hat.

Freude ist gut und wichtig. Doch diese Freude geht weit über uns selbst hinaus. Und wir kennen ja auch das Sprichwort: Geteilte Freude ist doppelte Freude.

Freude hat Konsequenzen: ein Leben in Dankbarkeit. Ein Leben, in dem es nicht nur um mich, mich, mich geht, sondern den Nächsten, die Gemeinschaft, um die Wohlfahrt aller. Und so hilft uns Freude dabei, umzudenken – und dies ist, was der doch recht altmodische Begriff ‘Buβe’ ursprünglich meint: da geht es nicht um Selbstzüchtigung oder –bestrafung, da geht es um das Umdenken, um einen Sinneswandel, einen Herzenswandel. Das griechische Wort, das im Neuen Testament für ‘Buβe’ verwendet wird, ist ‘Metanoia’ und meint ganz wörtlich ‘Richtungswechsel des Denkens’. Und das deutsche Wort Buβe kommt vom germanischen ‘boto’ und bedeutet Besserung – die Worte Buβe und Besserung haben also die selbe Wurzel.

Und wenn wir umdenken und es uns besser geht, wenn es anderen besser geht, wenn es der Welt besser geht, dann gibt es mehr Grund zur Freude. Buβe und Freude stehen also in einem komplexen Wechselverhältnis; eins geht nicht so recht ohne das andere.

Selbst die heutige Evangeliumslesung macht das deutlich. Johannes scheint nun nicht besonders freundlich oder fröhlich zu sein, und seine Botschaft klingt ja eher bedrohlich. Tut lieber Buβe, sonst wird es euch übel ergehen.

Doch lesen wir da auch, daβ das Volk, das zu ihm hinauspilgert und dann als Otterngezücht beschimpft wird, dennoch voller Erwartung ist, genauer gesagt voller Erwartung des Messias, der Erlösung bringen wird. Und das griechische Wort, das hier für ‘Erwartung’ benutzt wird, ist freudige Erwartung – diese Erwartung ist mit der Erwartung zu vergleichen, die Kinder am Heiligabend haben. “Wir warten aufs Christkind”, wir warten auf den Messias, und das ist ein Grund zur Freude für alle Kreatur, nicht zur Furcht.

Dies ist das Evangelium, dies ist die frohe Botschaft. Der Herr, Gott Immanuel, ist nahe.

Dies ist ein Grund, unsere Richtung und unser Handeln zu überdenken. Dies ist ein Grund, uns zu freuen.

 

Foto von Robert Collins via unsplash.com

 

 

 

 

 

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