Predigt zu Markus 6, 30-34, 53-56; Siebter Sonntag nach Trinitatis – 19. Juli 2015

sheep

 

Heute möchte ich mal mit Ihnen Schäfchen zählen. Was meinen Sie – wie häufig taucht das Wort ‘Schaf’ oder “Schafe’ in der Bibel auf? Was schätzen Sie?  186 mal.

Das Wort ‘Lamm’ kommt sogar noch häufiger vor, 188 mal. Dann gibt es noch 165 Widder und zehn Mutterschafe, und so kommen wir auf 549 Mitlglieder der Schaffamilie, die in der Bibel erwähnt werden.

Schafe, in welcher Form auch immer, spielten also eine große Rolle im Leben der Menschen, die im biblischen Zeitalter lebten. Und zwar über den wörtlichen Sinn hinaus – häufig wird der Begriff Schaf auch symbolisch verwendet, um das Verhältnis Gottes zu seinem Volk zu beschreiben.  Und Jesus selbst wird als das ‚Lamm Gottes‘ bezeichnet.

Die Lesungen für den heutigen Gottesdienst betonen, wie wichtig Schafe in der Geschichte Israels waren.  Da haben wir mit den Worten des wohl beliebtesten Psalmes gebetet, Psalm 23: Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln. In der alttestamentlichen Lesung, in der wir hören, wie König David Gott einen Tempel bauen will, erinnert Gott den David an seine bescheidenen Anfänge als Schfhirt.  Und, wenn Sie mich fragen, dann hat die Hirtentätigkeit den David recht gut auf die Rolle als Führer eines Volkes vorbereitet.

Im heutigen Evanglium hören wir, wie Jesus, als er sich müde etwas zurückziehen will, auf all die Menschen schaut, die zu ihm kommen um geheilt zu werden ode rein Wort des Trostes und der Vergebung zu empfangen – und sie erinnern ihn an Schafe ohne einen Hirten, Menschen, um die sich keiner kümmert und die der Führung bedürfen. Und irgendwie dämmert es uns, daß wir wohl auch etwas mit den symbolischen Schafen in der Bibel zu tun haben.

Nun sind Schafe in unserer Kultur und unserer Zeit nicht so wichtig, wie sie es zu biblischen Zeiten im Nahen Osten waren. Wer hier hat Schafe schon einmal ganz live und in Farbe gesehen, vielleicht auf einem Nordseedeich?

Eine andere Frage: wer hier hat je mal einen Schäfer oder eine Schäferin bei der Arbeit gesehen? Schäfer, ofer Hirte, ist ein weiteres wichtiges Wort in der Bibel, das immerhin 87 mal vorkommt. Der Beruf des Schäfers scheint in unseren Graden vom Aussterben bedroht zu sein.  Und vielleicht fällt es uns schwer, den Vergleich über Schafe und Menschen und Gott und den guten Hirten so richtig zu begreifen. Also gibt es jett ein bißchen Schafkunde.  Ich bin keine Expertin, das vorweg, aber hab ein wenig Nachforschung betrieben.

Was ich faszinierend finde: Schafe sind angeblich die einzigen Haustiere, die ihre wilden Instinkte verloren haben.  Alle anderen domestizierten Tiere – die Kuh, z.B. – würden in der Wildnis irgendwie schon das Wasserloch finden. Das Schaf hingegen nicht, es sei denn, es würde zufällig ins Wasser stolpern. Kurz gesagt, ein Schaf ohne Hirten – oder ohne Abzäunungen – würde wahrscheinlich eingehen. Ein einzelnes Schaf ist besonders gefährdet, da Schafe Herdentiere sind und den Schutz der Herde brauchen. Der gute Hirte, der das einhunderste Schaf im Gleichnis vom verlorenen Schaf sucht, weiß, daß es für das eine Schaf um Leben oder Tod geht. Dieses Schf ist wahrhaftig verloren.

Nun sind wir laut der Bibel wie Schafe.  Und das bedeutet, das wir, wie Schafe, besser dem Hirten nachfolgen, als hinge unser Leben davon ab. Denn was passiert wohl, wenn wir dem Hirten nicht folgen? Naja, wir sind das, was Jesus ‚Schafe ohne einen Hirten‘ nennt: Verloren und verwirrt, hirnlos und auch zerstörerisch.  Denn ein Schaf, das nicht beaufsichtigt wird, landet schnell dort, wo es Schaden anrichten kann, z.b. in Blumenbeeten und auf Feldern, auf denen die nahrung noch am wachsen ist. Hören wir diesen Vergleich gerne?  Wohl kaum.

Ich denke, wir mögen Psalm  23 so sehr, weil wir hier die tröstliche Seite des Schafdaseins sehen: hier haben wir eine idyllische Szene mit einem persönlichen Hirten, der sich um mich kümmert, der mich ernährt und mich auf seinen Schultern trägt. Ich denke, wir alle mögen wohl die Idee, daß wir verwöhnte Schafe sind. Doch dies ist nur ein Aspekt der Existenz als Mitglieder der Herde Gottes, und unserer Existenz als Kinder Gottes.

Die andere Seite des Schafdaseins bedeutet, daß wir dem Hirten nachfolgen und immer schön bei der Herde bleiben. Und das ist dann manchmal doch ganz schön schwierig, den das bedeutet, daß wir nicht auf unseren eigenen Weg beharren, sondern uns Gott – und der Herde – unterordnen – gerade in einer Gesellschaft, in der Individualismus und persönliche Ausdrucksfreiheit ganz hoch gehalten werden.

Wie erziehen wir heute unsere Kinder?  Wir wollen alle, daß etwas ganz besonderes aus ihnen wird, und daß sie hoffentlich auch gute Führungsqualitäten entwickeln. Und damit setzen wir die junge Generation ganz schön unter Druck. Jedes Kind ist ein ganz besonderer Mensch – doch was ist, wenn ein Kind eben doch nicht die ersehnten Führungsqualitäten hat? Es muß auch einen Platz und Bestätigung für solche heranwachsenden Menschen geben.

Und so plädiere ich dafür, daß wir unseren Kindern auch beibringen, was es heißt, nachzufolgen und ein Teil der Herde zu sein – ein Teil einer Einheit, in der sich Menschen aufeinander verlassen, einander Schutz geben, und einander helfen. Denn was passiert, wenn wir nur Führer haben, aber es dann niemanden gibt, der oder die nachfolgt?  Jeder geht seinen eigenen Weg, und wir schaffen nichts für das Gemeingut.

Nun könnte man argumentieren, daß die Menschheit in ihrer Geschichte schon schlechte Erfahrungen mit seinen  Führern gemacht hat, und daß es gefährlich ist, einer bestimmten Ideologie blindlings zu folgen. Und das stimmt – wit müssen schon unser Herz und unseren Verstand einsetzen, wenn wir nachfolgen. Und uns auch bewußt zu entscheiden, wem oder was wir den nachfolgen – denn folgen tun wir alle, nur sind wir uns dessen manchmal nicht so bewußt.

Und heute gibt es denn auch viele, die der Kirche nicht mehr folgen wollen. Es ist kein Geheimnis, das ein Großteil der Glaubensgemeinschaften in der nordwestlichen Hemisphäre am Schrumpfen ist. Immer mehr Menschen suchen – und finden anscheinend – Sinn außerhalb des Glaubens und der Glaubensgemeinschaften. Was uns zum Individualismus zurückführt. Aber was passiert, wenn wir nur darauf bedacht sind, unsere eigenen Wege zu gehen und unser persönliches Glück zu suchen? Meiner Meinung nach sehen wir sehr wohl in unserer Welt heute, wie sich der Mangel an Gemeinschaft auswirkt. Habsucht, die Einstellung, daß mir das Schicksal anderer ja egal sein kann, die schamlose und teilweise hirnlose Ausnutzung von Menschen und der Natur, die Tendenz, Sündenböcke für das zu suchen, was wir uns selbst eingebrockt haben – dies sind nur einige der Beispiele für eine Welt, in der die Schafe keinen Hirten haben – oder, genauer gesagt, sich entscheiden, ohne den Hirten zu leben. Und wenn Sie mich fragen, führt diese Einstellung zum Verderben und ist weit von der Vision des Reiches Gottes, wie wir es in der Bibel finden, entfernt.

Wir sind Schafe. Manchmal ganz schön dumme Schafe. Wir sind geschaffen, ein Teil der Herde zu sein, in der jede und jeder seinen Platz und seine Bestimmung hat – ein Herde, in der wir alle uns auf den anderen verlassen können und verlassen müssen, so daß wir Schutz und Anleitung finden. Wir sind dazu berufen und bestimmt, dem guten Hirten, Jesus Christus, nachzufolgen. Wir mögen nicht immer verstehen, wohin Christus uns führt; wir mögen uns verweigern, wenn wir shen, daß Christus uns durchfinstere Täler führt– doch können und müssen wir darauf vertrauen, daß Gott schon weiß, wohin es geht, und nur das Beste für uns und alle Kreatur will.

 

Christ zu sein bedeutet, dieses guten Hirten nachzufolgen. Und wie machen wir das? Wir mögen nach persönlicher Führung im Gebet und im Studieren der Bibelsuchen. Doch dann ist es auch wichtig, einTeil von Gottes Herde zu sein und bewußt am Leben der Gemeinschaft teilzunehmen. Zu erfahren, wie Gottes Heiliger Geist in und durch uns uns und andere wirkt. Es nicht einfach abzutun, wenn einer unserer Schwestern oder Brüder vorschlägt, mal eine etwas andere Richtung auszuprobieren, sondern einfach mal mitzugehen.

Christen zu sein bedeutet für uns, an einem Strange zu ziehen, wenn es darum geht,Gott und unseren Nächsten zu lieben und ihnen zu dienen.  Gemeinsam sind wir starker – und viel effektiver, als wir es je alleine sein könnten. Wir sind dazu berufen, der Leib Christi auf Erden zu sein, und als solcher zu ermuntern, zu lieben, zu heilen, und zu vergeben– und so das Reich Gottes auf erden ein Stück weit zu verwirklichen.  . Als Teil der Herde, der Gemeinschaft, und mit Chistus als unserem guten Hirten, können wir erstaunliche Dinge vollbringen. Und unser Leben – als auch das Leben der gesamten Schöpfung – könnte davon abhängen.

 

 

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