Als mein Sohn Jonathan in der 7. Klasse war, konnte er zusӓtzlich zu den Pflichtfӓchern auch zwei Wahlfӓcher belegen. Ich war sehr überascht, als er verkündete, dass eines dieser Wahlfӓcher Dreidimensionale Kunst sein würde. Kunst war eigentlich nie eine von Jonathans Stӓrken. Aber da sein bester Freund, der künstlerisch sehr begabt war, diesen Kurs gewӓhlt hatte, wollte Jonathan das eben auch.

 

Ich muss schon sagen, dass ich etwas besorgt war – wie würde es Jonathan unter all diesen künstlerisch teilweise hochbegabten Kindern gehen? Würde es ihn frustrieren, dass er nicht so gut ist wie die anderen?

 

Nach ein paar Wochen fragte ich ihn dann vorsichtig: ‘Na, wie geht’s so im Kunstkurs?’ Und er antwortet fröhlich und ohne zu zögern (und ich beginne mit englisch, weil es im Deutschen nicht ganz so gut klingt): ‘Mom, the good news is that I’m the kid who has a good chance of being most improved by the end of the year.’ – ‚Mama, die gute Nachricht ist, dass ich ich wohl der Schüler sein werde, der sich am meisten im Laufe des Schuljahres verbessern kann.‘

 

Keine schlechte Art, die Sache zu betrachten, oder?

 

Und je mehr ich darüber nachdachte, desto mehr bewunderte ich auch die Weisheit meines Sohnes. Denken Sie einmal darüber nach: die meisten der Schüler und Schülerinnen in diesem Kurs waren bestimmt richtig gut, top. Wenn man nun aber so richtig gut ist, wenn man top ist, dann ist man auch sehr ehrgeizig und hat hohe Anforderungen an sich selbst. Hӓufig führt das auch zum Wettbewerb mit anderen, zur Konkurrenz – macht der oder die das besser als ich?

 

Wenn man an der Spitze ist, dann kann es nur bergab gehen; und dies ist nun eine allgemeine Feststellung: manchmal tun Menschen recht absonderliche und teilweise auch üble Dinge, um an der Spitze zu bleiben. Es ist nicht leicht, erster zu sein.

 

In Jonathans Fall hatte es so seine Vorteile, letzter in seinem Kunstkurs zu sein – er wuβte, dass es für ihn nur bergauf gehen konnte. Er wollte lernen und sich verbessern, und stand unter weit weniger Druck als seine Klassenkameraden. Er konnte alles ganz locker angehen, mit seinem besten Freund womöglich auch quatschen, und das Talent der anderen bewundern.

 

Nun ist es eher ungewöhnlich, dass es jemanden gar nicht stört, letzter zu sein. Wir leben in einer sehr produktiven und ehrgeizigen Gesellschaft, in der die bewundert und teilweise verehrt werden, die etwas im Leben geschafft haben, die Erfolg haben, und die an der Spitze sind. Wir wünschen uns für unsere Kinder und Enkelkinder, dass sie eine Leidenschaft für etwas entwickeln und so richtig gut darin werden – und natürlich wollen wir auch, dass sie erfolgreich in der Schule sind. Denn schliesslich wollen wir das beste für sie, und wir wissen alle, dass man es im Leben schwer hat, wenn man nur mittelmӓβig ist.

 

Und wir Erwachsenen machen das dann auch häufig vor, wie man das Spiel des Erfolgs spielt; im Englischen nennt man den Ehrgeiz und das Streben nach Erfolg um fast jeden Preis das ‚Rattenrennen‘, ‚Rat Race‘ – und oft bleiben Gesundheit, Familien- und Sozialleben und manchmal auch Werte und Integrität auf der Strecke.

Es scheint schon irgendwo menschlich zu sein, an der Spitze sein zu wollen, unter den ersten sein zu wollen. Sogar die Jünger Jesu sind dagegen nicht immun. Letzte Woche hörten wir, dass Petrus versuchte, Jesus von dem Plan abzubringen, durch Leiden und Sterben zu gehen und der Letzte – das Letzte – zu sein – und wie Jesus daraufhin entgegnete, dass Petrus nicht das Göttliche im Sinn hat, sondern das Menschliche.

Das heutige Evangelium knüpft an diese Geschichte nahtlos an. Jesus lehrt die Jünger erneut, dass der Messias leiden und sterben muss. Diesmal sagt keiner einen Pieps. Aber etwas anderes passiert: die Jünger fangen an, sich darüber zu streiten, wer der Gröβte unter ihnen ist – einige Theologen weisen darauf hin, dass die Jünger wahrscheinlich darüber streiten, wer von ihnen die Nachfolge Jesu antreten wird. Das ist fast so, als stritten sich die zukünftigen Erben um den Nachlass, während Oma noch am leben ist.

Jesus merkt, dass die Jünger es immer noch nicht kapieren. Die Jünger mögen meinen, dass sie als Nachfolger Prestige und Beliebtheit haben werden – denn das haben sie fast überall gesehen, dass Jesus wie ein Superstar von den Armen, den Schwachen, den Kranken, den Vernachlässigten empfangen wird. Sie meinen, dass sie ganz oben sein werden, top, an der Spitze.

Was sie nicht kapieren ist, dass Nachfolge – Nachfolge – vor allem bedeutet, dahin zu gehen, wohin auch Jesus geht und gehen wird: an die Orte und zu den Menschen, die unbekannt und vielleicht auch unbequem sind. Nachfolge heisst, abgelehnt und gedemütigt zu werden. Nachfolge heisst, das Leben für andere hinzugeben – und das womöglich im ganz wörtlichen Sinn.

Und so versucht Jesus, den Jüngern erneut eine Lehre zu erteilen. Er greift nach einem Kind, das nahe beisteht, und umarmt es. Nun mögen wir denken, ist das nicht herzig? Aber für die Jünger war es ein Skandal – denn Kinder wurden von der breiteren Gesellschaft als wertlos, als das Letzte angesehen.

Es gibt ein wissenschaftliches Buch, das sich mit den sozialwissenschaftlichen Umständen zu den Zeiten Jesu befasst – A Social Science Commentary on the Synoptic Gospels, verfaβt von Richard Rohrbaugh und Bruce Malina. Und hier lesen wir über Kinder (übersetzt von K. Weidmann):

‘…Kindheit im Altertum war eine Zeit des Terrors. Säuglingssterblichkeit war um die 30 Prozent. Weitere 30 Prozent derer, die die Kleinkindphase überlebten, starben vor Vollendung des sechsten Lebensjahres, und weitere 60 Prozent starben vor dem vollendeten 16. Lebensjahr. Kinder litten immer zuerst unter Hungersnöten, Krieg, Krankheit und Vertreibung; in einigen Äras oder Gebieten gab es nur wenige Kinder, die mit beiden Eltern aufwuchsen. Die Waise war der Innbegriff des schwächsten und verwundbarsten Mitglieds in der Gesellschaft. Somit war die Kindheit eine Zeit des Terrors, und das Überleben bis zur Geschlechtsreife ein Grund zum Feiern (und dies wurde häufig durch Riten auch getan)…

Kinder hatten in der Kommune oder in der Familie nur einen geringen Status. Ein Kind war auf derselben Ebene wie ein Sklave, und nur nach Erreichen der Geschlechtsreife war es eine freie Person, die das Recht hatte, zu erben. Der Begriff ‘Kind’ oder ‘Kinder’ wurde häufig als ein Schimpfwort benutzt (siehe Matthäus 11, 16-17).

Dies bedeutet nicht, dass Kinder nichr geliebt und geschätzt wurden. Sie garantierten das Fortbestehen der Famile und bedeuteten Sicherheit und Schutz für betagte Eltern.’(S. 238)

Kurzum, es war skandalös, dass Jesus sich mit Kindern abgab und sie gar hervorhob. Es war skandalös, dass Jesus sich auf das Level eines Kindes hinabstieg, sich erniedrigte, und sich ihm gleichstellte. Das war das Letzte!

 

Aber dies war nur der Vorgeschmack auf das, was noch kommen würde: der gröβte Skandal war, dass Jesus den Tod eines Kriminellen am Kreuz starb. Am Kreuz wurde Jesus wahrlich zum letzten; aber paradoxerweise führte das dazu, dass er als erster unter allen auferweckt wurde.

 

Was Jesus in der Akzeptanz und der Umarmung des scheinbar wertlosen Kindes tut stellt alles auf den Kopf – er demonstriert den Jüngern, dass es bei seiner Mission nicht um Ehre und Ruhm geht, sondern um den Dienst am Geringsten. Dies sind die göttlichen Dinge, um die es geht und von denen wir am vergangenen Sonntag gehört haben – Dinge, die ganz im Gegensatz zu menschlichen Interessen und Werten stehen. Jesus zeigt, was es heisst, einer der Geringsten zu werden, das Letzte – indem er sich mit eben diesen Letzten abgibt. Und ich frage mich, ob die Jünger das kapieren – oder kapieren wollen.

 

Die Botschaft Jesu ist, was man im Englischen ‚a hard sell‘ nennt – es ist nicht unbedingt das attraktivste Angebot. Denn welcher vernünftige Mensch würde der Letzte, die Letzte, das Letzte sein wollen? Doch wir als Lutheraner vertreten die sogenannte ‚Kreuzestheologie‘, eine Theologie, die das Leiden und das Sterben Jesu Christi betont, eine Theologie, die die Aufopferung für andere und den Dienst an anderen betont. Diese Theologie betont auch, dass wir nach Gott unter den Geringsten und den Letzten suchen sollen, und womöglich selbst zu den Geringsten werden.

 

Nun denke ich, dass wir alle wissen, welche Menschen heutzutage die Geringsten und die Letzten sind: Obdachlose, Einwanderer, Flüchtlinge – und gerade in diesen Gruppen sind es auch heute noch Kinder, die am verletztlichsten sind – da gibt es die, die mit Abhӓngigkeiten kӓmpfen, die Älteren, die ihre letzten Tage einsam in Pflegeheimen verbringen. Und wir könnten diese Liste noch fortsetzen.

 

Wenn wir die Ersten im Reich Gottes sein wollen, dann müssen wir zuerst dorthin gehen – dorthin nachfolgen – wo Gott ist und denen dienen, die unter den Letzten sind.

 

Ich möchte gerne mit der folgenden Geschichte schliessen. Ein junger Mann, der studierte, um Rabbiner zu werden, fragte den Rabbi: ‘ Rabbi, begegnen die Menschen Gott nicht so hӓufig wie in alten Zeiten?‘ Der alte, weise Mann seufzte und sagte: ‚Die Antwort, mein Sohn, ist, dass niemand bereit ist, sich so zu erniedrigen.‘

 

Und, als kleiner Nachtrag: was Sie im Bild sehen, ist eines der Resultate von Jonathans Bemühungen in seinem Kunstkurs. Es ist aus einer Plastikflache und Papiermache gemacht. Wir sind mehrere Male damit umgezogen, und es hat etwas gelitten – aber ich mag diesen kleinen, süssen Schlingel (Jonathan las damals mit Begeisterung Phantasy Bücher), und er hat einen Ehrenplatz bei mir im Regal. Zum einen weckt diese Figur bei mir nostalgische Gefühle – wie schnell sind die Kindheitsjahre meiner Kinder vergangen? – zum anderen erinnert sie mich daran, dass Letzter zu sein nicht bedeutet, dass man sich nicht verbessern kann, dass man nichts erreichen könnte, oder dass man nicht etwas Wunderschönes kreieren kann – und dass man nicht von Gott erhöht werden könnte. Bei und mit Gott, der uns alle liebt, ob wir nun oben oder unten sind, ist alles möglich.

Foto: Kerstin Weidmann; Kunstobjekt: Jonathan B.

 

 

 

 

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